seinen Mussestunden, aber diese einfachen Stimmen mitten heraus aus dem volk werden wohl von alle Denen gehört, für welche sie laut werden, welche das geschilderte Elend teilen, aber nicht von Denen, welche es verbreiten, und Denen, welche die Macht und Pflicht haben es aufzuheben und zu lindern. Darum fiel er mir weinend um den Hals, als wir von einander Abschied nahmen und sagte: lebe' wohl Du – nun doppelt mein Bruder, wenn Du derselben Sache dienen willst, welcher ich mich geweiht habe!"
Diesen Brief wollte der unberufene Leser erst in seine Brieftasche schieben – er besann sich aber anders und notirte nur die angezogene Stelle stenographisch. In den andern Briefen fand er nichts Beachtenswertes, ausser dass er sich den jedesmaligen Ort anmerkte, von welchem aus sie geschrieben waren. Jetzt griff er nach einem kleinen hölzernen Kästchen, zwischen dessen Schluss unterhalb des Deckels ein Stückchen beschriebenes Papier hervorschimmerte. "Hier sind auch Briefe darin –" sagte er. "Das Kästchen ist verschlossen – es tut mir leid – aber ich muss um den Schlüssel bitten."
"Das ist unmöglich," rief Amalie. "Ich kann es beschwören, dass es der Polizei ganz gleich sein kann, den Inhalt dieses Kästchens zu erfahren – und wenn Sie gekommen sind, um nach Papieren von Franz, von meinem Gatten in meinen Sachen herum zu spüren, so wiederhole ich nochmals – ich will es beschwören – von ihrer Hand finden Sie kein Wort in diesem Kästchen."
"Dieser Eifer macht die Sache nur um so verdächtiger – ich muss durchaus Sie bitten, zu öffnen."
"Um keinen Preis –" sagte sie ausser sich, aber fest.
"Es tut mir leid," bemerkte darauf der Polizeicommissair mit feinem Lächeln, "aber es muss sein, –" und ehe Amalie es nur bemerken, noch weniger verhindern konnte, hatte er ein kleines Instrumentchen aus seiner Westentasche geholt und mittelst desselben das Schloss des Kästchens geöffnet.
"Aus Barmherzigkeit," rief Amalie, als sie es sah und fiel auf ihre Kniee.
Jener bemerkte es nicht – sein Gesicht strahlte vor Freude und Staunen. "Jaromir von Szariny!" rief er leise für sich. "Das ist ja der anonyme Publizist – nun ist kein Zweifel mehr." Er sah die Briefe alle eifrig durch, schien aber unzufrieden mit ihren Inhalt zu sein und dass er keine mit neuerem Datum fand – sie waren alle schon vor sieben Jahren geschrieben.
"Ich werde Nichts ausplaudern," sagte er zu Amalien, welche Auguste wieder von der Erde aufgehoben hatte. – "Nur eine Frage: Sind Sie noch mit dem Grafen Szariny in Verbindung?"
Sie wandte sich tief verletzt ab und antwortete nicht.
"Ich muss Sie um aufrichtige Antwort bitten – es ist die letzte Frage, welche ich an Sie zu richten habe – ich bedauere Ihnen lästig gewesen zu sein und wir werden uns dann sogleich entfernen – es wäre vielleicht meine Schuldigkeit gewesen, einige dieser Briefe mitzunehmen, allein aus schonenden Rücksichten gegen Sie habe ich es unterlassen – meine Schonung gegen Sie verdient wahrlich nicht diese Halsstarrigkeit von Ihrer Seite – antworten Sie; Niemand wird es erfahren. Sind Sie mit dem Grafen Szariny noch in Verbindung?"
"Nein – er war mein Verlobter, ehe ich in meinem
jetzigen Gatten eine andere Wahl traf – – aber nun lassen Sie diese Qualen endigen, die Sie jetzt über mich brachten, während mein Kind begraben ward – als sei dies nicht schon entsetzlich genug – –" rief Amalie und verhüllte ihr Gesicht.
"Bedauere herzlich, Ihnen lästig geworden zu sein
und dass wir an solchem Unglückstage kommen mussten," sagte der Polizeicommissair mit schlecht erheuchelter Teilnahme und ging. Der Polizeidiener folgte ihm.
Amalie war schon zu sehr von dem Jammer der
letzten Tage angegriffen, als dass sie sich eigentlich hätte klar darüber bewusst sein sollen, was jetzt vorgegangen war, als dass sie fähig gewesen wäre, nur Etwas davon zu begreifen. Sie war nur froh, dass die fremden Männer sich wieder entfernt hatten, dass sie nun wieder ungestört ihrem Schmerz um ihr verlornes Kleinod, um ihr gestorbenes Kind nachhängen konnte.
Ihr Schwager Bernhard kam wieder zurück. Er ging
schweigend auf sie zu und drückte ihr die Hand – sie seufzte tief und sagte dann: "Ich danke Dir – ist doch eine verwandte Seele dabei gewesen, ich hätt' es nicht vermogt."
"Ich habe die erste Hand voll Erde auf den hinabgesenkten Sarg geworfen für Dich, dann eine für Gustav, dann für mich selbst –" sagte er und verschlang eine Träne.
Nun war es wieder lange stumm in dem kleinen Zimmer zwischen den drei Menschen.
nachher stand Auguste auf, trat zu Bernhard und erzählte ihm Alles, was während seiner Abwesenheit vorgekommen war und ihr so rätselhaft und unheimlich erschien.
Ihm war es so nicht minder – er verstand es gar nicht, fragte zu wiederholten Malen und ward doch nicht klüger. Endlich fuhr er heraus:
"Donnerwetter! Wär' ich da gewesen – ich hätte die Kerle die Treppe hinunter geworfen – trotz Polizei – nicht einmal die Spürnasen vor solchem Elend ehrfurchtsvoll ein Weilchen zurückzuziehen!"
Dieser Vorfall hatte sich an dem Tage vorher ereignet, an welchem Franz Talheim so unbesorgt war über die Ankunft des langen dürren Herrn Stiefel.
III. Wiedersehen
"An dem hellsten Sommertag,
Unter Zweigen lichtdurchbrochen,
Bei der Lerchen Jubelschlag
Hab' ich Dich zuerst gesprochen."
Betty