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Ist denn der Lohn so gering?"

"Nun, Viel setzt es freilich nicht, indessen, wir waren gerade nicht unzufrieden, wir hier aus der Gegend wusstens nicht anders. Aber da sind viel Ausländer unter uns, die hetzten uns auf und meinten, sie hätten bei andern Bahnen viel mehr gehabt. Nun wollten wir die und jene Erleichterung habenwir kamen deshalb ein; Alles in Ordnung und Friede. Darauf hiess es, unsere Sache wäre verschickt und wir bekämen gewiss bald Erleichterung und manchen Vorteil. Ein paar Wochen vergingenauf einmal hiess es: nun käme die Erleichterungnein und wissen Sie, was das war?"

"Nun?"

"Es ist zu närrisch! Man machte uns bekannt, dass, wenn wir an unsre Angehörigen Briefe mit Geld schicken wollten, wir kein Porto zu bezahlen brauchten. Nun da schlag Einer ein Rad! Könnten wir so Viel Geld verdienen, dass wir welches wegschicken könnten, so würde gewiss Keiner klagen und das Porto würden wir da vielleicht auch noch zusammen bringen können."

"Nunund Ihr waret also damit nicht zufrieden?"

"Gnädiger Herr, wir, die wir vorher nicht gerade unzufrieden gewesen waren, wir lachten nur über so eine Verordnung und liessen es gut seindie Andern aber murrten und sagten, sie liessen es nicht gut sein – – Da wird aber einem ehrlichen, ruheliebenden Kerle, wie ich nicht wohl bei solchen Gesichtern, bei solchem tückischen Treiben. – Wie mir nun der Arm jetzt weh tat, nahm ich's für ein Zeichen, 's sei wohl das Beste, jetzt wegzugehen. Nun calculirt' ich: Keiner von uns soll arbeiten, bis man ihm höhern Lohn versprichtgut! Verspricht man den höhern Lohn und geht Alles vergnügt und lustig an die stehen gelassene Arbeit, so geh' auch ich vergnügt und lustig mit daranläuft es aber schlecht abzwingt man uns, wieder wie erst um denselben Tagelohn zu arbeiten, hetzt' uns wohl gar mit Soldaten dazu und bestraft die, die es erst anders gewollt habenmuss man's wohl auch gut heissen, denn wer die Macht hat, hat das Recht, und das Recht muss wohl immer gut sein. – Dann, calculirt' ich, arbeit' ich auch wieder mit, aber Niemand kann mir Etwas anhaben, denn ich bin gar nicht da gewesen, sondern krank zu haus wie der Teufel los ging."

"War also etwas Bestimmtes beschlossen?"

"Weiter gar Nichtsals gestern, wie es von der Arbeit heim ging, sagt' es Einer dem Andern: Bruder, morgen machen wir gleich früh Feierabendkeine Hand rührt Etwas anund wer doch an die Arbeit gehen will, dem soll's bald vergehen, wir werden keine grossen Umstände mit ihm machen, er mag seine Knochen wahrenso hiess es, und so sagte man weiter: wenn sie dann kommen und fragen, was das heissen solle, dass wir Feiertag machten, so antworten wir, dass wir für so geringen Lohn etwas Besseres tun könnten, als uns den ganzen Tag zu plagen; wenn man uns nicht verspräche, uns täglich wenigstens einen Groschen zum Lohn zuzulegen, so mögten die Herren Actionaire die Bahn mit eignen hohen Händen fertig bauenwir fragten dann den Geier danach. So würden sie schon klein zugeben, hofften die Leute – – mir aber ward gar nicht wohl zu Mute und wie ich schon sagteda macht' ich mich in der Stille auf und ging heimdass ich fortgelaufen, kann kein Mensch sagen, denn ich habe dem Aufsher meinen gelähmten Arm gezeigt und Urlaub genommen."

"Das ist eben so pfiffig gehandelt, als treuherzig gesprochen," sagte der Geheimrat – "eigentlich hätten Sie aber den Aufsässigen Gegenvorstellungen machen sollen."

"Habe wohlaber was nutzt das? Da schimpfen sie Einen gleich einen feigen Lumpenhund, eine Schafnatur und was der Ehrentitelchen mehr sind, und was man zum Frieden redet, das hilft nicht das Geringste. – Wer am Meisten schreit, schimpft und flucht, der ist ihnen dann der rechte Mann, vor dem haben sie Respect, auf den hören sie, den machen sie zum Führerund sonst Keinen."

"Und das waren Ausländer oder –"

"Herr!" fiel ihm Adam in's Wort und seine Stirn ward plötzlich zornrotaber eben so schnell, als er das eine Wort gesagt, brach er auch ab und schwieg wieder. – Der Geheimrat hatte Recht; Adam war wirklich so pfiffig als treuherzig; bei der letzten Frage erriet er plötzlich, dass man ihm zum Angeber machen wollte, und dagegen empörte sich seine redliche, Deutsche natur. Adam war ein echter Typus Deutschen Charakters. Er war nicht gerade unzufrieden, aber da man ihm gesagt hatte: er verdiene es eigentlich, bessere Arbeit zu haben, als eben diese, so dachte er, ein höherer Lohn sei freilich mitzunehmen und eine schöne Sacheaber er fürchtete sich, dazu einen entscheidenden Schritt zu tun, ein Mal, weil er überhaupt träge zur Tat war und lieber geduldig wartete, bis, wie ihm die Ausländer höhnend zuriefen: die gebratenen Tauben ihm einmal aus der Luft in den Mund geflogen kämen; – und dann aus angestammter Liebe zu Frieden und zur Ordnung, aus christlicher Ergebung in die einmal bestehenden notwendigen Uebel, aus angeborner Unterwürfigkeit und