Als er Szariny's Namen nennen hörte, nahmen seine Augen einen ganz eigentümlichen Ausdruck an, Schreck paarte sich mit Freude. Sein ganzes Wesen schien verändert zu werden, er sah vor sich nieder, als beachte er den Grafen weiter nicht, aber wer ihn aufmerksam beobachtet hätte, würde gewiss bemerkt haben, wie sich seine Ohren sichtlich spitzten, als er diesen Namen hatte nennen hören.
Als Jaromir einige Worte mit dem Wasserdoctor sprach, stellte ihm dieser seinen Nachbar als: "Herr Schuhmacher, Doctor Juris," vor.
Es wurden nur wenig Worte gewechselt. Diese Gesellschaft behagte Jaromir wenig, und als Waldow sich nach einem Stündchen wieder zum Nachhauseritt anschickte, brach auch er auf, liess seine Droschke anspannen und fuhr hinauf nach dem Schloss.
Elisabet sass auf dem Balkon, zu welchem man aus dem Gesellschaftszimmer gelangte und welcher über dem Hauptportal sich erhob. Sie war so in das Lesen eines Buches vertieft, dass sie erst, als der Wagen auf den Steinplatten des Hofes rasselte, durch das Geräusch aufmerksam gemacht wurde und hinab sah. Die Droschke hielt vor dem Haupteingang. Jaromir hatte Elisabet längst gesehen – jetzt grüsste er, als er bemerkte, dass sie aufstand und ihn gewahr ward. Sie trat von dem Balkon in den Saal – er aus dem Hof in die Hausflur, Sie war ein Wenig in Verwirrung, denn ihre Eltern hatten einen Spaziergang in den Park gemacht, an dem sie nur aus zufälliger Laune nicht teil genommen hatte. Sie wusste nicht, wenn sie zurückkehren würden, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatten – es war eben so gut möglich, dass sie in den nächsten Minuten, als dass sie erst nach Stunden zurückkommen würden. Sie wollte Jaromir's Besuch abweisen lassen, aber er hatte sie gesehen und gegrüsst, sie konnte sich nicht selbst verleugnen lassen – in dem Augenblick ihrer Unschlüssigkeit meldete ein Diener den Grafen.
"Haben Sie gesagt, dass der Graf und die Gräfin ausgegangen sind?"
"Ja, zu Befehl – der Herr Graf beauftragte mich, ihn bei Ihnen zu melden."
Sie sah noch einen Augenblick schweigend vor sich aus, dann sagte sie: "Ich erwarte den Herrn Grafen."
Der Diener entfernte sich – gleich darauf trat Jaromir ein.
Die gewöhnlichen Begrüssungen fanden statt. Sie sagte ihm, dass ihre Eltern ausgegangen wären und dass sie nicht wisse, ob sie dieselben bald oder später zurück erwarten dürfe. Er bemerkte, dass er sie, Elisabet, bei seiner Ankunft auf dem Balkon gesehen, und dass nicht seine Gegenwart Ursache sein solle, die freie Luft mit der des Zimmers zu vertauschen.
So traten denn Beide hinaus auf den Balkon.
Die Gegend breitete sich malerisch vor ihnen aus in lichter Frühlingsklarheit. Das hochgelegene Schloss beherrschte auf höherem Bergesrücken ein grosses Panorama.
Es war ein schöner Nachmittag – man wusste nicht, war es noch Frühling oder schon Mitte des Sommers. Gegend und Luft gaben die Wonnen von Beiden. Der Himmel war ein glänzendes, lachendes Blau, die Luft ein ewiges lindes Wehen. Durchleuchtete Wölkchen zogen wie leichte Silberschleier hin und her und warfen kleine wandelnde Schatten auf die Gegend. Rechts erhob sich eine lange Hügelkette, die dem Berge sich anschloss, auf welchem die Burg stand. Die einen waren mit düstern Tannen und Fichten bewachsen, an welchen die jungen, hellgrünen Triebe wie zarte Finger von viel Tausend emporgehobenen Händen sich aufwärts streckten, als schwören auch die ernsten Gestalten der Tannen fröhlich dem Frühling Treue. Und so dicht war die Waldung, dass sie, wo das Auge zu ihr in die Ferne schweifte, wie ein grosses weiches Bett von schwellendem Moos aussah, in dem sichs gut liegen und ruhen müsse. Andere Hügel waren von grauem Gestein nur spärlich von dunkeln, rot blühendem Moos und lichtgrünem, niedrem Gras bedeckt und mit getrennt stehenden Birken bewachsen. Ihre weissen Stämme standen aufgerichtet wie heilige Friedensstäbe mit grünen, wehen den Kränzen geschmückt. Zwischen diesen Hügeln trat ein kleiner Fluss hervor und schleppte mit seinen blau und silbern blinkenden, tanzenden Wellen geduldig das Flössholz – die abgehauenen Glieder des Waldes – herab in's Tal, dann stürzte er sich brausend über ein hohes Wehr und die Scheite sprangen kühn und lustig mit dem wasser taumelnd hinüber. Geradaus tat dem blick ein weites Tal sich auf, die Landstrasse zog sich durch und auf ihr wirbelte gerade jetzt eine läutende Heerde lichtweisser Schaafe eine gelbliche Staubwolke auf. Links gränzte an das Schloss der weite Park. Seine Eichen standen im prangendsten Jugendgrün und ihre stolzen Kronen überragten die andern Bäume. Alle Gesträuche blühten bunt dazwischen. Hier schlängelte eine Allee weiss blühender Kirschbäume sich wie eine lange Guirlande durch die blumigen Wiesen. Dort glich eine Gruppe von Apfelbäumen, deren rote schwellende Knospen sich eben erschliessen zu wollen schienen, einem riesenhaften, leicht hingeworfenen Rosenkranz. Und aus all' diesem malerischen Gemisch von Bäumen, Blütensträuchen und Grasplätzen schimmerte hier ein weisser kleiner Marmortempel, wie ein ernstes Mausoleum hervor, wehten dort die Fahnen und Glöckchen eines japanischen Lustauses, wie im heitrem Spiel grüssend mit Flattern und Läuten, erhob sich an einer andern Stelle ein grauer Turm, und so noch manches abenteuerliche, malerische Gebäude. In weiter Ferne begränzte ein hoher Berg mit einer verwitterten Burgruine den Horizont. Balsamische Blumendüfte zogen wie wallender Weihrauch von den Frühlingsopfern der Erde aus den nahen Gartenbeeten empor und eine Schaar wirbelnder Lerchen tummelte sich wie trunken im Aeterblau.
Jaromir und Elisabet hatten eine Weile stumm neben einander gesessen und bewundernde und entzückte Blicke