tun und zugleich aushalten könne, ehe es ganz breche und vielleicht still stehe.
Er hatte nicht darauf geachtet, wie in diesem Augenblick eine elegante Dame am Arm eines vornehm aussehenden Herrn an ihm vorübereilte.
In der nächsten Hütte suchten die Beiden Obdach vor dem Regen, der jetzt prasselnd und strömend niederfiel.
Talheim stand noch in dem Wetter und achtete es nicht. Ein zweiter Donnerschlag rollte jetzt hinter dem ersten her, vergrub sich immer tiefer zwischen die Berge, in die Täler, weckte immer neuen Widerhall aus allen stummen Felsen und rauschenden Wäldern – es war, als würden viel Hundert Kanonenschlünde auf ein Mal tätig und liessen dröhnende Laute hören, welche nimmer wieder enden und sich zur Ruhe finden wollten.
Da auf einmal fasste Eduin Talheims Arm und bat: "Ach kommen Sie herab in die Hütte, hier kann Sie der Blitz erschlagen – oder wenn das nicht, so durchnässt der strömende Regen Ihre Kleider und Sie können sich erkälten."
Talheim sah erst erschrocken, dann aber freundlich auf den besorgten Jüngling, der, als das Wetter losbrach, die Angst ihn zu suchen getrieben durch Sturm und Regen – sie schritten miteinander den Berg herab.
Da stiess Eduins Fuss auf einen kleinen glänzenden Gegenstand, nach dem er sich bückte und ihn aufhob. Auf der schnellen Flucht vor dem Wetter betrachtete er ihn nicht näher und steckte ihn zu sich.
Auch diese Beiden suchten jetzt in der Hütte Schutz, in welche vor ihnen die Dame und der Herr getreten waren. Diese Beiden sassen im Hintergrund auf einer alten Bank, und die durch den herabsinkenden Abend und das aufsteigende Gewitter zugleich entstandene Dämmerung liess ihre Gesichtszüge nicht weiter unterscheiden. Eine muntere Bäuerin, die Bewohnerin der Hütte, stand am Eingang derselben und rief Talheim und Eduin gleich freundlich entgegen, doch bei ihr einzutreten, bis das Wetter vorüber sei. Die Beiden blieben an der tür stehen und sahen von innen dem Toben draussen zu.
Eduin zog jetzt den kleinen Gegenstand heraus, welchen er vorher gefunden hatte. Es war ein grosses, goldenes Medaillon, am Rand mit Perlen besetzt. Ein leichter Druck öffnete es. Es zeigte auf Elfenbein gemalt das Bild eines schönen blassen, jungen Mannes. Immer spähender, verwunderter betrachtete Eduin das Bild und rief endlich aus: "Das ist mein Vetter Jaromir, nicht nur die Aehnlichkeit täuscht mich – er ist's gewiss und wahrhaftig, da steht unten in das goldene Blättchen eingegraben sein Name."
Talheim starrte auf das Bild. "Er ist's!" sagte er langsam, ward noch bleicher als vorher und verstummte sogleich wieder, denn dieser Name liess ihn auf's Neue in ein tiefes Meer schmerzlich grollender Gedanken versinken.
"Was? Sie kennen ihn auch," rief Eduin überrascht, "und haben mir nie davon gesprochen, wenn ich Ihnen von ihm erzählte, wie er mir schon von Kind auf ein Vorbild war? Mit tiefster Innigkeit hab' ich ihn immer geliebt und seine schöne Mutter, die, als sie mit ihm in das Haus des Vaters kam, mich zu ihrem Liebling machte und mich immer auf dem Schoos wiegte, ist meine frühste und liebste Erinnerung! Wie er dann eine Zeit lang unser Schloss mied und erst wiederkam, nachdem er reich und berühmt geworden, da sagt' ich mir wohl oft: so will ich auch handeln und werden wie er! – Und er hatte mich auch recht lieb und war oft vergnügt mit mir und schickte mir immer gleich jedes seiner Lieder. Nun habe ich ihn seit ein paar Jahren nicht gesehen und plötzlich muss ich hier in den Schweizer Bergen sein Bild finden. Sollte er gar selbst hier sein? Aber nein! Das eigne Bild führt man ja nicht mit sich!"
In diesem Augenblick trat die Dame, die bisher im Hintergrund gesessen, schnell vor auf Eduin zu und sagte: "Nun ich hier so unerwartet diese begeisterte Lobrede auf meinen Freund gehört, darf ich mich wohl als Eigentümerin dieses Bildes bekennen und dem glücklichen Zufall danken, der mir zu der Wiedererlangung des verlornen Kleinodes verhilft und noch dazu durch einen Verwandten des Grafen – wenn ich recht gehört?"
Talheim erkannte die Dame und zog sich von ihr zurück, indem er unwillkürlich leise für sich sagte: "Bella!"
Eduin aber stand wie bezaubert vor dem schönen weib, glühende Röte schoss auf seine Stirn, er zitterte unwillkürlich und hielt, keines Wortes mächtig, das Bild hin. Die Schauspielerin Bella reiste von Paris durch die Schweiz zurück nach Deutschland. Jaromir's Bild begleitete sie immer, sie trug es meist an ihrem Halse, denn wie leichtsinnig sie auch zärtliche Verhältnisse knüpfen und lösen mogte – ihn zählte sie nicht mit in die Categorie ihrer gewöhnlichen Liebhaber, für ihn bewahrte sie in ihrem Herzen einen besonderen Platz. Sie betrachtete ihn mit andern Augen, als die Männer, welche sie so lange zu ihren Sklaven machte, bis sie ihrer überdrüssig war; sie ehrte ihn als ihren Freund, und ihr Gefühl für ihn war ein bleibendes, unveränderliches, aber einfaches Immergrün, während sie wohl für Andere stärkere Gefühle hegte, die aber eben so schnell wieder abblühten, als sie sich vorher entfaltet hatten und aufgewuchert waren. So konnte sie jetzt neben Einem ihrer Anbeter, der ihr von Frankreich gefolgt war, die lebhafteste Freude empfinden, das verlorne Bild des Deutschen Freundes wieder zu erlangen; so konnte es sie überraschend beglücken, hier plötzlich sein Lob von jugendlich begeisterten Lippen zu hören.
Sie