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Paoli.

Einige Wochen waren seit dem Tage vergangen, an welchem Graf Hohental und Rittmeister Waldow sich vergeblich bemüht hatten, Herrn Felchner zu einer kleinen Gestundung zu vermögener war im Recht gewesen und er hatte von diesem Recht Gebrauch gemachtder Wald war ihm als Eigentum zuerkannt worden.

Jaromir hatte eine der Hütten, welche zu der Wasserheilanstalt Hohenheim gehörten, für sich gemietet und vollkommen Alles das ausgeführt, was er mit Waldow in Bezug auf die Heilanstalt verabredet hatte. Ehe er sich ganz in dieselbe begab, war er noch auf ein paar Wochen zurück in die Residenz gereist, um dort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, da er vorher seine Abwesenheit nicht auf eine längere Dauer berechnet hatte. Zugleich benutzte er die Zeit dieses Aufentaltes dazu, den idyllischen Aufentalt in Hohenheim mit entzückenden und glänverführerisch zu beschreiben, dass ihm beim Abschied mehr als ein Mal, und von mehr als einer person das Wort entgegentönte: "Ich denke, wir sehen uns wiederin Hohenheim."

Vollkommen befriedigt von den Resultaten dieser Wochen, vollkommen ermüdet und gelangweilt von der Gesellschaft in der Residenz, dagegen aber auch nach seiner elenden Hütte sich sehnendvielleicht auch noch verlangender nach Etwas mehr kam er in Hohenheim an.

Der Restauration der Wasserheilanstalt gegenüber, welche ein speculativer Gastwirt auf Zureden des Wasserdoctors für einen geringen Pacht übernommen hatte, befand sich eine Baute aus Brettern, welche man den Kursalon zu nennen beliebte. Er war nach vorn geöffnet, von einigen Bäumen umgeben, mit Markisen von grauer Leinwand versehen und sein Fussboden mit grobem Kies bestreut. Weiss angestrichne Lattenbänke, ebenfalls weiss gefirnisste Tische und ein Duzend Feldstühle mit Sitzen von groben Gurtbändern, dies war das Meublement dieses Salons, welcher dazu bestimmt war, dass die Kurgäste zu den Stunden in ihm sich versammelten. wo sie ein solches Mittelding von freier Luft und Bretterschutz gegen diese wünschenswert fanden. In der Tat, ein Aufentalt, welcher mehr als einfach war.

Jaromir hatte ihn sogar zu einem Lesesalon gemacht, indem er gefällig genug war, diejenigen Journale, welche er vermöge seiner literarischen Verbindungen zugeschickt erhielt, daselbst zur allgemeinen Lectüre auszulegen. Niemand war glücklicher als Hofrat Wispermann, in Jaromir eine so gute Acquisition gemacht zu haben, er überhäufte ihn dafür mit Artigkeiten, wiewohl es ihn im Stillen verdross, dass der Graf durchaus seine ärztliche Behandlung, seine Bäder verschmähte.

Gleich am ersten Nachmittag nach seiner Ankunft besuchte Jaromir diesen Salon.

Der junge Waldow traf am Eingang mit ihm zusammen. "Hierher ist fast mein täglicher Spazierritt," sagte er, "um zugleich jeden neuen Ankömmling mustern zu können und zu erfahren, wie er die göttliche Romantik dieses Ortes findet, mit welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben. – Dort sitzt ja ein ganzer Klubblassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein nehmen. Lorgnetten heraus! Dort das rotbackige Gesicht des Engländers mit dem grossen Mund, der die verhältnissmässig gleich grossen Vatermörder zu küssen scheint, kennen wir schoner behauptet ewig dieselbe stereotype Figurer sitzt allein und liest in einem buch. Mein Himmel! Was muss der Mensch nicht Alles schon zusammengelesen haben, wenn er's immer so treibt wie hierich habe ihn noch niemals anders als lesend gesehen, ich kann mir ihn auch gar nicht anders vorstellen. Wie jene Wilden, welche, als sie die ersten Reiter sahen, glaubten, Mensch und Ross wären ein Wesen, so scheint mir der Engländer mit seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden. Den eleganten Herrn mit den gelben Glacehandschuhen und der roten Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher einander vorstellen. Es ist ein Kammerjunker von Aarens, der sich nur Courmachens halber hier aufhälter ist nämlich hierher gegangen, weil er den Grafen Hohental kennt und eine reiche Partie beabsichtigter ist seit einer Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schloss gewesen."

Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehört, den eben Besprochenen mit prüfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig: "Der Mensch sieht sehr unbedeutend aus."

"Was ihn aber bedeutend machen kann, ist ein alter Name, bedeutendes Vermögen und grosse Gunst, welche er an seinem Hof geniesst. Den Herrn zwischen ihm und unsern Doctor, eben so lang und dürr wie dieser, aber mit einer so ausgesucht malitiösen Miene, kenne ich nicht, es muss ein neuer Ankömmling sein. Der Geheimrat von Brodenbrücker daneben hat sich bis jetzt schrecklich gelangweilt, er ist aus gefälligkeit für seine Frau, welche vollkommnes Pantoffelregiment geltend macht, hierher gekommen, denn sie will nämlich gern in jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen, krank zu sein und von einem gefälligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu werden. Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein, bei welcher man sich Etwas erlauben darf. Nun kommen Sie, ich stelle Sie den Herrschaften vor, Ihr Name wird frappiren, wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat. Bemerken Sie wohl, welche schmachtenden Blicke die Geheimrätin auf uns wirftich glaube, es ist ihr lange nicht so wohl geworden, die einzige Dame in einem Badeort zu sein."

Waldow trat jetzt mit Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor:

"Graf Jaromir von Szariny."

Der Name frappirte allerdingsaber obwohl die Geheimrätin vor freudigem Erschrecken beinah in eine Ohnmacht gefallen wäre, war doch Niemand davon in gleichem Maasse betroffen, als der fremde, lange, dürre Herr.