wieder – er erinnerte ihn daran, dass er ja der Wärter einer Kranken sei, welche Schonung bedürfe. Er nahm das Feuerzeug zur Hand, und gab der Lampe ihre Flamme wieder, sie brannte aber jetzt unruhiger, flackernder als zuvor. Johannes sah, wie Amalie im Fieber glühte – er warf einen besorgten blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett.
"Bin ich keines Wortes mehr wert?" fragte Amalie seufzend.
"Du wolltest mir einen Wunsch nennen, den ich Dir erfüllen könnte," sagte er ruhig und bezwang sogar das Beben seiner stimme – "Warum nennst Du ihn nicht? Ich bin zu Allem bereit, was Du verlangst, wenn es in meiner Macht ist."
"Versöhne mich mit ihm!" rief sie.
"Mit wem?" fragte er tonlos.
"Mit Jaromir von Szariny!" flüsterte sie und drückte ihr erglühendes Antlitz in die Kissen. "Ich kann nicht sterben, wenn er mir nicht vergeben! – Ach, lass' Dich beschwören," fuhr sie fort, "der Tod lös't ja alle Bande der Convenienz, macht Alles gleich – im Angesicht seiner dürfen alle Schranken fallen und Seele zur Seele reden, wirf mit mir alle Vorurteile bei Seite und erfülle meine Bitte, ich muss ihn sehen!"
"Wie wäre das möglich?" sagte Johannes bestürzt. "Ist der Graf denn hier? Und dann – und –" er war zu betroffen von dem nun eben Gehörten, in dem er ja noch gar keinen Zusammenhang fand, um darüber ruhig denken und sprechen zu können, und dabei sagte er sich selbst unaufhörlich, dass er die Tod ranke schonen, jede Aufregung vermeiden müsse – und doch war sein Herz so voll von eben darin erweckten Qualen, dass es Tausend verzweiflungsvolle fragen, welche der Mund nimmer auszusprechen wagte, an die Gattin tat.
"Ach, Johannes," begann sie wieder, "ich habe Dir Alles sorgfältig verborgen, was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde. Darüber bin ich oft launenhaft und hart gegen Dich gewesen, denn es ist nicht leicht, sein Herz zu einem Gefühl überreden zu wollen, zu dem es ewig nein sagt."
"Aber Amalie, ich beschwöre Dich! –" sagte er mit gepresster stimme.
"Still, Johannes," fiel sie ihm in's Wort, "ich weiss, was Du sagen willst, schone mich nicht – doch Du willst dies, und so will ich denn selbst für Dich reden. Du willst mich fragen, warum ich Dein Weib ward, da ich doch einen Andern liebte. – – – Ach, ich war ein törigtes, eitles Mädchen. Jaromir studirte in meiner Vaterstadt – wir hatten uns gesehen, erst nur aus der Ferne, als wir uns schon liebten – der schöne, stolze Graf, der liebenswürdige Pole, um dessen Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fräuleins der Stadt vergebens bemühten – er lag zu meinen Füssen, zu den Füssen des armen Mädchens, das Niemand kannte, Niemand beachtete, das um Lohn manche Stickerei für jene reichen Damen liefern musste, die ihn in ihre Netze ziehen wollten. O, ich war selig! Meine Mutter machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhältniss, der Abstand der Verhältnisse machte sie misstrauisch – aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen – re wechselte den Ring mit mir, er erklärte uns, dass er selbst ziemlich so arm sei, wie wir, dass er ein Geächteter sei, dessen Güter der Russischen Krone verfallen, dass er keine Familie habe, die seine Wahl misbilligen werde, dass er, wenn er selbst ein andres Mädchen als mich lieben könne, doch zu stolz sei, als Bettler und Geächteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben – und Allem fügte er hinzu, dass er mich über Alles liebe und dass dies ja der beste Grund sei, ihn nicht abzuweisen. – Ach, wie beredt er immer sprach, und welch' selige Stunden wir verlebten, als meine Mutter selbst unsere Liebe beschützte! –" Und Amalie lächelte, als sie so sprach, und blickte vor sich nieder, in selige Erinnerungen versunken, Erinnerungen, welche eine solche Gewalt über sie hatten, dass sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben, dass vor ihnen die Schwäche des kranken Körpers zu weichen, seine Schmerzen aufzuhören schienen. Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes während dieses Geständnisses, er vermogte nicht mehr, die begeistert Sprechende anzusehen, er blickte vor sich nieder, und blieb stumm.
Nach einer Weile begann sie wieder: "Niemand ahnte unser verborgenes Glück – Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling, den nur die Einsamkeit reize – o, es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers, das für uns ein Paradies war. Aber so schön, so geistreich, wie er war, so unbedeutend kam ich mir neben ihm vor, und je leidenschaftlicher ich ihn liebte, desto häufiger quälten mich auch eifersüchtige Befürchtungen! – Ein halbes Jahr, nachdem wir uns kennen gelernt, ward er auf der Universität in Händel verwickelt, welche ihn zwangen, diese und die Stadt zu verlassen. Wir nahmen traurig Abschied, und gelobten uns ewige Treue. – Mein Leben ward furchtbar öde, da er fort war – wir schrieben uns oft, wenn auch die Mutter darüber schalt, dass ich Tage lang schrieb, ohne zu nähen, und über das viele Postgeld. Aber nun ward die Eifersucht zu meinem Dämon