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und da verstummten plötzlich seine Lippen.

Pauline, die mit ängstlicher Spannung seinen Worten gefolgt war, schrak jetzt zitternd zusammen vor diesem lauten, grässlich hallenden Gelächter.

Friederike, die etwas entfernt gestanden, drängte sich rasch und dicht an ihre Gebieterin.

Das Gelächter hatte die lange Liese ausgestossen, welche jetzt mit raschen Schritten des weges gekommen war.

"Könnte noch Alles gut werden?" rief sie mit unheimlicher, wie wahnsinniger stimme. "Würde Alles gut? Was denn? 's liegen viel Kinderleichen auf dem Kirchhofe, von den verfluchten Maschinen zerrissendas wird doch nicht wieder gut, die stehen nicht wieder auf und kämen Engel vom Himmel! Gute Menschen aus Kindernei ja doch, gute Menschen, die gut arbeiten und gutwillig sich die Kinder verderben und sterben lassenimmer Eins von Beiden, verderbensterbenverderbensterben."

Sie sang die letzten Worte mit kreischender stimme ab und ging ihres Weges.

"Sie ist wohl wahnsinnig geworden?" fragte Pauline schaudernd.

"Das nun wohl so eigentlich nichtaber so ist ihre Artsie ist in Verzweiflung über ihre Kinder," versetzte Franz.

"Gute Nacht, Franz," sagte Pauline und gab ihm die zitternde Hand.

Er drückte sie leise und sagte: "Ich darf es nun nicht wagendurch Wilhelm und Friederike mögen Sie erfahren, wo wir um Ihre Hilfe bitten mögten."

So trennten sie sich.

V. Ein Schreiben

"Ich bin erwacht, ich fühle Kraft

Die Lumpen reiss' ich von den Gliedern,

Aus freier Seel' die feige Angst,

Den Schlaf von meinen Augenlidern,

Der Liebe Bündniss will ich schliessen,

Nicht länger hassend einzeln stehen,

Des Lebens Wohltat mit geniessen,

Nicht länger hungernd zu nur sehen."

Herrmann Püttmann.

Franz war aufgeregt aber glücklich von dannen gegangen. Pauline hatte ihn nicht von sich verbannt, wie er zuweilen gewähnt hatte, sie war nicht krank, wie man sich bemühte ihn glauben zu machen; sie war sogar stark genug, sich dem Willen derer, welche sie zunächst umgaben und welche, wie es nur zu klar war, sich bemühten, ihre Bestrebungen des Wohltuns zu hemmen, ihnen Schranken zu errichtenzu widersetzen. Das gab ihm hohe Freude. Er hatte sie verloren geglaubt für sich, verloren für all' die Armen, welche das Schicksal zu seinen Brüdern und Schwestern gemacht hatte, verloren für sie, welche bei ihrem Nahen die Erscheinung eines Engels segnen sollten.

Und es war nicht so! Sie war nicht ihm verloren, nicht ihnen! Sie hatte ihm auf's Neue die Hand zu diesem schönen Bunde gegeben.

Wer weiss? sagte er sich hoffend. Sie ist noch nicht lange hier und schon sind viele Tränen getrocknet worden und Manches ist besser geworden, als es jemals war. wer weiss, ob nicht, wenn sie länger hier weilt, noch bessere zeiten kommen! Ob sie nicht auch ihren Vater zu milderen Gesinnungen zu stimmen vermag und nicht nur die Wunden heilt, die seine Härte schlägt, sondern seine Härte schwinden macht, dass Alles besser wird!

Als er eben so zukunftsfreudig vor sich hinging, kam Wilhelm ihm entgegen. Er rief:

"Da hat man mir einen Brief an Dich gegebenes ist nicht die Hand Deiner Brüder auf der Aufschriftauch lautet sie nicht wie gewöhnlich, 'an den Fabrikarbeiter Franz Talheim,' sondern dem Namen ist noch beigefügt: 'Verfasser der Erzählungen aus dem armen volk.' Sieh' einmal, wie schön sich das ausnimmt; ich glaube, Du hast einen Namennun man merkt es doch, dass Deine Eltern gute Bürgersleute waren und Du nicht im Strassenkot geboren bist, wie unser einer."

Franz errötete, als er einen blick auf die Aufschrift geworfen, die ihm allerdings sehr schmeichelhaft erschien. "Es ist zu dunkel zum Lesen hier," sagte er, "komm mit in meine kammer, wir zünden die Lampe an und lesen zusammen."

Sie traten in das Haus und stiegen hinauf in die kleine kammer, welche Franz bewohnte. Bald brannte die kleine Lampe und erhellte düster und spärlich den elenden Raum. Franz hielt den Brief nahe an die düstre Flamme, öffnete das dunkle Siegel und sah zuerst auf der letzten Seite nach der Unterschrift. Es war unterschrieben: "Mehrere gleichgesinnte Fabrikarbeiter." Ort und Datum waren nicht angegeben.

"Das ist seltsam," sagte Franz, "und das Schreiben ist so lang."

"Weisst Du was?" sagte Wilhelm. "Du hast gewiss davon gehört, wie es seit einiger Zeit unter denen, welche sich um die Staatswirtschaft bekümmern, oder doch darum bekümmern mögten, Mode geworden ist, an Diejenigen, welche in diesen Angelegenheiten einflussreiche Schritte getan haben, oder tun könnten, ein Schreiben zu richten, welches von Einem verfasst und von Vielen unterschrieben wird."

"Ja, man nennt das eine Adresse," sagte Franz.

"Nun sieh! Vielleicht haben diese Fabrikarbeiter in Bezug auf Dein Buch, das sie doch auf der Aufschrift erwähnten, eine solche beifällige Adresse an Dich verfasst. Wenn sie auch ihre Namen darunter gesetzt hätten, so wären uns dieselben doch unbekannt gewesen und deshalb ist es gleich, wenn sie es unterlassen haben. Das ändert in der Hauptsache ja doch Nichts."

"Nun lass' uns lesen," sagte Franz, "Deine Ansicht gefällt mir wohl, aber