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auf die reichen Naturschönheiten dieser Landschaft geworfen. Jetzt sagte Jaromir:

"Es ist das erste Mal, dass ich unwillkürlich durch Sie angeregt in Naturbetrachtungen versinkevergeben Sie, wenn ein blick auf dieses feierliche Frühlingswalten ringsum mich zu lange stumm gemacht."

Sie sagte mit einem leichten Erröten und ohne aufzusehen: "Mein früheres Zusammentreffen mit Ihnen fand ausserhalb der gewöhnlichen Schranken und auf befremdende Weise Stattich fühle, dass ich Ihnen dafür eigentlich eine Erklärung schuldig wäre, aber ich weiss dennoch nicht, wie ich sie Ihnen geben könnte, und indem ich gerade fordern muss, mir sogar den Versuch dazu zu ersparen, fühle ich, dass ich vielleicht Viel von Ihnen verlange, wenn ich Sie bitte, ohne zu gering von mir zu denken, diese frühere Begegnung wo möglich zu vergessenfür sich selbst und für Andere."

Sie liess einen Moment ihre schönen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf den seinen ruhen, dann senkte sie wieder die langen Wimpern, während er rasch das Wort nahm:

"Vergessen?" sagte er mit sanfter stimme. "Vergessen? Sehen Sie da unten die weisse Blume, welche ihr Haupt der Sonne zugekehrt hat, soll sie auch vergessen, dass der Lichtstrahl auf sie fiel, welcher ihren Kelch erschloss? Soll dort der Wanderer, den Sie von dem höchsten Berge langsam herabsteigen sehen, auch vergessen, dass er einen entzückenden Anblick dieser weiten Frühlingslandschaft genossen, der ihn vielleicht trunken schwärmen machte, wie der blick in ein seliges Eden? Warum vergessen? Nein, ich werde ewig an diese Stunde denken müssen," rief er schwärmerisch vor sich aussehend, "sie ist ein teil geworden von meinem Leben."

Elisabet schlug die Augen nieder und schwieg.

Nach einer Pause begann Jaromir wieder, aber ruhiger: "Sie schweigenvielleicht weil Sie die Sprache seltsam, finden, welche ich führe, vielleicht weil Sie Ihnen ungeziemend erscheintaber wenn Sie mir vergönnen, aufrichtig fortzufahrrnso werden Sie mir vergeben, wenn Sie es nicht schon jetzt tun."

"Sie sind ja Dichter," sagte Elisabet, "da muss Ihnen schon gestattet werden, Ihre Träume auszusprechen, in welcher Form Sie wollenweiss man doch, dass es eben poetische Träumereien sind, was man hört."

"Dieser Dichter hatte lange Zeit vergessen, dass er einer war, bis Sie ihn wieder dazu machten –" antwortete Jaromir und fuhr dann fort: "Sehen Sie, Ihnen allein gegenüber darf ich doch wahr sein? Sie haben es ja eben ausgesprochen, dass ich ein Dichter seinicht jedem Wesen entschleiert ein solcher seine Seeleund darum, als ich Sie das erste Mal in diesem schloss sah, als ich unerwartet in der Tochter dieses Hauses das weinende Mädchen wieder erkannte, das ich einst fern von hier begrüsst, da fesselte nicht allein das Erstaunen meine Zunge, dass ich es nicht aussprach, wie Sie mir nicht ganz fremd seien, sondern ich blieb darüber stumm, weil diese Begegnung immer ein süsses geheimnis meiner Seele geblieben war, das ich nun nicht auf ein Mal mit gleichgültigen Worten gleichgültigen Ohren und Herzen Preis geben konnte. Und dannich wusste ja nicht, ob es nicht vielleicht auch Ihr stilles geheimnis war, das keine Zeugen und keine Mitwisser duldete, an jenem Tag und an jener Stelle sich auszuweinen? Und lieber noch hätte ich mich selbst verraten, als Sie!"

"Ich danke Ihnen für diese Rücksicht. Tränen, mit denen man sich in die Einsamkeit flüchtet, um sie auszuweinen, werden von Andern verstanden –" sagte Elisabet.

Er fuhr fort: "Sie waren gewiss an jenem Morgen so früh aufgestanden, der Schmerz hatte Sie nicht ruhen lassenbei mir war das Anders, ich kam von einer festlich durchschwärmten Nachtaber wessen Herz in diesen Stunden schmerzlicher gezuckt haben magdas Ihre unter Ihren Tränen, das meine unter meinem lachenwer mögt' es entscheiden? Ich habe das Wort nicht vergessen, das Sie zu mir sagten: 'Sie scheinen auch nicht glücklich zu sein!' So hatten Sie mich allein verstanden, eine Fremdeunter all' den Hunderten, welche mich zu kennen meinen, welche mir täglich versicherten: ich sei der glücklichste Sterbliche."

"Ich hatte Ihnen schon einmal begegnet, wo Sie noch trauriger aussahen –" fiel sie ihm rasch in's Wort, aber sie hielt plötzlich inne und errötete und fragte sich mädchenhaft schüchtern im Stillen, ob sie nicht unvorsichtig zu Viel gesagt.

Fast war es auch für Jaromir zu Viel, zu viel überraschende Freude, dass sie dieses sagteihm war es, als müsse er ihr zu Füssen fallen, oder ihre Hand fassen und drücken, oder sie selbst in seine arme ziehenaber er bezwang sich, er blickte sie nur noch inniger an, doch wagte er nicht, sie zu berühren, oder sich ihr leidenschaftlich zu näherner sagte sich, dass er das schöne Vertrauen, mit dem sie ihn allein bei sich empfangen, nicht missbrauchen dürfe. "Ja", sagte er, "damals lag auf Ihrer Stirn, in Ihren Blicken leuchtender, ungetrübter Friede und ich dachte, so müss' es immer seindamals meinte ich nicht, dass ich nach wenig Monaten Sie so wiedersehen würde, wie es geschah. Jener erste Moment, in welchem ich sie sah, ist einer der erschütterndsten meines Lebens gewesen, ich werde ihn nie vergessen,