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und als ich Sie zum zweiten Male sahdarf ich es Ihnen gestehen? so hätt' ich dem Leben fluchen mögen, das auch aus Ihren Augen Tränen presste, das auch Sie schon so schmerzlich fassen und bewegen konnte! Aber ich lernte auch von Ihnenich hatte oft das Weh meines Herzens übertäuben wollen in rauschender Lust, aber ich dachte dann, es sei besser, gleich Ihnen dies Leid auszuweinen in Gottes freier natur, an der Brust der mütterlichen Erdeund so tat ichund so kam ich auch hierher, um in der heiligen Frühlingswelt alle kleinen menschlichen Schmerzen zu vergessenund mir ist, als würde das Herz gesund, wenn es wie hier neben lächelnden Blumen und wirbelndenden Lerchen schlagen kann –" er wollte noch mehr sagen, aber er hielt inne.

"Das Herz wird still, wenn es wie hier auf dieser Höhe dem Himmel näher schlägt," ergänzte Eisabet, "ich bin jetzt zufrieden. Ich geniesse den Fühlingwas will man mehr?"

"Die Nähe verwandter Seelen," sagte Jaromir.

"O, ist man nicht selber reich genug, dem Wald, dem Bach, den Blumen allen verwandte Seelen zu geben? Und bringt nicht jede Schwalbe, die sich in unsrer Nähe anheimelt, nicht jede Lerche, die aus der Saat zum Himmel jubelnd emporschwirrt, jede Nachtigall, die im Stillen und Dunkel sich hören lässt, die verwandte Seele mit, nach welcher wir uns sehnen? Fühlen Sie nicht, dass das Lied, welches von dem wechselnden Vögelchen da drunten im Garten ertönt, alle die Regungen zur Sprache bringt, über welche Sie mit sympatisirenden Wesen sich unterhalten mögten? Nun und warum nicht mit diesen gefiederten Sängern?" fragte Elisabet.

"Nun, wer von uns Beiden ist denn der Poet?" sagte Jaromir lächelnd.

In diesem Augenblick traten der Graf und die Gräfin in den Saal. Jaromir und Elisabet hatten sie vorher nicht bemerktsie standen jetzt schnell überrascht auf und traten zu ihnen in den Saal.

Die Unterhaltung war allgemein und kam nicht aus der Sphäre des gewöhnlichen Conversationstones heraus. Jaromir hielt das nicht lange aus und entfernte sich sobald als es schicklich war.

Später sagte die Gräfin zu Elisabet: "Du liessest gestern den Kammerjunker von Aarens abweisen, weil Du allein warst, und nimmst heute im gleichen Falle den Grafen Szariny anich liebe solche Inconsequenzen nicht."

Elisabet verliess ohne Antwort das Zimmer.

IV. Erklärungen

"Doch wehe, wehe dem Mittellosen,

Wenn siech der Leib zusammenbricht,

Da rettet nicht des Weibes Kosen,

Da rettet die Pflege der Mutter nicht,

Da helfen nicht die Gebete der Kleinen."

Karl Beck.

Ein paar Wochen waren vergangen, seitdem Pauline sich von Franz hatte zu der langen Liese führen lassen. Pauline hatte ihn unterdessen nur von Weitem gesehen, wenn er in die Fabrik oder an den Zahltagen in ihres Vaters Comptoir ging; sie war ihm auf ihren Spaziergängen, auch wenn sie dieselben nach dem allgemeinen Feierabend machte, niemals begegnet, und niemals hatte er sie im Garten aufgesucht, wie sonst, um irgend eine Angelegenheit, eine Bitte für die Unglücklichen, für welche er sich schon so oft verwendet hatte, vorzutragen. Nur ein Mal war sie ihm nahe in der Hausflur begegnet, wo er mit andern Arbeitern bei einem Factor gestanden hatte, der sie eben Alle ziemlich hart anliess. Franz hatte Paulinen einen schmerzlichen blick zugeworfen, zum Sprechen war der Moment nicht geeignet gewesen. Den Chirurgen hatte sie gleich, als er das erste Mal zu den verunglückten Kindern auf Ihr Geheis gekommen war, im Voraus bezahlt. Sie hatte Nichts wiedre von diesen armen Leuten gehört, denn sie selbst war nicht wiedre hingegangen, da sie nach dem ersten Empfang der langen Liese recht wohl einsehen gelernt, wie diese ihren Besuch weniger als eine Art Genugtuung, sondern mehr als Verhöhung betrachte. Ihren Bruder oder die Factoren nach der langen Liese und ihren Kindern zu fragen, hielt eine innere ängstliche Scheu sie ab.

Eines Abends sass Pauline allein im Garten wie gewöhnlich, denn um diese Stunde allein spazieren zu gehen wagte sie nicht, weil sie immer fürchtete, dass sie, wenn sie Fabrikarbeitern begegnete, von diesen roh behandelt werden mögte, oder doch wenigstens unziemliche Redensarten anhören müsste. Sie war sehr traurig, denn sie hatte auch Elisabet lange nicht gesehen. Herr Felchner war sehr gegen den Grafen erbittert, seitdem dieser versucht hatte, sich mit in die Waldow'sche Angelegenheit zu mischen und jetzt auch vor Gericht gegen ihn auftretend gestrebt hatte, es dahin zu bringen, dass der Fabrikherr den Bachwelcher nun durch sein neu erlangtes Gebiet flossaber zugleich durch Hohental'sche Besitzungen gingnicht zu einem Graben einengen und zum Treiben irgend eines Mühlwerks benutzen dürfe. Es war darüber ein Prozess entstanden, welchen man nach der Art, wie er unter aristokratischen Einflüssen betrieben ward, eine ziemlich lange Dauer vorhersagen konnte. Herr Felchner liebte aber Alles mit Dampfschnelligkeit zu betreiben. Er hatte daher gegen den Grafen, der ihn dies Mal so hinderlich in den Weg trat, den giftigsten und bittersten Hass gefasst und seiner Tochter streng verboten, wieder in das Schloss seines Todfeindes zu gehen. Diese war an Strenge gegen sich von ihrem Vater wenig gewöhnt, denn er begegnete ihr immer mit der zärtlichsten Liebe und liess sie in Allem frei walten. Nur durfte sie niemals versuchen, ein Wort zu seinen industriellen Einrichtungen zu sagen, oder für