zittert nicht! Ich bin allein,
Allein mit meinem Grimme;
Wie könnt' ich Euch gefährlich sein
Mit meiner schwachen stimme?"
Georg Herwegh.
Dem schönen Maisonntag war eine gleich schöne, gleich milde Mainacht gefolgt.
Es war zehn Uhr vorüber und die Arbeiter aus Herrn Felchners Fabrik, welche unter sich den Verein der unverheirateten Arbeiter und Junggestellen gestiftet hatten, traten eben aus der Schenke, denn dies war die Stunde, welche nach dem einen Paragraphen der Statuten ihres Vereins zum Nachhausegehen bestimmt war.
Mit dem gewohnten Wunsche einer guten Nacht trennten sich die jungen Männer und Jeder schlug den Weg nach seiner wohnung ein. Wilhelm Bürger und Franz Talheim gingen Arm in Arm und blieben auch bei einander, als sich die Andern trennten. Ein Dritter gesellte sich jetzt zu ihnen, es war August, derselbe Jüngling, welcher mit den alten Arbeitern falsch gespielt hatte und dafür von diesen so unmenschlich geschlagen worden war. ziemlich lüderlicher Bursche gewesen. Als Franz den Verein der unverheirateten Fabrikarbeiter bildete, war August nebst einigen Wenigen der jungen Leute nicht mit dazu getreten, weil sie es für eine lächerliche Zumutung erklärten, dem Genuss des Branntweins und dem Kartenspiel zu entsagen. Am Tage nach jenem Vorfall aber war August zu Franz gekommen und hatte ihm für seinen Beistand gedankt, für diesen Beistand, welcher eigentlich in Nichts bestanden hatte, als im Hinauswerfen. Franz hatte ihn sehr kalt und ernst empfangen; sie hatten folgendes Zwiegespräch gehabt:
"Du hast falsch gespielt, also betrogen," sagte Franz; "das ist in allen Fällen ein schweres Vergehen und eine grosse Schlechtigkeit; allein durch den besonderen Fall wird dieses Tun noch verächtlicher, als es schon ist. Du hast Diejenigen betrogen, welche die Verhältnisse zu Deinen Kameraden gemacht haben und in welchen Du Deine Brüder lieben solltest; Diejenigen, welche eben so arm sind wie Du und sich ihr Geld eben so sauer verdienen müssen – Du weisst es, wie viel Mühe und Schweiss an dem Gelde hängt, welches ein Fabrikarbeiter in seiner tasche trägt, und Du hast es ihnen doch betrügerisch abgenommen; Du hast Denjenigen ihr armseliges Eigentum schmälern wollen, welche davon ihre notleidenden Frauen und ihre elenden Kinder ernähren müssen – Du hast Dich also auch an diesen hilflosen und hilfsbedürftigen Geschöpfen versündigt. Wahrlich, wenn ich Dich der verdienten Züchtigung der Kameraden entzog, an welchen Du so himmelschreiendes Unrecht begangen, so war es nur, weil ich fürchtete, die Trunkenen mögten Dich in ihrer blinden, tollen Wut noch todtschlagen und dadurch sich selbst mit zu Verbrechern und Strafwürdigen machen – das wollte ich ihnen ersparen und so half ich Dir zur Flucht."
"Du sprichst härter, als Du denkst," sagte August; "ich weiss wohl, dass die leichtsinnigen Streiche, wie ich sie mir wohl zuweilen und auch gestern habe zu Schulden kommen lassen, ein Gräuel sind, aber ich weiss eben so gut, dass Du jene Rohheiten verachtest, welche sich die Andern gegen mich erlaubten, und dass Du mich ihnen eben so gut aus angebornem Edelmut entzogst, als aus kluger Voraussicht der Dinge, welche daraus entstehen konnten. Ja, Franz, ich gebe wohl denen Recht, welche Dich einen gescheiten Kerl nennen, aber ich habe ihnen mehr als ein Mal geantwortet: sein Herz ist noch grösser, als sein Kopf."
"Ich sehe nicht ein, warum Du mir schmeicheln willst –"
"Ich rede nur unbefangen Alles heraus, was ich denke, ich habe Dich immer lieb gehabt –"
"Und wenn das wäre – warum hast Du die Verbindung verhöhnt, welche ich mühsam mit unsern Genossen zu stand gebracht habe, warum bist Du nicht mit dazu getreten, sondern hast es uns sogar erschwert, wie Du nur konntest? – Versuche nicht, Dich herauszureden, denn ich weiss Alles!"
"Alles weisst Du nicht, und um Dir dies zu erzählen, bin ich eben hergekommen, mein geständnis soll mein Dank sein. Du wirst bald sehen, dass ich, wenn ich zu Eurer Verbindung getreten wäre, eine viel grössere Schlechtigkeit begangen hätte, als dadurch, dass ich mich weiter nicht mit Euch einliess."
"Das ist eine sonderbare Rede – und wenn Du vielleicht auch im Lügen geschickt sein solltest, wie Du es gestern im Betrügen warst, so bitte ich Dich doch, mich damit nicht unnütz aufzuhalten."
"Du wirst es bald bereuen, wenn Du mich zum Zorne reizen willst, aber ich werde Dich beschämen, indem ich Dir ruhig die Wahrheit erzähle. Ich war mit Anton eines Sonntags in die Stadt gegangen, es war vor ein paar Monaten, als Du uns immer zu dem Arbeiterverein Vorschläge machtest, die Sache aber noch nicht zu stand gekommen war. Wir sassen in einer Bierstube, in welcher sich noch viele Arbeiter aus andern Fabriken befanden, auch manche Bürger und andere Leute, welche sich wohl noch etwas mehr dünkten. Ein langer, dürrer Mann, der mir zu diesen letzteren zu gehören schien, kam auf uns zu, nachdem ich gesehen hatte, wie ein anderer Arbeiter, der nicht mit bei Felchner ist, aber Anton kannte, auf diesen den dürren Mann aufmerksam gemacht hatte. Er fragte uns, ob wir in Felchner's Fabrik arbeiteten, und als wir bejahten, fragte er uns nach Tausend Dingen aus, wie Viel wir ihrer wären, ob wir untereinander zusammenhielten, ob wir im Ganzen zufrieden oder unzufrieden wären. Wir sagten ihm unbefangen die Wahrheit, dass wir Alle