bequeme Art, sich zu bereichern, eine allerliebste Industrie! – Wie, oder wärst Du etwa selbst gern gnädige Frau geworden, Pauline – auch wenn – –"
Der Alte hatte sich selbst immer mehr in Heftigkeit geredet, so dass Pauline, um ihn zu begütigen, die kleine Hand auf seinen Arm legte, und sanft sagte: "Aergere Dich nicht unnütz, ich habe gar keine Lust, an's Heiraten zu denken, und die adligen Herren sind mir eben so uninteressant gewesen, als die bürgerlichen."
"Das ist gut, Kind," sagte der Fabrikant, "denn ich sage Dir, wenn ein reicher Graf kommt und um Dich wirbt, ich werde es mir noch überlegen, aber das sage ich Dir, ehe ich zugebe, dass so ein herabgekommener Krautjunker, der Nichts hat, und Nichts gelernt hat, und Nichts verdienen will, eh' ein solcher Tagedieb Dein Mann wird – eher gebe ich Dich lieber dem Geringsten meiner Leute, der seine Sache versteht, und redlich arbeiten gelernt hat."
Pauline wusste nicht, wie es kam, aber die letzten Worte ihres Vaters taten ihrem Herzen wohl.
Ein Factor trat ein, um eine Geschäftsangelegenheit mit Herrn Felchner zu besprechen, und das Zwiegespräch hatte ein Ende.
Der Abend war noch schön, die Dämmerung brach nur langsam herein, und Pauline ging noch in's Freie. Sie war noch nicht lange im Garten, und hatte sich nur eben in die stille, knospende Hollunderlaube gesetzt, als Franz Talheim leise in den Garten trat, und sich schüchtern näherte, und ehrerbietig grüsste.
"Guten Abend," sagte sie freundlich, "was bringen Sie mir?"
"Ja, fräulein, ich komme schon wieder," antwortete er traurig, "und immer nur mit Bitten –"
"Lassen Sie die Bedenklichkeiten," fiel sie ihm mild in's Wort, "ich habe es Ihnen ein für alle Mal gesagt: es ist nicht in meiner Mache, der allgemeinen Not abzuhelfen, und dabei mein einziger Trost, wenn ich im Kleinen sie lindern kann."
"Und Sie werden Niemals müde werden, unser guter Engel zu sein, auch wenn Sie für uns leiden müssen:" sagte er flüsternd, fragend.
"Ich verstehe Sie nicht recht," antwortete sie, "aber sagen Sie mir, welche Bitte Sie herführt."
"Ein Kind, ein Mädchen von sieben Jahren, hat die Hand nicht zeitig genug unter der sägenden Dampfmaschine weggezogen, und dadurch ist ihm der Arm halb zersägt und abgerissen worden."
Pauline verhüllte ihr Gesicht und ward bleich. "O, mein Gott, ein Kind!" seufzte sie leise.
"Die Mutter hat die kleine, halb tote Lise mit zu haus genommen. Einer von uns, der es mit angesehen, bat den Factor, er möge nach dem Chirurgen schicken, von welchem Herr Felchner seine Leute curiren lässt, denn die armen Eltern haben Nichts, wovon sie dem Chirurgen seinen Weg bezahlen könnten, und ohne Geld – Sie wissen ja – –"
"Mein Vater wird gewiss –" begann Pauline.
Aber Talheim fiel ihr in's Wort: "Ach nein, leider kennen wir Herrn Felchner besser – wir haben zur Antwort erhalten, dass es eine lächerliche Zumutung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus blosser Ungeschicklichkeit einen Schaden nähme, sorgen solle – dann würden wohl gar die Arbeiter ihre Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen könnten – ach, fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten."
Pauline warf einen flehenden blick zum Himmel, aber sie wusste Nichts zu antworten. Franz fuhr fort:
"In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind wenigstens reinlich verbinden könnte – der Factor stand selbst an der tür, er warf sie zum haus hinaus, und sagte, dass die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte – da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht Leinwand verschaffen – da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein paar Stücke alte Leinwand."
"Ich komme gleich wieder," sagte Pauline, und lief schnell in das Haus.
Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz Talheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide einander ihr Versprechen gehalten – er, dass er ihr mitteilte, wo in den Familien der Fabrikarbeiter einer augenblicklichen grössten Not abzuhelfen möglich war – sie, indem sie dann Nichts unversäumt liess, die beste Hilfe zu bringen.
So war er mehrmals zu ihr gekommen, so hatten sie gemeinschaftlich gehandelt. Immer aber war er in ehrerbietiger Ferne von ihr geblieben, immer war sie ihm mit gleich unbefangener Freundlichkeit begegnet.
Er hatte es immer so einzurichten gewusst, dass er in d e n Stunden zu Paulinen kam, wo er Herrn Felchner entweder fern, oder doch beschäftigt wusste, denn wie er ihn kennen gelernt, fürchtete er, dass er gewiss auch der Wohltätigkeit seiner Tochter Schranken setzen würde, sobald er von derselben eine hinreichende Kenntniss erhielte – und aus gleichem grund, wiewohl ihn Pauline aus kindlicher Schonung für ihren Vater nicht auszusprechen wagte, hatte sie Talheim gebeten, nicht immer zu sagen, woher