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betreten, als wenn er zum Zahltag in das Comtoir kommen muss. Nun siehst Du, wie Alles gekommen ist; Franz ist seitdem ganz traurig, nur manchmal sagte er: 'ich mögte doch wissen, ob ihr Alles so recht ist, ob sie es weiss, oder ob es sie nicht einmal wundert, dass ich nicht mehr komme –' gestern sprach er auch so und weintenun wenn so ein starker Junge weint wie der Franz einer ist, das kann ich nicht gleichgültig mit ansehen, da wendet sich mir das Herz im leib um. Da sagt' ich mir: heute musst Du mit Friederiken reden."

"Weisst Du was?" sagte diese. "Mein fräulein ist auch recht verdriesslich gewesen, dass Franz nie mehr gekommen, denn von All' dem, was Du mir erzählt hast, weiss und ahnt sie kein Wortich muss jetzt fort von Dir, wir haben schon zu lange geplaudertwenn Du Franz triffst, so geh' mit ihm dort drüben in der Allee ein Weilchen hin und herwer weiss, macht nicht mein fräulein noch einen Spaziergang dahin, und Franz darf ein paar Worte mit ihr sprechen, wo es Niemand gleich gewahr wirddenn das merk' ich nun schon, dem saubern Herrn Bruder ist es ein Gräuel, dass sie für die armen Leute menschenfreundlich fühlt und da helfen mögte wo er nur trannisirtlebe wohl! Wir wollen sehen, ob wir uns heute noch wieder treffen." Mit diesen Worten und einem raschen Händedrucke hüpfte Friederike fort.

Pauline war allein in ihrem obern Zimmer und hatte schon ein Mal vergeblich nach dem Mädchen geschellt. Als es jetzt eintrat, fragte sie: "Warum kommst Du so spät?"

"Ich bitte Tausend Mal um Vergebung," sagte Friederike, "ich sprach einige Worte mit meinem guten Wilhelm."

"Du weisst," begann Pauline mit ernstem, warnendem Tone, "dass ich gegen Eure Neigung Nichts habe, allein –"

"liebes fräulein," fiel ihr Friederike in's Wort, "ich fragte ihn nach Franz und da hatte er so Viel zu erzählenich wäre sonst nicht so lange geblieben."

Pauline vergass die mahnende Rede, welche sie begonnen hatte und fragte rasch: "Was sagte er Dir da? Vergiss nicht, Alles genau zu wiederholen, denn durch das, was ich von der Frau Marta erfuhr, ist mir Franz noch wunderlicher vorgekommen."

Friederike kam diesem Befehle getreulich nach. Als sie Alles erzählt hatte, ward Pauline immer nachdenklicher. "Es ist klar," sagte sie, "mein Bruder will nicht, dass die Fabrikarbeiter zu mir Vertrauen fassen und dass ich die Schattenseiten einer grossen industriellen Anstalt, wie die unsere ist, kennen lerne, er will nicht, dass ich mich mit diesen armen Leuten in eine gewisse Art von Verbindung setze. Er verachtet sie nur und meint vielleicht, sie um so williger zu jeder Arbeit zu finden, je ärmer und unglücklicher sie sind. Es ist gewiss, dass er den Chirurgen zu diesem seltsamen und abgeschmackten Märchen von meiner Krankheit verleitet hat. So werde ich freilich in Zukunft noch behutsamer sein müssen, als ich bereits war, damit er mich nicht hindert, irgend ein Elend zu lindern, wo ich kann und will."

Friederike hatte ihrer Herrin nicht gesagt, dass sie Wilhelm und Franz in die Allee bestellt habe, sie verschwieg es auch jetzt, aber sie suchte Paulinen dahin zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen, indem sie ihr beredt den schönen Sternenabend draussen schilderte und die leuchtenden Johanniswürmchen, die gerade in jener Allee sich jetzt so lustig tummeln sollten. Pauline willigte endlich ein, da der Weg nahe und überhaupt dort einer ihrer Lieblingsplätze war.

Franz stand dort allein. Was er für Paulinen fühlte, hatte er dem Freund einmal gestanden, obwohl er selbst es sich noch niemals zu gestehen gewagt hatte, obwohl er es, was nur ein Mal seinem inneren zur Aussprache entlockt worden war, wieder in seines Herzens Tiefen zu verbergen strebte. Was er jetzt gelitten, wusste Wilhelm auch, und er gönnte dem Freunde die Stunde der Genugtuung, welche jetzt vielleicht für ihr schlug, so aufrichtig aus vollster Seele, dass er sie ihm durch seine Gegenwart nicht stören wolltedenn ein Zartgefühl, welches bei den feinen, geglätteten Menschen der Salons fast gänzlich in seiner Ursprünglichkeit verloren gegangen ist und nur als leere Etikettenform noch hier und da zur Erscheinung kommt, sagte diesem einfachen, unverdorbenen und unverbildeten Arbeiter, dass seine Gegenwart vielleicht den Freund stören könne, dem er, ohne es zu wollen, ein geständnis seiner Liebe entlockt hatte, welches nun nicht mehr zurückzunehmen war, aber von dem, welchem das stille geheimnis gehörte, doch gern wieder vergessen gemacht worden wäre.

Friederike, welche diese Gründe für Wilhelms Aussenbleiben nicht ahnen konnte, weil sie Talheims wahre Gefühle nicht kannte, und welche vielleicht auch dann Wilhelms Zartgefühl nicht ganz würde verstanden und geteilt haben, schmollte in Gedanken ein Wenig mit ihm, dass er die schöne gelegenheit, ein Wenig mit ihr zu plaudern, ungenützt vorüber gehen liesse.

"Guten Abend, Franz!" sagte Pauline freundlich zu diesem.

Er zitterte fast, als er diese sanfte stimme wieder hörte, welche er Wochen lang nicht mehr, nur in seinen Träumen gehört hatte. "Sie sprechen so sanft zu mir," rief er erschüttert, "nicht wahr, Sie zürnen