1846_Otto_146_57.txt

, wenn man so sagen kann, einfach-gutmütiger, aber auch ungleich unbedeutender aus, als sie. Er hatte ein vortreffliches Herz, aber seine geistigen Fähigkeiten, wenn er sie gleich den Brüdern besass, hatten doch nur eine höchst untergeordnete Ausbildung erlangter schien aber damit glücklicher zu sein als Jene, denn, wie gesagt, sein ganzes Ansehen zeigte von einem heitern, lebensfröhlichen Charakter.

"Weiss es der Bruder schon?" fragte er jetzt leise mit betrübtem Tone.

Amalie schüttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder.

"Es wird ihn sehr erschüttern!" seufzte Bernhard. –

"schreibe Du es ihmich kann es nicht!" ächzte sie.

"Ein trauriges Geschäftaber wenn du willstnun da will ich es Dir schon zu Liebe tun, glaube' es wohl, dass es Dir schwer wird zu schreiben."

"Es ist, als habe Dich mir der Himmel zur hülfe, zur Erleichterung hergeschicktdass Du gerade jetzt kommen musstest. –"

"Ja, unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt wordenich bleibe nun hieres ist doch Schade, dass Gustav nicht mehr da ist."

Sie hörte nicht weiter auf ihn, denn sie lauschte auf ein Geräusch von Tritten, die unten im Hausflur klangendann die Treppe heraufkamennun immer näher und näherdie tür ging auf – – sie stellte sich vor den Sarg, legte sich mit dem halben Leib darauf, schlang ihre arme darum und rief ausser sich: "Sie dürfen nicht, sie dürfen nicht!"

Die schwarz gekleideten Träger waren eingetretendie Leichenfrau war ihnen gefolgtsie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierraten. –

Ein junges Mädchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem kind aufhelle Tränen fielen dabei aus den Augen des Mädchens. "Kommen Sie mit herauf, arme Frau," bat es, "hier können Sie doch nicht bleiben."

"Ich kann nicht fort!" sagte sie mit herzzerreissendem Schrei und sank an dem Sarge ohnmächtig zusammen. Das Mädchen kniete neben sie und legte das bleiche Haupt der unglücklichen Mutter auf ihren Schoos, indem sie leise sagte:

"Es ist am Besten, wenn sie bewusstlos istnun eilt, dass Ihr die Leiche hinausbringt, ehe sie wieder zu sich kommt."

Die Träger befolgten den Rat, Bernhard selbst drückte den Sargdeckel darauf; weil die Leute ihn hastig und geräuschvoll aufhoben, nahm er ihn ihnen ab, damit es ohne Lärm geschehe; das Mädchen dankte ihm dafür mit einem innigen blick. Wie aber die Träger den Sarg zur tür hinaustrugen, stiessen sie damit wider die Pfostees klang hohl und dumpfdieser Ton brachte Amalie wieder zu sich, sie verstand ihnschrie auf, wollte nachspringen, aber die tür war in's Schloss geworfen; das Mädchen zog Amalie mit sich auf das Sopha, wohin Amalie, ohne ohnmächtig zu sein, aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen liess und regungslos sitzen blieb.

Die beiden Frauen waren allein.

Eine Stunde mogte vergangen sein, wo sie so stumm und unbeweglich nebeneinander gesessen hatten.

Amalie hatte ihr Logis, das sie früher mit ihrem Gatten bewohnt, mit einem kleineren in der Vorstadt vertauscht. Das Mädchen, welches bei ihr sass, war die Tochter des Hauswirtes, eines Korbmachers und hiess Auguste. Sie hatte ihrer einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindessie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglückliche nicht verlassen. Sie fühlte wohl, dass sie keinen Trost für sie hatte, aber sie wollte sie ihrer Verzweiflung nicht allein überlassen. So sass sie auch jetzt still weinend neben ihr und hatte ihre arme um die im Schmerz wie Erstarrte geschlungen.

Ein starkes Pochen an der tür schreckte sie auf von den marternden Gedanken, welche sie sich so lange überlassen hatten.

"Es wird mein Schwager sein," sagte Amalie tonlos. "Er wird wieder zurückkommenes wird nun Alles vorbei sein! –"

Auguste stand auf und öffnete die tür; befremdet trat sie einen Schritt zurückein fremder, langer, dürrer Mann stand draussenhinter ihm ein Polizeidiener.

"Zu wem wollen die Herrn?" fragte Auguste schüchtern, bestürzt.

"Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Talheim?" fragte der Lange.

"Dort ist sie –" sagte Auguste.

Amalie blieb ruhig sitzen: "Ich habe Alles angezeigt, alle Gebühren entrichtet."

"Sie haben schon Alles angezeigt, Frau Doctorin?" sagte der Lange verwundert, aber vor Freuden schmunzelnd. "Desto besser, dann werden Sie sich die Behörden zu grossem Danke verpflichtet haben." Plötzlich mässigte er sich jedoch in seiner Freude und sagte: "Allein, wenn ist dies gewesenman würde mich sogleich davon unterrichtet haben."

"Vor drei Tagen, in derselben Stunde, wo sie gestorben war, wie es das harte Gesetz will."

Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und schienen sich schweigend zu befragen. Endlich sagte der Lange zu Amalien: "Aber wovon sprechen Sie denn eigentlich?"

"Mein Gott! Sie fragen nochwovonach, wovon!" und sie schrie laut auf und verfiel in Zuckungen.

Auguste eilte zu ihr und sagte zu den Männern: "Aus Barmherzigkeit, schonen Sie die Unglücklichesie spricht von ihrem einzigen kind, das