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hatte vergebens versichert, dass er sich ganz wohl fühle und einen ordentlichen Abscheu gegen alles Wassertrinken habegerade deshalb fand man die Wassercur für ihn um so unabweisslicher notwendig. Die zärtliche Gattin versicherte, dass sie sich ewig Vorwürfe machen würde, wenn sie zugebe, dass der Gemahl die Pflege seiner Gesundheit in gleicher Weise vernachlässige wie bisherdass sie darauf bestehen müsse, dass er ärztlichem Ausspruche sich füge, und dass sie ihn selbst begleiten werde, um den gewissenhaften Gebrauch des Bades selbst zu überwachen. Frau von Vordenbrükken gehörte mit zu den durch die Journale Mystifizirten; sie hatte gelesen, dass jetzt die Wasserheilanstalt zu Hohenheim der fashionableste Kurord Deutschlands seiso durfte sie dort nicht fehlen. Die Kur selbst zu brauchen, fand sie langweilig und bürdete sie deshalb ihrem Gatten auf. Da dieselbe sehr viel Zeit erforderte und die Abendluft dabei gemieden werden musste, konnte sie um so mehr ohne seine stäte Nähe und Begleitung ihren Vergnügungen ungehemmt nachgehen.

Als jetzt der Geheimrat sich in diese unerquicklichen Betrachtungen seines ehelichen Lebens versenkte, hörte er ein bedächtiges und zugleich eiliges klopfen an der tür. Auch ein Türklopfen kann voll tiefster Charakteristik seindas jetzt gehörte war es: es war das klopfen eines Menschen, welcher in allen Dingen sehr vorsichtig zu Werke geht und doch zugleich immer sehr pressirt ist.

Der Geheimrat rief laut: "Herein!" erfreut eine Unterbrechung seines Gedankenkreises zu finden, und schritt schnell der tür zu, um zu öffnen.

Ein langer dürrer Mann mit einer ausgesucht maliziösen Miene trat ein.

"Guten Abend, mein lieber Doctor Schuhmacher!" rief der Geheimrat. "Ihr Besuch freut mich ausserordentlichich hätte Sie längst schon gebeten, mir denselben öfter zu gönnenallein Sie schienen mir immer mit so viel wichtigen Dingen beschäftigt, so pressirt, dass –"

"Wirklich schien ich das?" unterbrach Schuhmacher und machte dabei ein bestürztes und ziemlich albernes Gesicht. "So hätte ich dies Mal meine Rolle wirklich schlecht gespielt?"

"Ihre Rolle? Ich verstehe Sie nicht rechtaber nehmen wir Platz. Sie werden mir doch heute Ihre Gesellschaft nicht sogleich entziehen?"

Schuhmacher setzte sich. "Wenn wir ungestört sind," sagte er; "mich führt allerdings eine Angelegenheit von grösster Wichtigkeit zu Ihnen. – Aber vielleicht ist in Ihrem Nebenzimmer Gesellschaftoder Ihre Frau Gemahlin – –?"

"Ich bin vollkommen einsames ist dies nicht das Local dazu, viel Gesellschaft zu empfangen, und was meine Frau betrifft, so ist sie ausgegangen, und ich denke, sie wird noch lange nicht wiederkommen –" der geduldige Ehemann konnte dabei doch einen leisen Seufzer nicht unterdrücken.

"Nun so bin ich zur guten Stunde gekommen," sagte Schuhmacher geheimnissvoll, "denn die Unterredung, welche ich mit Ihnen haben werde, wird allerdings keine Zeugen dulden – – es ist doch Niemand von Ihren Dienstboten im Vorsaal oder nebenan? Sie erlauben, dass ich nachsehe und die Türen verschliesse."

Der Geheimrat versicherte wiederholt, dass Niemand in der Nähe sei, Schuhmacher untersuchte aber doch zu bessrer Vorsicht alle Türen, verschloss dann die äussere, setzte sich und begann:

"Dass ich mich hier befinde, geschieht nicht etwa, um die Mode mitzumachen, oder diese lächerliche Cur zu brauchen."

Der Geheimrat biss sich in die LippenSchuhmacher stellte sich, als ob er das nicht bemerke und fuhr fort:

"Ich bin von Amtswegen hier, und Nichts konnte mir bei der wichtigen Angelegenheit, welcher ich mich schon seit längerer Zeit unterzogen habe, mehr zu Statten kommen, als dass in dieser Gegend, welche der geheime Schauplatz staatsgefährlicher Bewegungen ist."

Der Geheimrat schrak auf: – "Staatsgefährliche Bewegungen! Hier! In der Tat, ich erstaune! Wie sollte hier der Sitz einer staatsgefährlichen Bewegung sein, wo es weder eine Universität, Akademie, noch irgend ein Institut gibt, in dessen Schoose sie keimen oder sich verkriechen könnte? Staatsgefährliche Bewegung hier, wo es keine gefährlichen Menschen gibtweder Advocaten, noch Künstler, Literaten und andere unnütze Subjekte, aus deren rebellischen Köpfen demagogische Pläne kommen könntenhier!"

"O, mein teurer Freund, Sie misskennen die Zeit, Sie stellen sich auf den Standpunkt, welchen wir vor dreissig oder auch vor zehn Jahren einnahmen. Jetzt gilt es ja gar nicht mehr, vor den Burschenschäftlern mit ihren schwarz-rot-goldnen Tiraden auf der Hut zu sein, auch haben wir nicht den schäumenden Julirausch zu fürchten, welcher achtzehnhundertunddreissig auf ein Mal aus den Bürgern ganz aparte Menschen machen wolltenein, vor diesen Dingen fürchten wir uns nicht mehr. Die Deutschtümelei ist, wie Sie wissen, vollkommen erlaubt, denn die Majestäten sprechen ja selbst von einem einigen Deutschland und die Toaste auf dieses sind vollkommen offiziell. Auch die Julimänner machen uns Nichts mehr zu schaffen, es ist ihnen ja unbenommen, in den Ständesälen schöne Reden zu halten und einander Adressen zu schikken. Dass dies Alles ohne weiteren Erfolg bleibt, wird uns ergebenen Dienern der Regierung und der Polizei ein Leichtes zu bewerkstelligenaber hier haben wir es mit einem ungleich gefährlicheren Feinde zu tunund desshalbum meinen Satz von vorhin zu beenden, konnte mir Nichts erwünschter kommen, als die Anlegung dieser Wasserheilanstalt. Sie gab mir gelegenheit, hier einen längern Aufentalt zu nehmen, ohne mich irgend Jemand verdächtig zu machen, ohne den wichtigen Zweck meines Hierseins irgend wem zu verraten."

"Ich