sagen, aber ich muss hinaus in's Freie – mir wirbelts im Hirne – mir ist, als wollt' es mir die Brust zersprengen – mir ist, als hätt' ich in meinen Armen Kraft, eine Welt ihrem gewohnten gang zu entreissen und Alles zu zertrümmern. lebe' wohl! – oder gehst Du mit?"
Franz sagte: "Ich bleibe hier. – Aber Du versprichst mir, von diesem Briefe keinem etwas zu sagen? Du versprichst, wenigstens jetzt und bis Du Die selbst darüber deutlicher geworden, von diesen Gedanken nicht zu reden, welche dies Schreiben in Dir erweckt hat? Um Deiner selbst willen – um der guten Sache willen – gleichviel, ob die Sache die gute sei, welche ich dafür halte, oder diejenige, welche Du dafür hältst – versprich es, jetzt nicht von diesen Dingen zu reden!"
"Ja, ich versprech' es! Ein Wort ein Mann!" sagte Wilhelm ernst.
"Es ist gut, ich glaube Dir –" versetzte Franz. "Gute Nacht!"
"Gute Nacht – wenn Du jetzt schlafen kannst," sagte Wilhelm mit wilder stimme, die halb wie Gelächter klang, und ging fort.
Franz war allein.
Er setzte sich auf den hölzernen Schemel vor den Tisch, auf welchem die Lampe stand und das verhängnissvolle Schreiben lag.
"Ich will es jetzt nicht noch ein Mal lesen," sagte er zu sich und schob es in den Tischkasten, in welchem seine Papiere und Schreibereien lagen. Dann verlöschte er die Lampe, sie sollte nicht umsonst brennen. Das Oel ist teuer und ein armer Arbeiter muss das bedenken. Die Julinacht draussen war hell, durch das kleine offen stehende Fenster der kammer schauten die Sterne hell zu ihm herein, sie leuchteten ihm genug zu seinen verworrenen Träumereien. Er hatte seinen Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, das Haupt in die Hand gestützt. So sann er. Bald rieselte es wie eisiger Schauer über seine ganze Haut, bald fühlte er sein Herz, seine Schläfe, seine Adern heftig pochen – dann glitt eine grosse Träne langsam, sehr langsam und sehr heiss über seine bleiche Wange.
Er flüsterte leise für sich. Solch' stillgeführtes Selbstgespräch allein mit sich oder mit seinem Gott war für ihn eine Art von Bedürfniss geworden. Seine Genossen verstanden ihn ja nicht – nicht einmal Wilhelm, das hatte er erst jetzt wieder erfahren. Ein Wesen gab es freilich, das ihn vielleicht verstanden hätte – aber von all' diesen Dingen wollte er ja nicht einmal zu der schweigend verehrten Geliebten sprechen, selbst wenn er es gekonnt hätte.
Jetzt sprach er zu sich:
"Und was haben sie denn nun da Anderes gesagt und geschrieben, dass es mich so gewaltsam bewegt hat? Waren es nicht hier und da meine eigenen Worte, was ich da las? – und doch wirbelt mir das Hirn, brennt meine Stirn – mir ist, als sei ich plötzlich fieberheiss hinausgestossen in eine grosse Nacht und läge da ringend in Fieberphantasieen mit tausend bleichen, wilden und wesenlosen Spukgespenstern, die ich nicht zu verscheuchen vermögte, die immer wieder sich zu mir herandrängten in ihre wirbelnden Kreise, mich mit fortzureissen, dass ich selbst nicht mehr weiss, wo aus, noch ein. Ich zürnte Wilhelm, dass er den verführerischen Stimmen dieses Schreibens, die mir doch so wahnwitzig, ungerecht und gotteslästerlich sind, ein so williges Ohr lieh, dass er sich ganz von ihnen betören liess – und doch hallten sie auch mir immer wieder, wie harmonisches Getön in den Ohren, in der Seele und wollen mich auch umstricken und überwältigen." –
"Es ist fast vergebens, dass ich sage: hebe Dich von mir, Versucher! Er will nicht gehen – es ist als habe meine Seele keine Macht mehr über ihn! –"
Er lehnte sich wie erschöpft an die Wand zurück und fuhr fort: "Das sind auch die Versuchungen der Armen, von denen die Reichen nichts wissen, sie werden wohl auch oft hart versucht von ihren Schicksalen, von ihren Wünschen – und selbst aus ihrer eklen Uebersättigung an den Bedürfnissen des lüsternen Lebens, selbst durch ihre Befriedigung, ihre Uebersättigung entspringt ihnen eine neue Quelle der Versuchung – aber wie unerschöpflich dagegen ist doch die, welche zugleich mit dem Leben des Armen entquillt und es nimmer verlassend durchflutet."
"Den Armen quält der Hunger, der Frost, der Mangel an Allem, was zu den Lebensbedürfnissen gehört – und sich von irgend einer dieser Qualen zu befreien, weiss er dein gesetzliches Mittel. Denn wie er auch arbeiten mag – seine Arbeit wird so gering bezahlt, dass sie nimmer jene schlimmen Begleiter des Armen verbannen kann, welche von dem Augenblick an, als er auf hartem schlechten Lager geboren wird, ihn mit schauerlicher Treue auf allen seinen Wegen begleiten – – aber am Schlimmsten ist doch der Versucher, der zu dem Armen tritt und ihn höhnisch fragt: w a r u m b i s t D u a r m ? Habe den Mut, es nicht mehr sein zu wollen und Du bist es nicht mehr – und Tausende Deiner Brüder sind es nicht mehr – – aber diesen Mut zu haben, ist ein Verbrechen – – das sieht wohl der arme ein und schaudert vor dem Verbrechen zurück – er will es nicht begehen, er kann standhaft bleiben – er kann den Versucher immer sieghaft bekämpfen, aber er kann ihn nicht vernichten – er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten