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sondern erst wenig Minuten. Sie war schon entschlossen gewesen auszureiten, um Paulinen zu sehen, denn das Bedürfniss nach freundschaftlicher Mitteilung liess sie nicht länger zögernaber als sie Aarens ankommen sah, liess sie sogleich ihr Pferd vorführen und entfernte sich. Sie wusste selbst nicht warum, aber Aarens war ihr nicht nur langweilig, sondern sogar widerlich und dies beinahe um so mehr, als ihre Eltern von ihm meist Abend's sprachen und seine Gesellschaft gern hatten.

Elisabet war der Fabrik schon ziemlich nahe, und die Ungeduld, ihr Ziel bald zu erreichen, liess sie ihr Pferd zur Eile antreiben, als sie einen einsamen Wanderer des weges kommen sah, sie erkannte ihn und liess plötzlich ihr Tier langsamer gehen. Es war Jaromir. Er hatte sie längst erkannt, er stand still und grüsste. Ein seelenvoller, inniger blick, ein frohes Lächeln schöner Ueberraschung begleiteten den üblichen Gruss. Aber er wagte nicht sie anzureden. Sie warf ihm einen gleich frohen, innigen Gruss zu und ritt langsam vorüber. Nach einer Weile kehrte er um und folgte ihr, das Auge fest auf die schöne Gestalt der Reiterin gerichtet. Auf dem kleinen Hügel blieb er stehen, von dem aus man die nahe tiefer liegende Fabrik übersehen konnte. Er sah, wie Elisabet ihr Pferd vor dem Hauptgebäude anhielt, wie ein junges Mädchen heraustrat und der Absteigenden um den Hals fiel, dann das schöne Tier, das sie hergetragen, schmeichelnd mit der kleinen Hand klopfte. Er besann sich, dass dies dasselbe Mädchen sei, mit welchem er hier Elisabet zuerst wiedergesehen, und welches ihm Waldow als die Tochter des Fabrikanten bezeichnet hatte. So freute sich jetzt Jaromir, als er in Elisabet eine neue ungewöhnliche Eigenschaft bei einem Mädchen ihres Standes und ihrer Erziehung entdeckte, sie fröhnte also keinem Vorurteil, nach welchen: sie ihr Vertrauen abmass, wie es das Herkommen wollte!

Es war gerade vier Uhr und die Glocke läutete zu der Feierstunde des sogenannten Halbabend. Die Arbeiter ergingen sich im Freien. Es fiel Jaromir ein, dass er zu ihnen hinabgehen wolle, ob man ihm vielleicht eine oder die andere interessante Maschine zeigen, ob er vielleicht eine oder die andere Notiz von Wichtigkeit über industrielle Einrichtungen und Erfindungen erhalten könne. Er ging also hinunter und auf die vier ersten Arbeiter zu, welche ihm begegneten. Es war Franz neben August; Wilhelm neben Anton.

August stiess Franz an und sagte: "Sieh einmal, das ist ein schönes Herrchenwer weiss, am Ende ein Freier für unser Mamsellchen."

Franz warf einen prüfenden blick auf Jaromir und sagte ernst: "Ja, er hat Etwas in seinem gang und seinem Gesicht, was die andern vornehmen Leute nicht habener sieht vornehmer aus als sie Alleaber das macht bei ihm nicht nur der Anzuges ist, als käm' es von innen heraus, als hab' er einen vornehmen Geist."

"Ich mögte wohl wissen, wie unser eins aussähe in solch' feinem Rock," meinte August, "ich glaube närrisch genug, und doch, wenn wir Geld hätten, könnten wir uns eben so anziehen, und wenn wir nicht zu arbeiten brauchten und den ganzen Tag faullenzen könnten, hätten wir auch solche händesieh' einmal, die sind so weiss, wie sie bei uns kein Mädchen hat, nur etwa Mamsell Paulinchen."

Der so Gemusterte trat jetzt zu den Arbeitern und sagte leicht:

"Guten Tag, meine Herren."

Er hatte sich diese Redensart einmal angewöhnt, seitdem das Jahr 1830 nicht mehr hatte dulden wollen, dass der Aristokrat den Bürger anders als Herr anrede, und da er recht wohl fühlte, wie ein Duzend Jahre später mit der Zahl der Jahre auch die Zahl der Fordernden sich ins Ungeheure vermehren musste, so dehnte er seine Redensart "meine Herren" von den Bürgern auch gern auf die Proletarier aus, und in dieser unwillkürlichen Gewöhnung lag ein viel tieferer Sinn, als er selbst sich träumen liess. Er sagte also:

"Guten Tag, meine Herren."

Über die Gesichter der so Begrüssten zog es wie ein augenblicklicher Sonnenschein, so erfreuen kann ein armseliges, gedankenlos hingesprochenes Wort. Aber Wilhelms Gesicht verfinsterte sich noch schneller, als eine schwarze Gewitterwolke einen Sonnenblick vernichtet, denn auch so verwunden kann ein armseliges Wort, und indes die anderen höflich ihre schlechten Mützen abnahmen, antwortete er düster:

"Wir sind keine Herren, wir sind arme Arbeiter."

"Sind Sie ihrer viele hier?" fragte Jaromir.

"Ein paar Hundert", antwortete Anton und spitzte die Ohren, "Weiber und Kinder nicht gerechnet."

Eine Schar blasser, in Lumpen gehüllter Kinder hatte sich müde auf einen sonnigen Platz gelegt, einzelne von ihnen kauten an harten Brotrinden, andere warfen auf diese neidische Blicke. Jaromir warf einen mitleidigen blick auf diese armen Geschöpfe und sagte:

"Diese Kleinen sehen sehr müde aus."

"Ist wohl ein Wunder!" versetzte Wilhelm bitter. "Sie müssen den ganzen Tag beschwerliche arbeiten verrichten so gut wie unsereiner, drum sind sie froh, wenn sie ein paar Minuten in der Sonne ausruhen können."

"Den ganzen Tag? Gehen sie denn in keine Schule?" rief Jaromir verwundert.

"Sonnabends nachmittags, wo wir um vier Uhr Feierabend haben" sagte August, "brauchen sie gar nicht zu arbeiten, da kommt ein Lehrer aus der Stadt heraus, ein abgedankter Unteroffizier, und prügelt sie,