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begreife jetzt immer noch nicht klar, wo Sie hinaus wollendenn die Nachricht von den Unruhen der Eisenbahnarbeiter ist doch zu neu, bedarf noch der Bestätigung."

Schuhmacher fiel dem Geheimrat in's Wort: "Unruhen, Eisenbahnarbeiterwas wollen Sie damit?"

"Also ist es nicht gegründet?" fragte der Andere gelassen. "Dass Sie es hätten lange vorausahnen können, schien mir mindestens unglaublich."

"Ich bitte Sie um Gottes willen," rief Schuhmacher ausser sich, "was wollen Sie mit den Eisenbahnarbeitern? Was wissen Sie?"

"Sie wissen also Nichts?"

"Foltern Sie mich nicht länger, reden Sie heraus."

"Nun, da Sie es nicht wissen, ist es gewiss nur ein leeres Gerüchtmeine Wirtsleute erzählten mir, die Arbeiter an der nächsten BahnSie wissen, man arbeitet jetzt ungefähr sieben Stunden von hierhätten ihre Arbeit eingestellt, um einen höhern Lohn zu erzwingen."

"Das wäre ja entsetzlich! Und wenn soll das geschehen sein?"

"Ich glaube erst heute."

"Sonst hätt' ich es wissen müssenich muss sogleich mit Ihren Wirtsleuten sprechen, die geschichte von ihnen selbst hören. – Waren sie dort?"

"Ich glaube, Ihr Sohn arbeitet dabei und ist eben zurückgekommen, um sich so aus der Schlinge zu ziehen."

"Teuerster Freund! Erweisen Sie mir vor allen Dingen die gefälligkeit, lassen Sie diesen Menschen unter irgend einem Vorwand zu sich kommen, fragen Sie ihn geschickt aus und erlauben Sie mir, im Nebenzimmer Ihr Gespräch mit anzuhören, es wird dies ungleich zweckmässiger sein, als wenn ich sogleich selbst mit ihm rede." Schuhmacher rannte aufgeregt, bestürzt und nachsinnend zugleich in der stube hin und her. Der Geheimrat mass ebenfalls das Zimmer, aber mit langsamen, abgemessenen Schritten. – Beide waren nachdenklich, jeder in seiner Sphäre und seiner Weise.

Der Geheimrat trat an's Fensterdrunten im Hof war sein Diener beschäftigt, Stiefeln zu putzen und schäkerte dabei mit einer muntern Bauerdirne, welcher er drohte, mit der Bürste voll Schuhwichse über ihr flachsblondes Haar zu fahren, wenn sie sich noch länger gegen einen Kuss sträube. In diesem allerliebsten Kriege war er eben nahe daran, Sieger zu werden, als der Ruf seines Herrn vom Fenster herab diesem ein unerwartetes Ende machte.

"Was steht zu Befehl?" schrie der Diener, mühsam seine üble Laune verbergend, als Antwort hinauf, während die Dirne kichernd und verschämt in den Kuhstall eilte.

"Ist unten der Sohn der Wirtin zu haus, der vorhin angekommen ist?"

"Gnädiger Herr, ich werde zu Dero Befehl erst nachsehen," war die umständliche Antwort.

"Was giebts?" rief mit Stentorstimme ein kleiner stämmiger Bursche aus dem haus herauses war derselbe, von dem die Rede war, der Eisenbahnarbeiter Adam, welcher das Frag- und Antwortstück von Herr und Diener mit angehört hatte und jetzt heraustrat.

"Wollten Sie wohl einmal zu mir heraufkommen," rief der Geheimrat dem Burschen zu, "ich wünschte mit Ihnen zu sprechen."

Der Bursche nahm ehrerbietig die Mütze ab und sagte höflich aber mit grober stimme: "Ich komm gleich."

Schuhmacher gab dem Geheimrat die Hand. "Die Regierung wird es Ihnen Dank wissen, wenn Sie auch dieser Angelegenheit sich annehmen!" sagte er feierlich. "fragen Sie den Menschen geschickt ausich gehe in das Nebenzimmer," und damit huschte er schnell zur tür hinaus, als er bereits schwerfällige Tritte auf der Treppe hörte.

Adam trat ein und drehte stumm die Mütze in der Hand.

"Man hat mir gesagt," begann der Geheimrat, "dass Sie Arbeiter bei der Eisenbahn sind?"

"Ja," war die kurze Antwort.

"Ist es wahr, dass die Leute dabei heute ihre Arbeit eingestellt haben?"

"Sie hatten's im Willen."

"Sie wollten nur und es ist nicht geschehen?"

"Das weiss ich nicht so genau."

"Guter Freund, antworten Sie mir ordentlich und ohne Scheues liegt mir sehr Biel daran, über diese Sache Etwas zu erfahrenund es soll sein Schade nicht sein, wenn ich Wahrheit zu hören bekomme."

"Der Herr haben wohl viel Actien dabei?"

"Neinkeine einzigeich habe einige Leute, welche ich für zuverlässige und gute Arbeiter hielt, zur Arbeit bei dieser Bahn empfohlen, sie sind angenommen worden und es sollte mir leid tun, wenn sie sich mit bei den Unruhstiftern befänden, oder auch, wenn sie nicht mit zu diesen gehörten, aber mit unter ihnen, unschuldig mit den Schuldigen leiden müssten. Erzählen Sie mir also Alles aufrichtig und wie es kommt, dass Sie Sich heute hier befinden, da doch weder Feiertag noch Sonntag ist?"

"Ja sehen Sie," sagte der Bursche treuherzig und durch die freundliche Art, mit welcher der Geheimrat zu ihm sprach, zutraulich gemacht, "das ist ein närrisches Dingdas Beil war mir auf den Arm gefallen, ich konnte nicht ohne grosse Schmerzen arbeiten, da dachte' ich: es ist besser, Du gehst jetzt für krank nach hausund so bin ich denn da. Feiertag steht heute freilich nicht im Kalenderauf der Bahn wird aber wohl welcher gewesen sein."

"Wie sodie Leute mögen nicht mehr arbeiten?