1846_Otto_146_76.txt

sehr aufmerksam zu sein, lieh diesen Worten aber doch nur ein halbes Ohr; seine Blicke liess er öfter über die jammervollen kleinen Gestalten und blöden Gesichter der Kinder gleiten, oder über die mürrischen und tierischen Züge der ältern Fabrikarbeiter, oder über die gemeinen und böswilligen Erscheinungen der Frauen; seine Gedanken aber weilten noch in ganz anderem Kreise. Elisabet war bei Georgs Schwesterer war ihr so nahe und sollte sie nicht sehensie hatten denselben Weg zurückzulegenund er sollte sie allein lassen?

Er sagte jetzt zu Georg: "Sie haben Sich so bereitwillig für einen Fremden bemüht, nehmen Sie dafür meinen verbindlichsten Dank, und wenn Sie einmal den Namen Jaromir Szarinh hören, so erinnern Sie Sich meiner."

Georg machte eine stumme Verbeugung und sagte dann: "Sie sind wohl ein Gast der neuen Wasserheilanstalt?"

"Allerdings; die romantische Umgebung hat mich einige Zeit hierher in die freie natur gelockt."

"Da haben Sie aber einen weiten Weg gemacht, Sie werden das bei der Rückkehr empfinden, wenn Sie nicht erst eine Weile bei uns ausruhen wollen."

"Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir dies erlauben wollen, allein ich muss fürchten, Sie in Ihren Geschäften zu stören."

"Erlauben Sie mir, Sie in das Wohnhaus zu begleiten, und entschuldigen Sie dann, wenn ich Sie wieder auf einige Augenblicke verlasse."

Man trat in das Haus. "Wo ist mein Vater?" fragte Georg eine Magd, die in der Hausflur beschäftigt war.

Sie antwortete: "Er hat sich in das Comptoir mit zwei Rechnungsführern eingeschlossen und mir den Auftrag gegeben, Jedermann zu sagen, er sei nicht zu haus, kein Mensch dürfe ihn vor dem Abend stören."

"Sie entschuldigen," sagte Georg zu dem Grafen, ohne durch die allzunaive Antwort der Magd im Mindesten in Verlegenheit gesetzt zu werden, "das ist so Brauch in unserm Geschäftsleben, es lässt uns wenig Zeit für andre, Dinge und für andre Menschen." Dann fragte er die Magd wieder: "Ist meine Schwester in ihrem Zimmer oder unten?"

"Sie wird Besuch haben," antwortete die Magd, "und sagte mir, ich solle sie nicht unnötiger Weise rufen."

Jaromir lachte, diese Art und Weise Jemand zu empfangen, der einen Besuch machen will, kam ihm sehr spashaft vor, Georg aber fuhr hitzig auf: "So werde ich wohl selbst Pauline fragen müssen, ob es ihr gefallen wird, meine Anordnungen für nötig oder unnötig zu halten."

Kaum hatte er dies ganz ausgesprochen, als Pauline an Elisabets Arm die Treppe herab kam. Die Mädchen waren im Begriff, in die Gartenlaube zu gehen. Man ward einander vorgestellt, und ging dann gemeinschaftlich in den Garten und nahm da in der Laube Platz. Nach wenig Augenblicken entfernte sich Georg.

Elisabet und Pauline erzählten Jaromir wechselsweise, wie sie zusammen erzogen und Freundinnen geworden wären und sich nun unbeschreiblich glücklich fühlten, gerade in dieser Einsamkeit einander so nahe zu sein. Jaromir hörte mit Vergnügen zu und warf manchen innigen blick auf Elisabets leuchtende Augen.

Eine glückliche Stunde zog sich über die drei Menschen hin, eine Stunde, die nach ihren besten Momenten sich nicht beschreiben, sondern nur fühlen lässt. Ein Sommerabend still und heiter, an dem die Heimchen flüsternde Weisen unter wallenden Grashalmen zirpen, wo die Abendblumen ihre geheimnissvollen Blütenkelche scheu und vorsichtig öffnen, Düfte wunderbar aushauchen, grosse goldne Augensterne allmälig aufschlagend, wo Schmetterlinge darüber hinziehen, in mystischen Kreisen von Blüte zu Blüte tanzend. Und wieder über den Schmetterlingen empor schwingen sich freudetrunkene Lerchen, schmettern ihre Lieder hoch in die Lüfte, lassen ihre lieblichen Töne wieder leise fallen und wieder klingen zu den lauschenden Feldern und Gärten. – Da ist es, als richteten sich alle Halme auf und lauschten, als fragten alle Blumen mit emporgeschlagenen Augen zum Himmel auf, woher die wunderreichen Lieder töntenund auch das weichgewordene Menschengemüt lauscht empor und wird wonnetrunken und stillund doch ist nichts Aeusserliches geschehen, nichts Neues, nichts Unerlebtes.

So war es auch jetzt den drei Menschen in der Laube. Pauline fühlte sich froh und verstanden, desshalb zufrieden und heimisch, zum ersten Mal so recht heimisch in der Heimat, in der sie hinter lauter bekannten Gesichtern lauter fremde Seelen finden musste. Jaromir und Elisabet waren glücklich, ein ganzer Frühling blühte und sang in ihren Herzen und eine lachende Sonne strahlte wärmend darein. Ihre Worte waren aber nicht anders als das Heimchenzirpen, das Duften und Blühen der Abendblumen, das farbige Spielen der Schmetterlinge, das Singen der Vögel rings um sienicht ausserordentlicher, nicht neuer, nicht unerlebter. So wie diese Heimchen, Blumen, Schmetterlinge, Vögel schon an Tausend Abenden zu gleicher Naturfeier sich vereinigt, so wie es die drei Menschen schon oft selbst mit angesehen und erlebt hatten, so waren sie auch jetzt sich bewusst, noch niemals eine stillglücklichere Stunde verlebt zu haben, als diese, und doch war ihre Unterhaltung einfach und konnte alltäglich klingen und verriet Nichts von der Herzen tiefinnerster Bewegung, ausser, dass zuweilen das Feuer poetischer Beredtsamkeit von Jaromir's Lippen flammte, dass seine Worte den Klängen der Lerche selber glichen, welche sich in das obere Himmelblau stürzte, indem die scheidende Sonne noch ihre Flügel vergoldete.

Es fiel Elisabet schwer, an den Aufbruch zu denken; – Jaromir blieb so lange unter dem Vorwande, dass er Georgs Rückkunft erwarten wolle; aber als