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. Karl und Eduin empfingen Briefe aus den väterlichen Häusern mit herzlichen Grüssen und fröhlichen Nachrichten von allseitigem Wohlergehen. Auch für Talheim lagen zwei Briefe bereit, der eine von Amalien, der andere von Bernhard, seinem Bruder. Er wunderte sich, dass ihm dieser geschrieben, denn der Briefwechsel zwischen diesen beiden Brüdern war immer unbedeutend gewesen und hatte sich nur auf einfache Notizen beschränkt, damit sie nur nicht ganz ausser Verbindung kämenaber hierher hatte er ihm ja nicht einmal seine Adresse gegeben. Weil ihm dies Schreiben so befremdlich vorkam, so öffnete er dies zuerst und warf einen hastigen blick hineinund wieder und wiederund sah schärfer hin, denn vor seinen Augen flimmerte es und die Buchstaben schwankten alle unruhig auf dem Papier vor ihm hin und hersie schienen alle zu zerfallenden, morschen, schwarzen Kreuzen zu werden, die auf einem Kirchhof schief untereinander stehen und im Mondlicht am Charfreitag, wo alle Gräber sich erschrocken aufspalten, darauf ruhelos hin und wieder wanken, sich neigen und beugenund doch immer schwarze Kreuze bleiben, Kreuze auf einem Kirchhofso sagten auch ihm die Buchstaben immer dasselbe, obwohl er es ihnen nicht zugeben, durchaus nicht glauben wolltesie stellten sich doch immer wieder so vor ihm zusammen, dass er lesen musste:

"Dein Kind ist totDein einziges Kind Deine Anna!"

Er sass da in sich zusammengesunkener wagte kaum zu atmen, am Wenigsten zu denken.

Mechanisch griff er nach dem andern Brief, der von seiner Gattin kam. Das Datum, welches er trug, war ein um vier Wochen späteres. Bernhards Brief hatte wahrscheinlich schon länger als jener hier gelegen.

Er las. Nochmals fand er das Grässliche bestätigt.

Amalie schrieb ihm:

"Unser Kind ist tot. Ich hatte lange nicht die Kraft, Dir das Entsetzliche zu schreibennun Du es bereits durch Bernhardt weisst, finde ich den Mut eher."

Sie schilderte ihm herzzerreissend ihren Jammer um den Verlust ihres einzigen Kleinodesherzzerreissend die Leiden der letzten Stunden des so frühe Engel gewordenen Kindesdann fuhr sie fort:

"So ist auch das letzte Band gelöst, das uns noch zusammenhielt, und so ist auch dies der letzte Brief, welchen Du von mir erhältst. Betrachte mich auch als eine Gestorbene, als sei ich mit unserm kind zugleich begraben worden. Wollte Gott, es wäre so! Für Dich wenigstens soll es so sein. Binnen Kurzem verlasse ich meinen jetzigen Wohnort und werde Gesellschafterin bei einer vornehmen und hochgeachteten Damefrage nicht das Weitere, spähe nicht danach, wohin wir gehen, Du sollst es nicht erfahrenauch nicht durch Deine Brüder, denn deshalb habe ich es auch ihnen verschwiegen. So lange ich noch die Mutter Deines Kindes war, so lange ertrug ich es, von Deiner Güte, welche ich so oft gemissbraucht, auch den Unterhalt für mich zugleich mit dem anzunehmen, was Du mir zur Erziehung unseres Mädchens sandtest. Nun hab' ich keinen Zweck mehr im Leben, für Dich bin ich gar Nichts mehrund da es denn einmal gelebt sein muss, so ist es nun meine Schuldigkeit, mir nun die Mittel zur Existenz selbst zu verschaffen. Ich habe dazu das passendste Mittel ergriffen, indem ich Gesellschafterin werde."

"Ich danke Dir nochmals für alle die Güte und Langmut, mit welcher Du mich in den Jahren unserer unglücklichen und qualvollen Ehe behandelt hast. Ich habe sie nicht verdient, wie ich ja überhaupt Dich selbst und Deinen Besitz niemals verdiente und verdienen konnte. Du warst ein höheres Wesen neben mirDu hättest mich niemals lieben sollenso tief habe ich unter Dir gestanden, das habe ich wohl gefühltund eben weil Du so hoch über mir warst, konnte' ich Dich nicht liebenDeine Grösse drückte mich niederund um selbst weniger diesem beschämenden, lastenden Gefühl zu erliegen, strebte ich Dich zu verkleinern."

"Auch Du wirst es mir niemals vergeben können, dass ich die Kette ward, welche Dich in niedere Verhältnisse bannte, statt dass Du mich erheben wolltest. Wir haben uns gegenseitig das Leben erschwert, ohne dass wir es gewollt habenes ist gut, dass wir getrennt sindso wirst Du mich vergessen und Alles, was ich Dir sein sollte und nicht sein konnte und von mir ist der Druck genommen, als eine Heuchlerin durch's Leben gehen zu müssen."

"Ich bin allein und grenzenlos elendaber eben weil ich allein bin, so trage ich's leichterso kann ich eher Ruhe finden. Deine Liebe und Grösse wird mir nicht mehr zur Qual, und der Gedanke an Jaromir hat für mich keinen Stachel der Liebe mehrdenn wenn ich jetzt noch an ihn denke, so geschieht es nur mit Hass und Verachtung. – Mein Kind ist totich fange nun an, auch darüber ruhiger zu denken, denn es tröstet mich, dass es ein Mädchen war, und dass ein Mädchen zu keiner andern Bestimmung geboren wird, als zu der: unglücklich zu sein."

"Lebe wohl und für immervergieb mir, dass ich Dir viele Jahre Deines Lebens hindurch Glück und Frieden gestohlen habeich kann Dir diesen Raub nicht vergütenaber ich will ihn wenigstens nicht noch vergrössern."

"Noch Eines: Du bist durch die Ehe zu unglücklich geworden, als dass ich glauben sollte, es triebe Dich zu einer zweiten Verbindung, Sollte