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treuem Gehorsam gegen Vorgesetzte, aus achtung einmal übernommener Pflichten. Dazu gesellte sich ihm die Furcht der Erfahrung, dass eben, wer die Macht habe, immer Recht behalte, und dass einige arme Arbeiter gegen diese Macht, welche sie beherrschte, nicht das Geringste würden ausrichten können, weder im Guten, noch im Bösen. Desshalb also mogte er nicht gemeinschaftliche Sache mit den Widersetzlichen machen und zog sich deshalb mit guter Art ganz von dem Schauplatz zurück, auf welchem jene wahrscheinlich ein elendes Trauerspiel aufführen würden; – und weil er sich sagte, dass er darin ganz verständig und nach seinem besten Gewissen handle, so war er unbefangen genug, dem fremden Geheimrat den wahren Sachverhalt zu sagen. Als aber dieser nach den Führern zu fragen begann, begriff Adam plötzlich, dass nun seine fernere harmlose Aufrichtigkeit hässliche Angeberei sein würde, dass man ihm nun, weil er mit den Kameraden nur keine gemeinschaftliche Sache habe machen mögen, zu deren heimlichen Feind machen wolle, und dass er vielleicht zu ihrem Verderben beitrage, wenn er die fragen, welche man nun ihm vorlegen mögte, eben so offen und arglos beantworte wie die früheren. Gegen diesen Gedanken schon empörte sich die Deutsche Ehrlichkeit und biedere Freundestreue so heftig in seiner redlichen Brust, dass er den Geheimrat auf die erste verfängliche Frage mit einem plötzlich herausgestossenen: "Herr!" förmlich anfuhr. Aber sich sogleich im inneren unwillkürlich selbst zurechtweisend, dass eine solche Heftigkeit wider den ihm doch eigentlich zur andern natur gewordenen Respect gegen vornehme Leute und Beamte sei und in dem Gefühle, dass Vorsicht zu allen Dingen gut, fügte er dem aufgebrachten "Herr!" höflich hinzu:

"Führer gab es eigentlich ja gar nicht, denn das Ganze war doch nur so ein schnelles Vorhaben und keine lange vorher abgeredete Sache. Einer raunte es dem Andern zu, wie ich schon gesagt: morgen arbeiten wir nicht und das war Alles. Und wie ich sah, dass sie fest entschlossen waren und Gegenrede nur Drohungen hervorrief, so macht' ich mich aus dem Staub."

"Und wie es nun wirklich abgelaufen, davon wissen Sie Nichts?"

"Wie sollt' ich auch? Weil ich eben fort ging, ehe der Teufel los wargleich gestern Abend. Die Nacht blieb ich dann im nächsten Dorf und heute Mittag bin ich vollends hierher gegangen."

Der Geheimrat ging aufgeregt im Zimmer hin und her, Adam wünschte je eher je lieber von ihm loszukommen, und da er wohl merkte, dass, da Jenem so sehr Viel daran zu liegen schien, über die Sache mehr zu wissen, er wohl noch manche Frage würde beantworten sollen, wie er's vielleicht nicht ohne Verlegenheit konnte, so kam ihm ein guter Gedanke, um fort zu kommen, und er sagte: "Heute ist gerade der Tag, wo der Bote Martin von hier nach dem der Eisenbahn nächst gelegnen Flecken geht und Abends wieder zurückkommt, von dem könnte man wohl Etwas erfahren, ich will doch zusehen, wo er steckt, zurück kommt er immer um diese Stunde und dann kann ich Ihnen wohl mehr erzählen."

Dies Mal kehrte sich das verhältnis um; die Maus hatte die Katze gefangen. Der Geheimrat ging glücklich in die Falleer entliess nach diesem Vorschlag Adam gern. Dieser wusste recht gut, dass Martin immer erst einige Stunden später zurückzukommen pflegteunterdessen kam die Nacht und er selbst war des Verhörs entoben.

Schuhmacher trat nun wieder aus dem Nebenzimmer.

"Was sagen SieFreund?" sagte der Geheimrat mit einer vielsagenden Miene.

"Freund! Das ist ein furchtbares Complot! Gewiss ein sehr weit verzweigtes, dem auf den Grund zu kommen wir Alles aufbieten müssen!" rief Schuhmacher.

"Und Sie wussten davon Nichts?"

"D a v o n ?! Mein Gott im Himmel, nein! Das ist Alles ganz heimlich gekommenwie der Dieb in der Nacht!"

"Und was führte Sie sonst zu mir? Und was liess Sie sonst von staatsgefährlichen Bewegungen in unsrer Nähe sprechen? Von gefährlichen Feinden der Regierung und der bestehenden Ordnung, die Sie mich wollten nicht unter Studenten, Schriftstellern und Bürgern, sondern in den untersten Classen der Gesellschaft kennen lehrenwenn Sie mich an die Eisenbahnarbeiter –"

"Eisenbahnarbeiter, Eisenbahnarbeiter!" fiel ihm Schuhmacher hitzig in's Wort. "Wer hat an Eisenbahnarbeiter gedacht! Durch diese Entdeckung tritt die ganze Sache in ein neues Licht, in eine neue Phase! – F a b r i k a r b e i t e r – so hiess meine Loosung und das haben Sie übersehen können! Und ich habe die Eisenbahnarbeiter übersehen – – o, da sind ungeheuere Fehler geschehenes ist himmelschreiend –" und in hitziger Wut wie ein Mensch, der mindestens ein verlorenes Königreich bejammert, rannte er in der stube auf und niederendlich warf er sich erschöpft in einen Lehnstuhlatmete tief auf, fuhr sich mit dem seidnen Schnupftuch über die Stirn, auf welcher grosse Schweisstropfen standenatmete tief aufund hatte die verlorne Fassung wieder. – Gewohnt, sich immer zu beherrschen, im Leben oft die verschiedensten Rollen durchzuführen, die unähnlichsten Masken vorzunehmen, war es ihm eine ordentliche Wohltat, wenn er sich einmal ohne Zeugen sah, vor welchen er nötig hatte, seinen inneren Bewegungen zwängende Hemmketten anzulegendann überliess er sich denselben ganz, liess sie eine Weile toben, bis er dann nach diesem Aufruhr