auch einige Schritte weiter und sah sich überall um. So stand sie eine Weile. Da rief plötzlich eine stimme:
"Also endlich einmal!" Es war Wilhelm Bürger, welcher hinzutrat und ihre Hand erfasste.
"Guten Abend, Wilhelm."
Wilhelm hatte gleich am andern Tage, als er erkannt hatte, dass es ein grosser Irrtum von seiner Seite gewesen, seinen Freund Franz für seinen Mitbewerber zu halten, Friederiken am Feierabend am Brunnen aufgesucht und ihr einfach gesagt, wie lieb er sie habe. Das gute Mädchen hatte verschämt und errötend das angehört, und ihm durch einen herzlichen Händedruck versichert, dass sie ihm gar nicht gram sei, dass sein Wort ihr eine wahre Herzensfreude gegeben. So pflegten sie nun seitdem sich oft auf gleiche Weise zu sehen. Wilhelm war heute ziemlich ernst und sagte nach einer Weile:
"Ist es wahr, dass Deine herrschaft, ich meine Mamsell Paulinchen, seit einiger Zeit so kränklich ist?"
"Da habe ich Nichts davon bemerkt – das müsste ich wissen."
"Verändert sieht Sie mir auch nicht aus – gleichwohl hat es der junge Herr, ihr Bruder Georg gesagt."
"Was hat der gesagt? Er weiss gar Nichts von ihr, denn die Beiden sind verschieden wie Tag und Nacht."
"Du weisst, dass sie den Chirurgen für das Kind der langen Liese bezahlt hat."
"Und dass sie mit Franz selbst zu dem unglücklichen kind gegangen ist, seitdem sind aber Wochen vergangen und Franz hat sich nicht wieder blicken lassen, wie doch sonst."
"Es ist ihm schwer genug geworden."
"Warum ist er also nicht gekommen? Und was meinst Du mit dem jungen Herrn und dem Chirurgen?"
"Das wollt ich ja eben erzählen."
"So rede schnell, denn ich kann jetzt nicht lange hier bleiben und weiss wirklich nicht, was Du eigentlich zu sagen hast."
"Drum eben lass' mich zu Worte kommen. Wie der Chirurg das zweite Mal wieder gekommen ist, hat er Franz aufgesucht und gesagt, es sei unrecht von ihm, dass er fräulein Pauline immer so mit Erzählungen von Unglücklichen quäle, und sie dann berede, das Elend selbst mit anzusehen. Eine junge zärtliche Dame, wie sie, könne so Etwas nicht vertragen, sie werde dadurch selbst noch krank, weil es sie immer so angreife; ihre Gesundheit sei dadurch schon ganz zerrüttet – sie setze ihr Leben auf's Spiel, wenn sie es noch länger so treibe; sie selbst habe freilich davon keine Ahnung, um so mehr sei es jedes Menschen Gewissenssache, sie zu schonen. Franz war ungläubig gewesen – ich war es auch, dann sagte ich mir: die armen Leute müssen in diesem Elend leben und es selbst ertragen und die vornehmen Leute sollten gleich daran sterben, wenn sie es nur ein Mal erzählen hören, oder von Weitem einen flüchtigen blick darauf werfen?"
"Mein fräulein ist ganz wohl – und was will denn der Chirurg von ihr wissen, der sie niemals behandelt hat? Sie hat Gott sei Dank noch gar keinen Arzt gebraucht, seitdem sie hier ist. Und dieses alberne Mährchen hat Franz glauben können?"
"Er hat es auch nicht so recht geglaubt, aber ängstlich hat es ihn doch gemacht. Sie gönnen uns diesen Engel nicht!" sagte er ernst und bitter – aber wie er es sich näher überlegte, so hatte die Sache doch auch etwas Wahrscheinliches – "diese Mädchen sind einmal so zart," sagte er, "und wäre ich dann daran Schuld, dass sie wirklich litte – ich vergäb' es mir nie – und geistig leidet sie durch mich – nein, nein, ich will ihr Nichts mehr sagen – –" so meint' er.
"Aber welch' dummes Zeug!" rief Friederike: "Und warum hat er da nicht mich gefragt, oder warum es Dir nicht aufgetragen?"
"Er hat sich genug mit seinen Gedanken gequält und wie sie ihm nicht mehr Ruhe liessen, ist er selbst hergegangen, um sie zu sehen oder Dich zu sprechen. Der junge Herr hat ihn da zuerst getroffen und gefragt, zu wem er wolle? Er habe jetzt hier Nichts zu tun. Er hat Dich genannt, da hat ihn Georg sehr hart angelassen und gesagt – aber das ist zu hart!"
"Was hat er gesagt? Rede nur gerade heraus!"
"Er hat gesagt, dass ihn seine Schwester beauftragt habe, nicht länger den Skandal zu dulden, dass ihre Dienstmädchen mit den Fabrikarbeitern unpassenden Umgang hätten und dass es so schon eine Schande sei, dass die Christiane –" Wilhelm hielt inne und besann sich, dass er hier nicht weiter fortfahren könne.
Friederike ward rot und sagte: "Das ist eine Niederträchtigkeit! Die Christiane wäre lange aus dem haus, wenn er sie nicht selbst hielte, und wir wissen recht gut, wer an ihrem Unglück Schuld ist – die armen Fabrikarbeiter nicht, aber so will er freilich tun. Und nun gar dem Franz gleich das Schlechteste unterzuschieben – und nur weil er nach mir gefragt hat; das ist abscheulich!" Sie stampfte mit dem Fuss und hielt die Schürze vor das von Zorn und Scham zugleich gerötete Gesicht.
"natürlich hat da Franz seine Mässigung doch ein Wenig verloren," fuhr Wilhelm fort, "er ist heftig geworden und der Herr hat ihm für immer verboten, das Wohnhaus zu andern zeiten zu