ihm das selbst nur leise geahnte geheimnis seines Herzens entrissen, lehnte er sich zurück an die Linde, drückte wider ihre rauhe Rinde seine heisse Stirn, wie um sich zu verbergen, und flüsterte: "Vergiss, was Du mich hast sagen hören!"
"Du liebst Friederiken nicht – aber Du kennst sie, Du sprachst sie oft – noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen – es presste mir schier das Herz entzwei."
"Ihre Herrin hat sie lieb, es ist ein gutes Mädchen – und wenn Du sie liebst, wird sie Dich, denke ich, wieder lieben und Ihr werdet glücklich zusammen sein. Und Du hast gedacht, ich stände dieser Liebe und diesem Glück entgegen?"
"Nun ja – ich wusste, wie die Liebe tut – wusste es nur gar zu gut, darum verstand ich Dein verändert Wesen, das den Andern ein Rätsel – und da ich wohl sah, dass Deine Augen leuchteten, wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst, so wusst' ich, dass Du dort die finden müsstest, welche Du liebest – – nun verstehe' ich es anders – das hatte ich nicht denken können! Vielleicht werde ich einst glücklich sein – und Du? – Armer Freund!"
"Nein, nicht arm!" sagte Franz sich aufrichtend. "Sie wird mich nie aus ihrer Nähe verbannen, sie wird mich immer dazu wählen, den Segen auszuspenden, welchen sie für die Notleidenden hat, Sie wird mich zuweilen freundlich ansehen, wenn ich im Vertrauen auf ihre Grossmut in ihrem Namen gehandelt habe – ich werde glücklich bleiben, wie ich es geworden bin, seitdem ihre Erscheinung verklärend hereintrat in mein Leben. Komm, Wilhelm, wir wollen ruhig nach haus gehen und schlafen und von ihnen träumen."
II. Haussuchung
"Auf des Lagers Kissen schlummert
Kalt die lieblichste der Leichen."
F. Freiligrat.
In der Residenz, in der stube Amaliens, der Gattin Gustav Talheims, stand ein kleiner schwarzer Sarg.
Eine schöne blasse Kinderleiche lag darin im weissen Sterbekleidchen, einen Rosenkranz in den blonden Locken – die ganze kleine Gestalt zur Hälfte mit Blumen überdeckt.
Die kleine Anna war gestorben. Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen Kindes.
Der Schmerz einer Mutter ist riesengross und meerestief, wie kaum ein zweiter in der Welt. Fast jede Mutter, die ein todtes Kind beweint, wird zu einer heiligen mater dolorosa, vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller Ferne stehen bleibt. Eine heilige Würde ist in dem Schmerz einer Mutter, welche an das Wehe denkt, unter dem sie d a s Kind geboren, welches nun wie ein teil von ihr selbst losgerissen worden und dem grab verfallen ist, während sie doch unter den Tausend Dolchstichen, unter welchen ihr blutendes Herz zuckt, noch beten kann: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen – sein
In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit verdunkelt. Erst jetzt, als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war, begann sie zu empfinden, welches Glück sie in demselben besessen, und es traf sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen inneren, dass sie das Kind nicht mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt, weil es das Kind eines ungeliebten Vaters war. Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung, denn sie sagte sich selbst, dass ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre, wenn sie ihm eine bessere, zärtlichere Mutter gewesen; ja, sie machte sich selbst den Vorwurf, vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit teil an der schnellen und so unheilvollen Krankheit zu haben. So brachte ihr der Schmerz nicht den heiligen, stärkenden Tau frommer Ergebung und Erhebung, sondern nur verwundende Stacheln, welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr blutendes Innere stiess und herausriss.
Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand, in welchem in wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind, ihr bestes Besitztum forttragen würden, ging die tür auf und ein junger Mann in der grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein. Er war gross und schlank gewachsen, hatte lichtbraunes, lockiges Hauptaar und langen Schnurrbart – ein freundliches offenes Gesicht, das Munterkeit und Gutmütigkeit zeigte. Erschrocken blieb er zwischen der tür stehen, als er sah, dass er in die Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen – dann ging er auf Amalien zu, nahm ihre abgezehrte Hand, schüttelte sie treuherzig und sagte, indem eine helle Träne auf seinen Schnurrbart rollte:
"Das ist ein sehr trauriger Empfang, Frau Schwägerin! – Kennst Du mich denn noch?" fügte er nach einer Weile hinzu, wo sie wortlos dagestanden und ihm mechanisch ihre Hand überlassen hatte.
"Ja, Bernhard," sagte sie. "Es ist gut, dass Du mich nicht vergessen hast und mit zu mir kommst, es ist gut – Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte Geleit mit geben?"
"Ja, ich will's – sieht wie ein Engel aus, das arme Kind, sieht wahrlich dem Vater ähnlich." Der Eingetretene, der dies sprach, war Bernhard Talheim, der jüngste der drei Brüder. Er war unter die Soldaten gegangen, weil er kaum wusste, was er sonst hätte ergreifen sollen. Er sah den Brüdern ähnlich, aber seine Gesichtszüge hatten nicht den schwärmerischen, ernsten Ausdruck jener Beiden, er sah freundlicher