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ich weiss nicht, ob Du Recht hastich kann nicht glauben, dass man mir eine solche Ehre erweisen würde."

"Ei, alle Donnerwetter!" rief Wilhelm heftig, "ich wüsste nicht, warum Jemand Dir nicht dieselbe Ehre erweisen könnte, wie Denen, welche oft unnützere Bücher schreiben, als Du und weniger Herz für die Sache haben, welche sie führen wollen, als Du."

Franz seufzte und sagte: "Wir wollen doch lieber lesen." Wilhelm sah über seine Achsel hinweg mit in das Papier.

Das Schreiben begann:

"Lieber Franz Talheim! Wir nennen Dich Du, weil wir alle Menschen. Du nennen, die wir in allgemeiner Liebesvereinigung als unsere Brüder anerkennen. Dich nennen wir aber ganz besonders mit Stolz und Freude Kamerad, denn Du hast es öffentlich ausgesprochen, dass Du dem armen volk angehörst, für das Du leben willst bis zu Deinem tod. Wir danken Dir, dass Du Worte gefunden hast, das Elend Deiner Mitbrüder in ergreifenden Geschichten vor aller Welt zu schildern."

"Wir sind Dir für dies und alles Andere sehr dankbar, was Du bisher im Dienst unserer guten Sache getan hast, aber um so mehr hoffen wir auch, dass Du nicht dabei stehen bleiben wirst, den Menschen zu zeigen, dass dieses Unglück bestehtsondern dass Du auch auf diesem Wege weiter schreiten und sagen wirst, wodurch diesem Unheil allein zu helfen."

Franz seufzte und sagte, ehe er weiter las: "Es wird diese gleichgesinnten Brüder freuen, wenn sie mein zweites Buch sehen werden: 'die Rechte des Armenden Verzweifelnden gewidmet.' Es entält manchen Vorschlag, wie dem Uebel, wenn nicht gänzlich abzuhelfen, doch zu steuern wäreaber freilichwenn kein Fabrikbesitzer darauf eingeht – –"

"Lies nur weiter," sagte Wilhelm gespannt.

Franz las: "Wir wollen Dir in kurzen Abschnitten einige von den Ansichten mitteilen, welche wir zu den unsrigen gemacht haben. Männer, hochgebildete und gelehrte, welche es aber gut mit dem armen volk meinen, haben das ausgesprochen, was wir Dir jetzt in kurzen Bruchstücken zu lesen geben, damit Du zu derselben Einsicht über unsere Gegenwart und Zukunft kommst, wie wir und danach Dein Streben und Wirken regeln lernst."

In dem Brief waren nun einige Stellen aus communistischen Schriften angezogen, in welchen die Grundlehren des Communismus mit feuriger Beredtsamkeit und scharfsinniger Dialektik entwickelt waren. Mit glänzenden Farben ward dies System als das einzige angepriesen, in welchem allein das Heil der gesammten Menschheit zu finden seija, der als zu erwartend und unausbleiblich geschilderte Sieg des Communismus ward geradezu als eine historische notwendigkeit, als eine zweite Welterlösung dargestellt, welcher die in Irrtum und Unnatur befangene Menschheit bedürftig sei.

Franz Talheim rief unter dem Lesen einmal über das andere dazwischen, "das ist Wahnsinndas verstehe ich nicht!" aber Wilhelm sagte fieberhaft aufgeregt:

"Ich bitte Dich, lies weiterich verstehe' es auch noch nichtaber es klingt wie lauter Musik vor meinen Ohren und klingt so in meinem Herzen wieder!"

Sie lasen weiter und immer verführerischer klangen ihnen die neuen Auffassungen von Menschenrecht und Lebenswonne, welche sie aus dem Briefe gewannen.

Wilhelm rief wie bezaubert: "So Etwas hab' ich in meinem Leben noch nicht gelesenmir schwindelt! Vor meinen Blicken geht eine neue Welt auf bei diesen grossen, herrlichen Wortenich habe wohl manch' Mal schon gedacht, dass doch dies ganze Leben, welches jetzt alle Menschen führen, die Einen gezwungen, die Andern freiwilligeine Tollheit ist, eine Niederträchtigkeitaber ich habe es noch niemals gesagt, nun sagen es Andere statt meiner!"

Franz verwiess ihm seine Rede und sagte ruhiger: "Diese Leute singen das Lied der Armut aus einem ganz anderm Tone, als man es zu hören gewohntaus einem anderm Tone, als gut ist. Es kann Niemand froh werden, der es so hört. Es ist als wenn Jemand zu einem Krüppel sagte: Du könntest ein schöner Mensch sein, wenn Du nicht als ein Krüppel zur Welt gekommen wärester kann es doch nicht ändernoder zu einem Menschen: Du bist eigentlich ein Engel, aber in eine irdische Gestalt gezwungen, die Deiner höheren Entfaltung hinderlich ist. – – Wie soll der Krüppel, wie der Mensch das ändern können?"

Erst hatte das Schreiben von den Prinzipien des Communismus gehandelt und davon begriff der gesunde Verstand der schlichten Arbeiter nicht das Geringste. Franz hatte Lust, diese Teorien geradezu für hohle Hirngespinste müssiger Köpfe zu erklären, welche, selbst in einer spitzfindigen Philosophie gefangen und von ihr irre geleitet, es dennoch wagten, die Philosophie zu verhöhnennur Wilhelm liess sich von diesen ihm, wie er selbst sagte, unverständlichen Redensarten blenden und bestechen. Aber in dem weitern Verlauf der Schrift ward die Sache des Communismus von der praktischen, von der unmittelbar in's Leben greifenden Seite angefasst, und endlich schloss der ganze Brief mit einem Aufruf an alle arme, namentlich alle arme Arbeiter zu innigster Vereinigung, damit es durch sie gelingen möge, die Reichen und Besitzenden all' ihrer Vorteile über die sogenannten untern Schichten der Gesellschaft verlustig zu machen.

Der Schluss des Schreibens lautete:

"Auch Dich, Franz Talheim, rufen wir auf, Deine und unsere unglücklichen Brüder darauf aufmerksam zu machen, dass die Zeit einer neuen Ordnung der Dinge nahe herbeigekommen ist. Du hast die