, sobald er einmal den Entschluss fasste, wieder gefasst zu sein, gleichsam zu sich selbst sagte: Nun ist's genug, und im Moment all' seine Ruhe wieder hatte.
Mit dieser begann er jetzt: "Es sind die Arbeiter in Felchners Fabrik, auf welche ich schon seit einem halben Jahr ein wachsames Auge geworfen habe. Einer von ihnen, Franz Talheim genannt, hatte ein Buch geschrieben: 'Aus dem armen Volk – Allen Menschenfreunden gewidmet.' Dieses Buch war mir in die hände gefallen – es entielt die allerübertriebensten Schilderungen von der Not der arbeitenden Classen. Ein Arbeiter derselben Fabrik hatte mir dies Buch gegeben. Sie wundern sich, wie ich mit einem solchen Menschen zusammenkam? – Nun wohl, es war schon längst von communistischen Verbindungen in Deutschland unter dem Fabrikvolk die Rede gewesen – man hatte sie aber noch nie entdecken können – ich hatte mich verbindlich gemacht, dass ich, wenn und wo solche existirten, sie auch würde ausfindig zu machen vermögen. Aber ich wusste. wie ich es anzufangen hatte. Ich begab mich hier in die nächste kleine Stadt – unter einem andern Namen – ich nannte mich Stiefel – und mit einer falschen Haartour unkenntlicher gemacht, begab ich mich in die Vierstuben und Schänken und suchte Verkehr mit diesen Leuten, um ihre Stimmung zu erforschen. Endlich gelang es mir, einen der Fabrikarbeiter bei Felchner mir ganz dienstbar zu machen. Von ihm hab ich immer die gewissenhaftesten Berichte erhalten über das, was seine Kameraden vornahmen. Nachdem ich ihn geworben, kehrte ich wieder in die Residenz zurück und durchspähte andre Distrikte, wenn auch nicht mit gleichem Erfolg. Eines Tages entdeckte ich, wie jener Franz Talheim einen Bruder als Gelehrten in der Residenz habe, welcher sich plötzlich auf eine auffallende Weise von Weib und Kind trennte und seine Stelle aufgab – Niemand wusste so eigentlich, weshalb? – Dass er sich auch mit Schriftstellerei beschäftige, war längst bekannt – und solche Menschen sind immer verdächtig. Ich erfuhr, dass er später, bevor er mit einem jungen Grafen eine weite Reise angetreten, sich hier bei seinem Bruder aufgehalten habe. Nach allen Erkundigungen, die ich einzog, erschien mir dieser Mensch als ein Radicaler von der gefährlichsten Sorte. Verdacht häufte sich auf Verdacht – ich stellte bei seiner Frau eine Haussuchung an. Sie wollte sich widersetzen – denn sie mogte fürchten. Leider schien ihr Mann sehr vorsichtig gewesen zu sein – er mogte alle Papiere, Korrespondenzen und Mannscripte, welche gegen ihn zeugen konnten, mitgenommen haben. Aber aus einigen Stellen in den Briefen, welche er an seine Frau geschrieben, wurden doch alle meine Vermutungen bestätigt. Dieser Talheim reiste jedenfalls als ein communistischer Missionair – er reiste nach der Schweiz, Belgien und Frankreich – vermutlich, um sich dort am Heerde des Communismus neue Funken und Feuerbrände zu holen, welche er in den unterirdisch ausgehäuften Zündstoff werfen könnte. Aber welch' überraschende Entdeckung musste ich noch machen! Der freimütige und berühmte Schriftsteller: Graf Jaromir von Szariny war ebenfalls in Verbindung mit diesen Talheims! Ich fand Briefe von ihm aus früherer Zeit – die Gattin wollte es zwar leugnen, dass diese Verbindung noch bestände – allein wie fand ich es bestätigt, als ich diesen Szariny h i e r traf. Er hat sich hier angesiedelt, um sich nun in unmittelbare Verbindung mit den Fabrikarbeitern zu setzen. So eben berichtete man mir, dass er gestern den Mut gehabt, sich in der ganzen Fabrik herumführen zu lassen, die Arbeiter aufzuhetzen, Geld unter sie, besonders unter die Kinder zu verteilen, und – –"
In diesem Augenblick hörte man das Rauschen eines Seidenkleides – die Geheimrätin kam zurück. Die Unterhaltung unter vier Augen war abgebrochen.
"Kommen Sie morgen früh zu mir, ich – oder viel mehr die Regierung bedarf Ihrer Dienste," sagte Schuhmacher zum Geheimrat, als er sich entfernte.
VIII. In der Schweiz
"Horch wie die Reuss im Sturze in's Tal jetzt nieder
klingt,
Und wie ein Gemsenjäger von Fels zu Felsen springt;
Sieh, wie der Vollmond drüben aufglüht so rot wie Blut
Und lauf dem Gottard mälig erlischt die Opferglut."
Anastasius Grün.
An demselben Abend, wo die Zwei die wichtige, für Beide nur zu schnell abgebrochene Unterredung geführt hatten, arbeitete Schuhmacher noch bis tief in die Nacht für das Wohl des Vaterlandes. Er ging noch ein Mal all' diese mühsamen und erzwungenen Zusammenstellungen und Beziehungen durch, in welche er hungernde Fabrikarbeiter mit einem ernsten, unglücklichen Privatgelehrten, der zwei vornehme junge Leute auf Reisen begleitete, mit einem schwärmenden Dichter, dem seine erste Liebe gelogen hatte und der eben jetzt willen- und ahnungslos eine neue strahlendheisse Flamme in seinem Herzen aufglühen und von ihr sich leiten liess, so glücklich gebracht hatte. Auf dieselbe geschickte Art hatte nun Schuhmacher auch die ganze schlechte Presse und Tagesliteratur mit der Not geistig und körperlich verkümmernder Kinder in eine harmonische Einheit gebracht und nun war er damit beschäftigt, in dieses aus so verschiedenen Elementen geordnete Ganze auch die widersetzlichen Eisenbahnarbeiter in passender Weise einzureichen.
Während seine an mühsamen Combinationen und geschickten Erfindungen so schöpferische Seele über diesem Chaos ineinander geworfener Umstände finster brütend lag, stand einer von Denen, in dessen Inneres er so gern einen Spionenblick geworfen hätte, weit von ihm entfernt und sah dem Alpenglühen zu. Und hätte Schuhmacher doch zu dieser Stunde in die klare hohe Seele dieses edlen blicken können – er würde dadurch beschämt vielleicht die eigne Erbärmlichkeit gefühlt oder doch vielleicht einmal an die