es aber einst so sein, und ich schleppte mich immer noch unglücklich durch's Leben, so wird wohl auch unsere gerichtliche Scheidung kein Hinderniss finden – wäre es dennoch, so will ich kein Mittel scheuen und jedes Opfer bringen, das im stand ist, sie zu bewerkstelligen – und müsst' ich mich selbst – ehrlos nennen. Nur in diesem Falle suche meinen Aufentalt zu erfahren – ausserdem, dies Versprechen nehm ich Dir ab: frage niemals nach mir."
Noch ein Mal brachen alle Wunden seines Herzens auf – zwar hatte er nie mehr an eine Widervereinigung mit Amalien gedacht, zwar hatte er gestrebt, die Liebe zu ihr aus seinem Herzen zu reissen, seitdem er wusste, dass sie sein innigstes Gefühl niemals wahrhaft erwidert hatte – aber noch oft war sein lang und treugehegtes Gefühl stärker gewesen, als sein männlich stolzer Wille, und oft noch hatte er jenes als Sieger gefunden. So begann jetzt in ihm ein neuer Sturm – ihm war zu Mute wie einem Schiffbrüchigen, der das Schiff, auf dem er bisher heimisch durch die wechselnd trübe und klare Flut des Lebens gesteuert, unter sich zerkrachen sieht und Weib und Kind und all' seine Habe von den wilden Wogen verschlungen und da und dortin getrieben. – Alles ist untergegangen, begraben, hinweggespült – und nur obenauf schwimmt die schöne blasse Leiche eines Kindes – die gebrochenen Augen, die staaren weissen Händchen nach der Stelle zu gerichtet, wo in weiter Ferne der einsame Vater verlassen und verzweifelnd steht.
Bei diesem letzten Bilde weilte er am Längsten und immer wieder.
Eduin und Karl traten zu ihm und wollten ihre fröhlichen Nachrichten vom haus für die seinen austauschen – aber als sie den Verehrten so erschüttert und wie in Verzweiflung zusammengesunken vor sich erblickten, wie sie ihn noch niemals gesehen, da traten sie ehrfurchtsvoll von ihm zurück.
Er hatte ihr Eintreten bemerkt und stand auf.
Er ergriff Beider hände und sagte ruhig, indem eine helle Träne aus seinen Augen fiel: "Sie können den grossen Kummer, den ich heute erfahren, kaum ahnend begreifen; ich hatte ein einziges Kind – ich habe Ihnen zuweilen von meinem kleinen Mädchen gesprochen – – es ist tot." – Die Beiden waren zu bestürzt, als dass sie vermogt hätten, Etwas zu erwidern, sie drückten ihm nur innig die Hand und sahen zu Boden. Karl weinte, Eduin warf sich heftig an die Brust des Trauernden. "Ich bin Ihres Mitgefühls gewiss," sagte Talheim nach langer Pause, "aber lassen Sie mich jetzt allein mit meinem Schmerz in die Berge gehen, ergehen Sie Sich jetzt zusammen mit heiterern Genossen – ich werde ruhiger werden wenn ich in der Einsamkeit mit meinem Schmerze trauliche Zwiesprache halten kann." "Alles, was Sie wollen!" sagten Beide. Und so ging Talheim allein hinaus. Und so stand er jetzt einsam auf einer Höhe und sah dem Alpenglühen zu, als sei seine Seele ruhig und ganz verloren in den Anblick eines grossartigen Schauspiels. In den Tälern war es schon Nacht – aber die Höhen glänzten noch leuchtend in Gold und Purpur und Himmelblau. Wie hohe Könige, so ragten die ewigen Alpen empor; wie auf festen Tronen von weissem Marmor, Stahl und Silber – so glänzten die Gletscher; – auf Teppichen von grünem Sammet mit bunter Blumenkante gestickt – so waren die Matten und Felder – wie auf solchen Tronen sassen die grossen Könige, die weiten Mäntel von schneeigem Hermelin umhangen, die das Abendrot zugleich zu schönen Purpuren färbte, goldne Strahlenkronen auf den ernsten Häuptern, von denen die silbernen Locken und Bärte ehrfurchtgebietend niederflossen. Und darüber hinweg die blaue Luft als herab sich senkenden Tronhimmel mit goldner Sternenschrift. – Aber mit einem Mal, gleichsam wie aus der Tiefe aufgestiegen, krochen schwarze Wolken schattend und unheimlich zu den Füssen dieser Trone heran, lagerten trotzig vor ihren Füssen sich nieder; wuchsen endlich immer höher auf, übereinander sich zu dicken Knäueln ballend und verdichtend; wuchsen endlich herum um die Purpurmäntel mit den Kragen von Hermelin und verhüllten sie ganz wie mit grauen hässlichen Decken, und so immer höher, immer weiter, bis nur noch die goldenen Königskronen wie mit unvernichtbarer und unerreichbarer strahlender Herrlichkeit in stolzer Ruhe über sie hinwegglänzten.
Aber da begann ein Murmeln, Grollen und Rollen in den finstern Wolken – dann wurde es lauter, wilder, heftiger, endlich riss eine gelbe Blitzesschlange nach allen Seiten hinzüngelnd die dichteste Wolkenschicht auseinander, und furchtbar krachend wetterte zugleich ein dröhnender Donnerschlag wie erderschütternd vom Himmel nieder. Mit Eins brach die Blitzschlange von ihrem geheimnissvollen Lager auf und hervor – mit Eins fand der Donner seine furchtbar dröhnenden Posaunentöne, mit denen er aus der Höhe hernieder rief wie der Engel des Weltgerichts – und mit Eins sanken plötzlich die goldnen Kronen von den blassen Stirnen und silberweissen Locken der Könige. Nun begann ein tobender Kampf der Elemente, es war, als hätten alle die Waffen ergriffen, eines wider das andere, und schleuderten jetzt ihre unheilbringenden, lärmenden Geschosse.
Und Mitten in diesem Aufruhr stand Talheim und bot seine Locken dem Sturm.
Ein Gewitter in der Alpenwelt! Da mogte wohl dem, der es noch nimmer erlebt, zu Mut sein, als gehe die Welt aus ihren Fugen!
Aber nicht geringer war der Aufruhr in der Brust dieses schmerzerschütterten Menschen, der jetzt Mitten in diesem Toben stand. Er fasste zuweilen krampfhaft mit der Hand nach der Stelle seiner Brust, hinter welcher sein zuckendes Herz schlug, um zu fühlen, wie viel Schläge es wohl noch