mir nicht, wenn ich –"
"Wenn Sie eine Zeit lang Ihres Versprechens uneingedenk sein konnten, das Sie mir gaben, als ich nicht lange hierher gekommen war, oder dass Sie denken konnten, ich möge mein Wort nicht mehr halten – weiter habe ich Ihnen Nichts zu vergeben. Ich weiss – aber erst seit heute – Alles – dass man Sie über mich getäuscht und hintergangen hat – aber ich versichere Ihnen, dass ich an unserm damaligen Versprechen, dass Sie mich von jeder augenblicklichen Not unsrer Fabrikarbeiter, welcher abzuhelfen möglich ist, unterrichten sollten, und dass ich dann Alles tun würde, was ich vermöge – gar Nichts geändert wissen will, und dass wir ihm treu bleiben wollen, nur – mit mehr Vorsicht als bisher, da es Leute geben kann, welchen es nicht recht ist, dass ich die Wunden verbinde, welche sie erst geschlagen."
Franz schwieg.
"Ich ehre ihr Schweigen," fuhr sie fort. "Sie wissen, dass Diejenigen, welche mir nahe stehen, die Ursache sind, welche uns verhindern sollte, unser Versprechen zu halten, und Sie mögen deshalb keine Klagen wider sie erheben – ich ehre das, denn Vorurteile sind gewiss auf beiden Seiten, und diejenigen, in welchen ein Mensch erzogen ist, leben mit ihm fort und beherrschen ihn, so dass er von einem andern Standpunkt aus ungerecht erscheint, wo er auf dem, welchen er nun einmal einnimmt, von Gerechtigkeit reden kann. Ich aber bin in den Lehren Ihres Bruders erzogen, welchem ich in der Stunde, wo er von mir Abschied nahm, gelobte – ich weiss es noch wörtlich wie einen Eid, den er mir abnahm, er sagte: 'Versprechen Sie mir, wenn nicht die Schwester, doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein und niemals die Regungen des Mitgefühls ersticken zu lassen, weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden, das Elend um sich zu sehen, weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen müssen: was ich tun kann, um die Not zu verringern, ist nur ein Tropfen, den ich hinwegschöpfe von der Flut des Unglücks, die Alles überschwemmt.'"
"Ach, in diesen Worten erkenn' ich meinen Bruder."
"Die Zeit ist schon da, wo ich mir das sagen muss," fuhr sie fort, "aber niemals wird die Zeit kommen, wo ich diesen Schwur brechen werde."
"Ja," rief er begeistert, aber mit Tränen, "wenn mehr Herzen schlügen wie das Ihre, wenn mehr Augen wie die Ihrigen sähen, Augen, welche, wenn sie gleich von Kindheit auf an den Glanz des Goldes und die bunten Flitter des Reichtums gewöhnt, doch nicht davon geblendet sind, wie die jener Tausend, welche dann das, was ausser dem Bereich ihrer eigenen Lebensverhältnisse liegt, nicht bloss unter lauter falschen Lichtern, grauen Nebeln und düstern Spinnengeweben, sondern so wie es wirklich ist gewahrten. Wenn Diejenigen, welche zufällig unter seidnen Bettimmeln geboren wurden, nicht das gleiche Bruderbild verleugnen wollten, weil es vielleicht auf elendem Stroh zur Welt kam – wenn sie nicht fortgesetzt die edle Menschengestalt verhöhnen wollten, weil die Lumpen sie nur schlecht bedecken und die Verwilderung des Elendes sie hässlich macht – vielleicht würde es anders, vielleicht könnte noch Alles gut werden. Der arme verlangt ja so Wenig! Nur einen kurzen heitern Frühling für sein Kind, wo es nicht zu friern und zu hungern braucht, wo es lernen darf, wie man ein Mensch wird! Aber hier diese Kinder! Sie werden zu niedrer Tierheit herabgedrückt, und wie die heilige Wassertaufe den Teufel austreiben soll aus den Kindern – so ist es hier umgekehrt! Der Engel, der das Kind in's Leben begleitet, wird mit Gewalt aus der reinen Seele des Kindes gejagt, und in der heissen Hölle, wo die Dampfmaschinen arbeiten, zu denen man es schickt, da kommen all' die finstern Teufel zu ihnen, welche Alle quälen, die zu ewiger Erniedrigung, zu ewiger Stumpfheit im Leben verdammt sind. – – Und wenn dann diese Kinder, welchen man kaum ein Wort von Christus gelehrt hat, auf dessen Namen sie doch getauft sind – wenn sie dann Männer werden – Männer, welche eine gleich abstumpfende Arbeit verrichten, wenn sie auch mehr Kraft dazu brauchen, als bei der, zu welcher sie als Kinder gezwungen waren, dann verachtet man sie, weil sie fluchen und trinken und rohe Worte haben und endlich vielleicht gar einmal auf den Gedanken kommen, blinde Rache zu üben an ihren Peinigern – was dann? Ich gehöre selbst zu diesem ausgestossenen Geschlecht, und doch graut mir vor ihm, denn ich kenne es! Ach, dass es mehr gerechte Menschen gäbe, welche sich des Armen erbarmten! Nicht ihren Reichtum, nicht ihre Schätze brauchten sie ihm zu geben – aber nur nicht ihn für immer auch des Reichtums, des inneren Lebens zu entblössen, das entehrende Brandmahl ewiger Unfähigkeit ihm aufzudrücken! Es könnte gut werden, wenn man die Kinder zu guten Menschen erzöge, statt zu blöden Sklaven – es ist ja der Vorteil Aller, dass überall gute Pflanzen getrieben und erbaut werden. – Niemand zieht ein Beet Unkraut in seinem Garten – wenn man nur das bedächte – es würde Alles gut."
Franz hatte sich im Selbstvergessen zu so langer schnell und feurig gesprochener Rede hinreissen lassen. – Plötzlich hielt er inne – ein schrillendes, widerliches Gelächter klang höhnisch durch die friedliche Abendruhe,