jetzt Elisabet aufstand, von dem hereindämmernden Abend erinnert, fragte er doch: Ob er sie begleiten dürfe?
"Mein Pferd habe ich weggeschickt," sagte sie, "weil ich den kleinen Rückweg zu Fuss machen wollte, und da ich noch am Tage zurückzukommen dachte und ein nachfolgender Diener mir lästig ist, hab' ich auch diesen nicht bestellt, wollte vielmehr um Paulinens Begleitung bis an den Park bitten – in unserm Park geh' ich ja doch allabendlich allein."
"Nun," sagte Pauline, "so brechen wir zusammen auf."
Die Mädchen baten nun Jaromir, zu warten, bis sie ihre Hüte und Hüllen aus dem oberen Zimmer geholt, und entfernten sich desshalb. So eben ward Feierabend geläutet. Jaromir trat aus dem Garten auf den freien Platz vor dem haus.
Wilhelm und Anton kamen vorüber, sie stiessen einander an, wie sie ihn gewahr wurden, und Anton sagte: "Er ist immer noch da und treibt sich hier ganz allein herum. Glaubst Du nicht, dass das Etwas zu bedeuten hat? Und wer es wüsste, ob Gutes oder Schlimmes?"
"Nun, was könnte denn noch Schlimmes kommen? Anton, ich hoffe jetzt: Es gibt Leute, welche sich unsers Elendes erbarmen wollen, welche es gut mit uns meinen; gelehrte Leute, welche schreiben und was Rechtes gelernt haben, die sagen es gerade heraus, dass man uns Unrecht tut, und solche Leute müssen jetzt in unsrer Nähe sein – ich weiss es gewiss – wer weiss, ob er nicht Einer von ihnen ist – er schien doch freundlich zu sein."
"Und nun ist er noch immer hier," sagte Anton, "am Ende hat er den Feierabend abgewartet, um noch mit uns zu sprechen."
In diesem Augenblick kamen Pauline und Elisabet aus dem Haus und Jaromir ging mit freundlicher Anrede auf sie zu.
Die Arbeiter entfernten sich kopfschüttelnd, zusammen murmelnd.
In heitrer Unterhaltung wie vorher war die Stelle am Eingang des Parkes bald erreicht, an welcher Pauline von Jaromir und Elisabet scheiden wollte. Die Freundinnen hielten sich eben umschlungen, als ein Wagen vorüber fuhr. Es war ein leichter zurückgeschlagener Phaeton, ein einzelner Herr sass darin – man würde weder ihn noch seine Lorgnette bemerkt haben, wenn er nicht ein hämisches: "Guten Abend –" aus dem Wagen der Gruppe zugerufen hätte.
Es war Kammerjunker von Aarens, welcher mit diesem Gruss, und indem er langsamer als erst vorüber fuhr, die Erkannten niederzuschmettern glaubte. Aber sowohl Elisabet als Jaromir dankten unbefangen in gewohnter Art und Weise.
"Wer war denn die Dame, welche jetzt das Paar allein lässt?" fragte Aarens auf Paulinen deutend, welche den Rückweg antrat, seinen Kutscher.
"Die Tochter des Fabrikanten Felchner?" antwortete dieser.
"Was – Kerl, ist das wahr?" rief Aarens ausser sich.
"Bestimmt, ich kenne sie genau –" versetzte der Kutscher.
Aarens schlug ein Gelächter auf und rief ein Mal über das andere: "Das ist göttlich, himmlisch – unvergleichlich!"
unterdessen ging Jaromir an Elisabets Seite dem schloss zu.
Sie sprachen Wenig – ihre Herzen schlugen zu laut und doch auch zu befriedigt, als dass sie hätten sprechen können. Sie gingen langsam, aber das Schlosstor war bald erreicht, an dem sie sich trennten.
Wie sie einander guten Abend boten, fragte er nun leise, ob sie morgen Nachmittag zu haus sei, und sie antwortete ein freudiges, leises: "Ja."
Später traf Anton wieder mit Franz zusammen. "Was nur der fremde Herr so lang in der Fabrik wollte?" fragte er.
"Ich glaube wohl, dass Du in Allen Spione siehst, seitdem Du mit einem Stiefel zusammen gewesen."
"Höre," sagte Anton, "hat Dich das Mährchen auch angesteckt, Stiefel soll hier sein? Der, den August dafür hält, hat dunkle Haare und keinen Bart – und Stiefel hat rotes Haar und langen Bart um's ganze Kinn."
Später gefragt, musste August dies selbst zugeben, man lachte ihn aus und ermahnte ihn, ein anderes Mal besser Acht zu geben – Stiefel werde nicht wagen, je wieder in ihre Nähe zu kommen, versicherte Anton.
VII. Die Zwei
"Denkt Euch der Herren Wandergang,
Voran des Bettlers Kleid als Fahne!"
Alfred Meissner.
Es war Abend. Die Geheimrätin von Vordenbrücken hatte mit dem jüngern Waldow ein empfindsames Stelldichein in irgend einem romantischen Bosquet, ihr Gatte sass allein zu haus und dachte zum tausendsten Mal darüber nach, wie schlimm es sei, eine schöne Frau mit einer reichen Mitgift zu haben. Eine Frau, welche jedem eifersüchtigen Vorwurf des Gatten sogleich den andern entgegen setzen konnte, recht wohl zu wissen, dass er mehr um ihre Staatspapiere, als um ihr Herz geworben habe, eine Gattin, welche es immer geltend zu machen wusste, dass ohne ihren Reichtum ihr Gatte eine unbedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen würde, und dass er desshalb sie niemals in der glänzendsten Ausstattung derjenigen Rolle beschränke, welche sie selbst sich einmal vorgenommen, zu behaupten. So musste er alle ihre Launen dulden, sie überall hin in die grosse Welt begleiten, wo er selbst sich und Andere langweilend eine erbärmliche Figur spielte, musste ihre Liebhaber als Hausfreunde verbindlich willkommen heissen, und ärzte zu beweisen, dass der Gebrauch einer Wassercur in einer entfernten Wasserheilanstalt für seine Gesundheit ganz unerlässlich sei. Er