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weil sie wieder vergessen haben, was er ihnen vor acht Tagen vorher gesagtdas heisst, sie in die Schule schicken."

Jaromir flüsterte für sich: "Mein Gott! Auch in Deutschland?"

August fuhr fort: "Die Faktoren versichern uns, dass sie da genug lernen, denn was sie für's Leben brauchen, lernen sie ja eben bei der Fabrikarbeit. Zu lesen und zu schreiben braucht ein Mensch nicht, der es doch nie weiterbringen kann, als bis zu einem armen Fabrikarbeiter."

Jaromir warf einige kleine Münzen unter die Kinder, welche mit tierischem Geschrei deraüber herfielen, die Geldstücke einander wieder gegenseitig wegzureissen suchten, sich darum prügelten und herumzerrten, es war ein trauriges Schauspiel! Ein kleiner Knabe stellte sich schreiend vor Jaromir hin und jammerte, indem er die leeren hände zeigte:

"Ich hatte ein grosses, rotes Stück, die Andern haben es mir wieder weggerissen."

"Schäme Dich!" sagte Franz. "Du weisst, dass Du nicht betteln sollst." Er fuhr fort, während Jaromir noch ein kleines Geldstück für das Kind suchte. "Herr, nun werden Sie gewiss sagen, dass die Fabrikkinder eine böse Brut sindso ist's auch, sie fluchen wie alte Sünder, sie führen hässliche Reden und machen sich freche Spässe, sie betteln und stehlen, sie betrügen und balgen sich untereinanderund wenn diese Kinder gross werden, so wachsen ihre Laster mitHerr! Sie haben Mitleid für diese Elenden, ich sehe es Ihnen an, sonst hätten Sie sie auch nicht beschenkt – d'rum sag' ich's Ihnen: was können diese Kinder dafür, dass man sie wild aufwachsen lässt und zu Verbrechern erzieht?"

In diesem Augenblicke mahnte die heftig gezogene Glocke wieder zur ArbeitAlles lief wieder in die Fabrikgebäude. "Wir müssen an die Arbeit," sagte Franz zu Jaromir, der ihn staunend angesehen hatte, während er sprach, "wollten Sie etwa zu Herrn Felchnerdort ist das Wohnhaus."

Jaromir folgte Franz, der mit den Andern schnell zur Arbeit laufen wollte. Er sagte: "Ich mögte mich wohl ein Wenig umsehen und auch noch länger mit Ihnen reden, kann ich Ihnen nicht folgen?"

Franz schüttelte mit dem Kopf. "Das geht nicht, umsehen dürfen Sie sich wohl, aber nicht gleich so mit einem Arbeiter hereingehen, und reden können wir eben auch nicht viel bei der Arbeit, das würde übel vermerkt werdendort kommt gerade der junge Herr Felchner selbst, der kann Ihnen ja Alles am Besten zeigen."

"Die Fabrikherrn beschreiben die Sachen wohl anders als die Arbeiter –" sagte Jaromir, "doch ich danke für Ihre gefälligkeit –" damit drückte er Franz einen Taler in die Hand und wandte sich schnell nach Georg Felchner, welcher unweit von ihm stehen geblieben war.

"Ich danke, Herr," sagte Franz, "das kommt in unsere gemeinschaftliche Casse, und ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden." Damit ging er eilends, wohin ihn die Glocke rief.

Jaromir wandte sich an Georg: "Mein Herr, ich bin fremd hieres würde mir interessant sein, wenn ich mich in dieser Fabrik umsehen dürfteman hat mir Sie als den Besitzer bezeichnet und ich frage deshalb bei Ihnen um erlaubnis an?"

Georg sah gerade fast noch mürrischer als gewöhnlich aus, doch bemühte er sich ziemlich höflich zu sagen: "Ich bin eben im Begriff, in dies Gebäude rechts zu den neuen Dampfmaschinen zu gehen, welche wir kürzlich haben aus England kommen lassen, wenn Sie mich begleiten wollen, so stehe ich gern zu Diensten, Ihnen die Sache zu erklären. – Zwar Sie sprechen wohl auch Englisch?"

"Allerdings."

"Nun dann können Sie es Sich auch von dem Engländer selbst erklären lassen, welcher dort die Oberaufsicht hat und den wir uns mit den Maschinen zugleich haben kommen lassen, er spricht nur ganz schlecht Deutsch, ausser mir und meiner Schwester kann Niemand hier Englisch, und so macht er uns zuweilen viel zu schaffen. Es entstehen immer Missverständnisse zwischen ihm und den Leuten, oder diese lachen ihn gar aus."

"Es muss lästig sein, in einer solchen Fabrik einen Ausländer im Dienst zu haben."

"Bahwir sind froh, dass wir ihn haben."

In diesem Augenblick kam ein Factor auf Georg zu und sagte aufgebracht: "Der alte Andreas kam wieder halb betrunken zur Arbeit und stiess wider eine Walze, dass wir Mühe genug hatten, den grössten Schaden zu verhindernganz so ist es aber nicht abgegangen."

"So soll man ihm, dem Andreas, am Lohn abziehen," versetzte Georg ärgerlich.

"Der Schaden ist grösser."

"Desto schlimmerauf seine Kosten kommt man einmal bei diesem volk niemals, es soll nur eine Warnung sein, dass er sich ein ander Mal besser in Acht nimmt." Während der Factor sich entfernte, fuhr Georg fort: "Nichts als Aerger und Unkosten bei diesem rohen volk; das dann noch immer tut, als wären schlechte zeiten, diese Leute verdienen wahrhaftig ihr Geld mit Sünden."

Während dieser hingeworfenen Aeusserungen waren sie in das Innere der Fabrik getreten.

Georg gab Jaromir in der Kürze die nötigsten Erläuterungen, die sich mehr auf die Einrichtungen einzelner Maschinen im besonderen, als auf diese der Fabrik im Allgemeinen bezogen. Jaromir schien zwar