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die gedrückten Arbeiter eine freundliche Bitte vorzubringen. Er hatte ihr dies mit leidenschaftlicher Heftigkeit ein Mal für immer verboten und da sie bemerkte, dass sie durch ihre Vorstellungen meist nur gerade das Entgegengesetzte von dem, was sie zu erreichen wünschte, eintreten sah, so hatte sie für immer auf solche verzichtet. So wagte sie aus kindlicher Ehrfurcht wenigstens nicht sogleich das Verbot des Vaters in Bezug auf Schloss Hohental zu übertreten, da sie hoffte, er werde es vielleicht eher zurücknehmen, wenn sie ihm Gehorsam zeige, so lange noch die erste Heftigkeit seiner Erbitterung währte. Elisabet selbst war nicht in die Fabrik gekommen, weil leichte Unpässlichkeit sie im schloss zurückhielt.

Noch niemals war es Paulinen einsamer vorgekommen, als jetzt, wo sie sinnend allein im Garten weilte.

Ein Gruss weckte sie aus ihren traurigen Träumereien.

"Guten Abend, Mamsellchen."

Es war eine kleine dicke Frau mit rotem Gesicht, welche vorüber ging und den Gruss hinein rief. Pauline erkannte sie; es war die gutmütig aussehende Frau, welche sie bei der langen Liese getroffen hatte.

"Guten Abend, Frau Marta," sagte Pauline, "lauft doch nicht so vorüber. Was macht die lange Liese mit ihren armen Kindern?"

"Sie haben mich gleich erkannt?" sagte Marta schmunzelnd. "Sonst merken sich die feinen Mamsellchen uns arme Weiber nicht so leicht; das ist hübsch von Ihnen. Was die lange Liese macht? Da mag sich Gott erbarmen, die flucht Tag und Nacht. – Sie wissens wohl gar nicht, dass die Kinder Beide tot sind, der Junge und auch die kleine Liese!"

"totBeide?!" rief Pauline, "Das ist ja entsetzlich!"

"Freilich wohlaber ein Glück ist's doch auch, dass sie starben, was hätte aus den elenden Krüppeln werden sollen? Und gut noch, dass sie Beide wenigstens gleich an einem Tage starben, da sind sie auch in einen Sarg und ein Grab gekommen und dadurch Kosten erspart worden."

Ein leichter Schauer überrieselte Pauline, als sie diese Rede hörte, es war ein neuer tiefer blick in das Elend der Armut, die sich über den Leichen geliebter Kinder noch damit trösten muss, dass sie wenigstens zugleich starben, damit nur ein Sarg für zwei nötig war.

Marta fuhr fort: "Ja, wenn es nur wenigstens Nichts kostete, der Tod ist ja auch nicht umsonst, wenn gleich das Sprichwort so heisstnicht einmal die Sprichwörter wollen auf die armen Leute passen. Ich kann sagen, mir wird wohl manchmal Angst, wenn die lange Liese so flucht und dazwischen lacht und schluchzt, dass sich's greulich mit anhörtdenn da weiss sie nicht mehr, was sie spricht, und versündigt sich gar gegen den lieben Gott im Himmel droben. Aber wahr ist's, schlecht hat sie's gehabt ihr Leben langich und mein Mann, wir sind Beide gesund, und der Junge ist's auch, nun da mag's schon sein, wenn man auch wenig verdient, wenn man nur arbeiten kann und gesund ist, da ist unser eins schon zufriedenaber wie ist nun die lange Liese selber elend geworden und wie sahen die Kinder jammervoll aus, die sie mit in die Fabrik schleppthalten's einmal nicht aus und muss doch froh sein, wenn sie nur arbeiten dürfen. Wenn Sie mir's nur gesagt hätten, wie die Kinder starben, ich hätte vielleicht Etwas tun können."

"Ja, ich unterstand mir's nicht und dem Franz sagt' ich's ein Mal, weil der Sie doch heimgeführt hatteaber er schüttelte den Kopf und sagte: ich gehe nicht wieder hin, geht lieber selbstund sehen Sie, da dachte' ich in meinen Gedanken: wenn's der Franz nicht mehr wagt, da wag' ich's auch nicht."

"Franz sagte: er wage nicht mehr zu mir zu gehen?" sagte Pauline mit dem Tone ungläubiger Verwunderung.

"Nun ja, er sagte wenigstens: ich gehe nicht wieder hin."

"Er gehe nicht wieder zu mir?"

"Nun ja, es ist, als ob Sie Sich darüber verwundertenich dachte seiner Rede nach, Sie hätten es ihm verboten, oder gesagt, dass er zu oft käme."

"Niemals, niemals! Sehen Sie Franz zuweilen?"

"Selten, doch trifft es manchmal, dass er mit meinem mann zusammengeht, denn der hält grosse Stükke auf ihn."

"Nun dann sagen Sie ihm, dass ich es seltsam fände, dass er mir sein Wort nicht mehr hielteer wird schon wissen, was ich meine."

"Schon gutaber da steh' ich hier so lange und schwatze und wollte heute Abend noch Manches arbeiten."

"Damit Ihr nicht umsonst hie geblieben seid, so wartet noch einen Augenblick," sagte Pauline und ging in das Haus.

Nach einer Weile kam Friederike mit einem Korb Esswaaren heraus, welchen sie der Marta übergab. "Etwas davon mögt Ihr der langen Liese geben."

"Das Mamsellchen ist gar gut," rief Marta, "ich hab' es immer gesagt. Ich lasse mich schönstens bedanken, der liebe Gott mag's ihr vergelten, die Armen haben Nichts zu geben als fromme Wünsche."

So ging denn Marta ihres Weges. Friederike tat