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, vor welcher Pauline gleich auf den ersten Anblick einen innerlichen Schauer empfand. Pauline war nun zwar schon an das Rohe und Abschreckende bei Manchen dieser Proletarier gewöhnt, aber sie erschrak doch wieder, als die lange Lise sich rasch nach ihr umdrehte, und mit zorniger stimme heftig fragte:

"Was gibt's?"

"Ich bringe Euch Leinwand, um das Kind zu verbinden, das –"

Liese liess Pauline, welche mit schüchterner stimme, fast zitternd gesprochen hatte, nicht ausreden, sondern sagte halb lachend:

"Nun, wenn Eure schöne, weisse Leinewand nur wieder ganz machen könnte, was Eurr verfluchten Maschinen zerreissenja, ja Eure verfluchten Maschinen, die der Teufel erfunden hataber Ihr könnt Euch darauf verlassen, wir haben gerade Lust, ein Mal Gottesgericht zu halten mit unsern schwachen Händen über diese Teufelswerkewenn sie auch die hände unsrer armen kleinen Kinder zerdrücken, unsre Fäuste sind stark genug, mit den Maschinen einmal ein Ende zu machen."

"Ich bringe etwas Essen für Eure Kinderund wenn Ihr selbst Hunger habt –" sagte Pauline, und hatte, indem sie suchte sich zu stellen, als habe sie die drohende Rede nicht gehört, während dessen den Korb geöffnet, den Franz herein getragen hatte. Dieser hatte sich entfernt, und sie nahm Brod aus dem Korb, welcher noch andere Lebensmittel entielt, und gab den beiden kleinsten Mädchen ein paar Semmeln, welche gierig darüber herfielen.

"Da tut Ihr ein Gotteslohn," sagte Frau Marta.

Die lange Lise aber sagte in demselben Tone, wie vorher: "Ja, die Würmer sind alle dem Verhungern nahedort der Junge, der hat sich schon lange zu Schanden gearbeitetdas kann kein Kind aushalten, tagelang auf dem Bauche kriechend zu arbeitenkonnte's auch nicht länger, nun liegt er da, und wenn er nicht schläft, wimmert er und will essen, und wo soll's herkommen? Mir haben sie neulich auch vom Lohne abgezogen, nun bringen sie mir heute auch die kleine Lise als Krüppel von der Arbeitwer soll nun verdienen? Nun muss man's so mit ansehn, wie Eins nach dem Andern verkommt, die man erst unter Angst und Weh auf die Welt gebracht hat. Was? Verkommt? tot gemacht werden die Kinder von Euch in Eurer verfluchten Fabrik!"

Pauline wusste vor Erschütterung Nichts zu sagen, sie sah sich ängstlich nach Franz um, aber er war nicht da, und so sagte sie zu Marta: "Haben denn die Kinder keinen Vater, der für sie arbeitet?"

Marta zischelte ihr leise in's Ohr: "Das ist's ja ebenfragt darnach lieber nicht, da wird sie vollends wütend."

Aber die Warnung kam zu spät, die lange Lise hatte die Frage gehört, und fuhr jetzt heraus:

"Vater, der für sie arbeitet? Ei ja doch, auf dem Zuchtause! Haben wohl einen Vater die armen Würmer, 's sind keine unehelichen Kinder, deren ich mich schämen müssteaber seht einmal, da war der Winter so hart, und die Kinder halb erfroren und verhungertund wie der Lohntag kam, da hiess es, mein Mann habe Fehler in seiner Arbeit, und statt des Lohnes bekam er gar Nichts, nur harte Worteda ist er in seiner Wut hingegangen, und hat gedacht, eh' die Kinder verhungern, mag es werden, wie's willund was sie mir heute an Lohn verweigert haben, das hol' ich mir, es ist mein ehrlich Verdienst, und ich bin kein Spitzbube, sondern die sind's, die mir meinen Lohn nicht gebenaber es war zum ersten Mal in seinem Leben, drum hat er's nicht geschickt angefangen, und sie haben ihn erwischt, nun sitzt erdenn hören Sie, wir haben ein gutes altes Sprüchwort unter uns, das heisst: die kleinen Diebe hängt man, die grossen lässt man laufen. Seht, so habt Ihr uns Alles genommen: erst den Lohn, dann den Mann und Vater, dann den Jungen hier, der's nicht lange mehr machen wird, und heute ist nun auch das Mädel zum Krüppel geworden, und soll dran sterben, denn Ihr wollt mir nicht einmal den Chirurgen schicken, und werft mich selber zur tür hinaus."

Pauline fasste sich, und fiel ihr in's Wort: "Der Chirurg wird bald kommen, wir haben schon nach ihm geschickt, an all' Eurer Not bin doch ich nicht Schuld, und bin hergekommen, weil Ihr mich dauertund wenn Ihr noch Etwas wollt, so sagt es mir, oder wenn Ihr später Etwas braucht, sagt es Franz –"

Lise aber hörte nicht mehr, sondern kauerte bei ihren wimmernden Kindern nieder, und sagte, indem sie die weisse Leinwand um den verstümmelten Arm des Mädchens wand, mit zürnender Verzweiflung: "Das macht doch Niemand wieder ganz!"

Marta sagte zu Pauline: "Ihr seid ein gutes Mamsellchen, aber geht lieber."

Pauline folgte der Weisung. Franz hatte unten auf sie gewartet.

"Ach, Franz," sagte sie, "solches Elend, und ein gütiger Gott!" "Wenn auch die Engel so fragen, die er sendet, was sollen dann die armen Menschenkinder?" versetzte Franz.

Zweiter Band

I. Zwei Freunde

"Doch