argwohnvergiftete Brust geschlagen haben und von sich selbst beschämt worden sein. –
Gustav Talheim, der Aelteste der drei Brüder, weilte in der Schweiz.
Die Beiden jungen Leute, welche er begleitete, Karl von Waldow und Eduin von Golzenau, hatten sich auf's Liebendste an ihn angeschlossen. Karl war ihm sogleich mit heitrer Freundlichkeit entgegen gekommen. Er war das, was man einen "guten Jungen" zu nennen pflegt. Er schloss sich leicht und schnell an Jedermann an und pflegte allen augenblicklichen Eindrücken zu folgen. Er war leichtsinnig, aber mit dem besten Herzen von der Welt. Sein Gemüt war ungleich hervorstechender, als sein Geist. Immer gefällig, munter, aufgeregt liess er, wenn er vielleicht auch nicht zu Uebereilungen zu verführen war, sich doch eben so leicht zum Guten leiten – und so war es für ihn ein Glück, bei guten Anlagen aber Mangel an grundsätzen und jeder Art von Tiefe und Charakterfestigkeit der ernstfreundlichen Leitung eines Menschen wie Talheim anvertraut worden zu sein, der er sich dann auch mit kindlicher Hingabe überliess.
Anders war es mit Eduin. Er hatte anfangs eine Vorurteil gegen den aufgedrungenen Mentor, denn erglaubte mit achtzehn Jahren vollkommen mündig zu sein, um seinen Weg durch die Welt allein und selbstständig zurücklegen zu können. – Ein tiefer Ernst, ein hochfliegender und weitstrebender Geist waren die Grundtypen seines über seine Jahre hinaus entwickelten Wesens. Meist verschlossen, in sich gekehrt, ja abstossend, war er nicht der Mann, der Anfangs auf Jemanden einen angenehmen Eindruck hätte machen können. Dabei war er wortkarg und hölzern, so jedoch, dass man nicht wusste, ob diese Eigenschaften Folgen eines eitlen Dünkels oder knabenhafter Schüchternheit waren. Talheim war Menschenkenner genug, um bald zu finden, wie ungleich mehr es lohne, nach der Liebe und dem Vertrauen dieses schwerzugänglichen Herzens zu streben, als nach dem Karls, dass sich jedem freundlich Entgegenkommenden sogleich fröhlich öffnete und sonder Rückhalt anschloss. Lange Zeit sah er sich von Eduin nur mit kalter Höflichkeit behandelt. Ein an sich unbedeutender Vorfall hatte aber Alles geändert. Die drei Reisenden hatten einst einen Ausflug zu Pferd gemacht. Die Dunkelheit hatte sie übereilt, als sie auf dem Rückweg waren, es brach eine Gewitternacht herein mit kaum aufhörendem Blitzen und Wetterleuchten. Davor scheute Karls Pferd, warf den Reiter ab und entfloh. Talheim war um den Verwundeten beschäftigt. Eduin suchte das Pferd wieder zu fangen und bracht' es triumphirend zurück. nachher sagte Talheim: "Mir wär' es das schönste Geschäft, im Stillen Wunden zu verbinden und Balsam aufzulegen – für Sie taugt es besser, in's Weite zu jagen und widerspenstigen Trotz zu besiegen – so will ich die Jugend – einst war ich auch so."
"Und es wird Zeit, dass ich anders werde?" antwortete Eduin kalt und höhnisch fragend.
"Nein – es wird höchstens Zeit, dass Sie Anderes als ein Ross bezwingen lernen – denn das Wort ist so wahr als alt: Wem Viel gegeben, von dem wird Viel gefordert werden –" versetzte Talheim.
"Meinen Sie – dass ich lernen soll, mir selbst die Zügel überzuwerfen? – O, der Mühe hat mich ja mein Vater überhoben," sagte Eduin gereizt, "er hat mir ja die Zügel selbst umgelegt und dann zur Leitung in geübte hände gegeben."
Talheim nahm seine Hand und sah ihn fest an, indem er ruhig sagte: "Sie wollen mich beleidigen – Womit hab' ich das verdient? Wenn ich noch ein Jüngling wäre, würde ich mich in Ihre arme werfen und sagen: Wir denken gleich in Allem – lass' uns Brüder sein! Vor funfzehn Jahren würde' ich dies gekonnt haben – aber ich weiss es wohl: das Alter muss vergebens betteln gehen um die Liebe der Jugend, weil man in jeder Falte des Angesichtes die Linie eines strengen Richtmaasses zu sehen wähnt – und doch! – Eduin, wären wir uns früher begegnet – wir hätten uns einander ebenbürtig gefunden – nun trennt uns die Kluft der Jahre und wenn ich über sie hinweg meine arme nach Ihnen ausbreite, so stehen Sie argwöhnisch mir gegenüber und bleiben fern –" eine grosse Träne war in sein Auge getreten – da lag plötzlich Eduin zu seinen Füssen – erst jetzt verstand er die liebestarke Seele dieses hohen Menschen.
Eduin rief: "Vergeben Sie meinem Stolze – Ihre Freundschaft schien mir ein unerreichbar hohes Gut – ich sagte mir Tausend Mal, dass es Knabentorheit sei, darum zu werben – und im gleichen Maas, als ich Sie liebte, mogt' ich nicht von Ihnen mich lenken lassen – ich wollte Ihnen gegenüber kein Kind sein, weil ich danach strebte, von Ihnen geliebt zu werden."
Diese Stunde, als der liebgewordene Zögling endlich dieses stolze geständnis an Talheims Herzen ausweinte, war für diesen die schönste, welche er seit langer Zeit empfunden.
Und so hatte von da der stolze, schwärmerische Jüngling sich mit der innigsten Zärtlichkeit an Talheims Herz gehängt, und oft forderte er in jugendlichem Aufwallen edelster Gefühle das Schicksal heraus, ihm den Augenblick zu schicken, wo er dem geliebten Freund beweisen könne, dass er bereit sei, für ihn zu leben und zu sterben und Alles zu tun und zu dulden und hinzugeben, was das Leben bieten und das Sterben erschweren könne.
Monate waren seitdem schon vergangen. Jetzt weilten die drei in der Schweiz. Nun eben waren sie an dem Ort angekommen, wo sie die nächsten Briefe zu finden erwarten konnten