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Kraft dazu, unser Werk unter Deinen Genossen zu fördernso fördere es unter Deinen Mitarbeitern in der Fabrik durch erklärende und überzeugende Reden, fördre es durch Deine Schriften in weiteren Kreisen. Sehen wir, dass Du diess tun willst und dass es Dein eifrigstes Bestreben ist den unglücklichen Millionen Deiner Brüder zu helfenso wirst Du bald wieder von uns hören, so werden wir gemeinschaftlich beraten können, auf was wir Dich jetzt nur durch einzelne, bruchstückweise Erklärungen aufmerksam gemacht haben!"

"Sei uns herzlich gegrüsst, wenn Du wirklich einer der Unsern bist und grüsse alle Deine Kameraden, die es auch sind."

Der Brief war hier zu Ende.

Franz starrte vor sich nieder und stand regungslos.

Die Lampe flackerte ungewiss auf, dann ward sie trüber und trüber. –

Draussen fuhr der Wagen des Fabrikherrn mit vier munter wiehernden Pferden an dem kleinen Haus, in welchem Franz weilte, rasselnd vorbei, dass die Scheiben zitternd, klagend und grollend zugleich in den lockern Fensterrahmen klirrten.

Hundert Mal schon mogte dieser Wagen so vorbeigerasselt sein, wie jetzt und die beiden Arbeiter hatten nicht darauf geachtetsie hatten nicht darauf geachtet, wenn eben so oft schon die Scheiben unruhig mit einander gemurmelt hattenjetzt horchten sie Beide auf und riefen Beide zugleichWilhelm mit wildem Gelächter des Hasses, Franz unendlich schmerzlich bewegt:

"Da fährt er hin!" –

"Die Laternen seines Wagens blitzen durch den hereinbrechenden Abend," sagte Wilhelm, "und so fährt er hin durch die Dunkelheit. – Jetzt auf einmal begreif' ich Alles."

Wilhemo Augen glänzten im dunklen Feuer, die Adern auf seiner Stirn schwollen, seine ganze Gestalt schien grösser zu werden, indem er sich hoch aufrichtete. Mit feierlicher, gehobener stimme sagte er:

"Ja, die Zeit ist gekommen, wo die Armen ihre Rechte wiederfordern dürfen! Dass ich wüsste, wer diese erhebenden Worte geschrieben, diese herrliche Verkündigung eines neuen Evangeliums! Dass ich hineilen könnte zu diesen armen Brüdern, welche zu solcher erkenntnis gelangt sind, dass ich ihnen sagen könnte: wir wollen zusammen stehen, zusammen handeln!"

Franz nahm seine Hand und sah ihn an. "Du auch, Bruder, Du auch?" sagte er erschrocken. "Was fasst Dich an? Beginnt schon das Gift zu wirken, welches aus diesem Schreiben uns entgegenhaucht? Lässt sich Dein Verstand so bald umnebeln, dass Du schon jetzt zu taumeln beginnst? Ach! diese Worte betören Dich, diese schlimmen Worte, welche verführerisch klingen, wie Worte des Teufels."

"Lass' den Teufel aus dem Spiel!" lachte Wilhelm, "mahne mich nicht an die elenden Mährchen! Vor hohlen Schrecknissen zu erzittern habe ich aufgehörtdie armen Leute brauchen wahrhaftig nicht erst an eine Hölle da drüben zu glauben."

"Wilhelm, lästere nicht!" mahnte Franz. "Ich hätte nicht geglaubt, dass dies Schreiben voller Trugschlüsse und Widersprüche Dich so packen, so überwältigen könnte! Es klingt freilich schön, wenn sie sagen: die Liebe, die allgemeine Menschenliebe, welche in den Himmel geflohen ist, als die kindische, junge Erde sie noch nicht zu fassen vermogte, wird ihren Wohnsitz wieder an dem Orte, wo sie geboren und genährt ward, in der Menschen Brust haben. Wir werden unser wahres Leben nicht mehr vergebens ausser und über uns suchenwir werden es in uns tragen, in uns selbst und werden es so wiederfinden in den Andern, in dem Verbande der ganzen Menschheit! – Ach es klingt wohl sehr schön, wenn man so Etwas liestaber es k l i n g t auch nur soes ist ein tönendes Erz, es sind Worte ohne Sinn und Verstand. Kannst Du Dir eine menschliche Gesellschaft denken, in welcher Alle zufrieden, Alle in harmonischer Gleichheit leben? – Du musst das verneinen, Du kannst Dir nicht einmal eine Vorstellung von einem solchen Zustand machen und willst doch Schritte tun, ihn heraufführen zu helfen? Und jetzt willst Du sie tunund wie? Können ein paar Menschen und noch dazu arme, ausgestossene, zum teil verwilderte Menschen das Bestehende umstürzen, und eine neue Ordnung der Dinge heraufführen? Verändert können, müssen unsere Zustände werdenaber nicht durch einen Umsturz aller gegebenen Verhältnisse, sondern durch deren vernünftige Weiterentwicklung und Fortbildung. Ach Wilhelm, ich hätte Dich für verständiger gehalten, hätte nimmer geglaubt, dass Du dem Verführer ein so williges Ohr liehest!" –

"Verführernein, Erretter! Das ist nicht die Sprache der Heuchelei, welche man sonst nur zu hören gewohnt istes ist die stimme der Wahrheit, welche mich mächtig ergreift. – Gieb' ihn her, diesen Briefich eile damit in die Schenke, ich lese ihn vor in unserm Kreis und man wird mir mit Jubelgeschrei zuhörenkomm mitgieb den Brief!"

"Bist Du rasend?" rief Franz abwehrend. "Nimmermehr! – Komm zu Dir! Bedenke, welches Unheil Du anrichten würdest, wenn sie den frevelhaften Worten dieses Briefes Beifall riefen, wenn Dein erhitztes Gemüt sie zu gleicher blinder Hitze fortrisse, Du setztest Alles auf's Spiel!"

"Du hast Recht, dass Du zur Vorsicht rätst," sagte Wilhelm gefasster – "ja, sie könnten Alles verderben, und meine eigne frohe Wut könnte jetzt vernichten, was wir erst im Dunkeln bauen müssenDu bist verständigerich werde noch Nichts