mit Ekel ab – oder –"
"Jaromir!" fiel sie ihm ausser sich in's Wort.
Er fuhr ruhig fort, wo er abgebrochen: "Oder man sagt einander: Wir sind zum Spielen zu alt, wir wollen das aufgeben, und nicht mehr kindisch sein – unsere Puppen taugen nicht mehr, sie sind schlecht geworden, wir wollen das elende Zeug bei Seite werfen, es soll uns nicht mehr quälen!" Er setzte sich wieder neben sie, und nahm ihre Hand:
"Bella, unsere Liebe war ein Spiel, unsere Freundschaft wird uns dauernd beglücken."
Sie sah stumm vor sich nieder.
"Bella," wiederholte er wieder, "erinnern Sie sich noch des Abends in Berlin, als Sie die Armida gegeben hatten? Sie waren wirklich diese allgewaltige Zauberin gewesen, welcher Niemand widerstanden hatte, Rinaldo nicht auch Jaromir nicht. Ich begleitete Sie in Ihre wohnung. Sie waren erschöpft von der Anstrengung der Rolle – ich trug Sie halb ohnmächtig in Ihr Zimmer; ich legte Sie auf Ihr Sopha, und knieete zu Ihren Füssen – ich war nicht um Sie beschäftigt, Sie wieder zum Bewusstsein zu bringen, ich hielt nur Ihre kleine Hand zwischen der meinen, und schaute Sie unverwandt an – Sie kamen wieder zu sich, und wir lagen einander in den Armen, aber wir sprachen nicht. Wir waren allein, Ihre Verwandte lag krank in einem entfernten Zimmer, bei ihr waren Ihre Dienerinnen – – ich vergass Alles, ich vermeinte in den Zaubergärten Armidens zu sein – von einer andern Wirklichkeit wusste ich Nichts, als von der, dass mich Armida in ihren Armen hielt."
"Warum diese Erinnerung?" fragte sie errötend. "Warum das jetzt?"
"Eben weil es eine Erinnerung ist, die niemals wieder Gegenwart werden kann," versetzte er, und fuhr fort: "Wir waren allein, unsere Küsse wurden Flammen – da riefen Sie plötzlich: Schonung! Ich bin ein schwaches Weib – da besann ich mich, ich erwachte aus meinem Sinnentaumel – ich hatte mich einer Zauberin ergeben – an ein schwaches Weib hatte ich nicht gedacht – ich sagte: ja ich muss fort – und schied plötzlich. – Sie sind stumm?" fügte er nach einer Pause hinzu.
"Es ist nicht zart, dass Sie mich bei einer solchen Erinnerung zum Antworten zwingen wollen," sagte sie, und sah vor sich nieder.
"Wir müssen einmal wahr gegen einander sein, sonst kann es zu keiner Freundschaft kommen, wie ich sie ersehne; wir müssen uns einander keine Erklärung schuldig bleiben. Wir haben ja keine Tat begangen, vor der wir erröten müssten – und was Sie Hundert Mal auf der Bühne ohne Erröten geschildert haben, und schildern gehört, das können wir ja einander auch ein Mal ohne Vorstellung und ohne Redepomp im wirklichen Leben sagen," antwortete er ernst mit unveränderter, sanfter, freundlicher stimme.
"Nun," erwiderte sie, "seit jenem Abend sagte ich mir: Jaromir ist kein Lüstling, wie die andern Männer, er ist edler – ich muss ihn höher achten, als die andern – aber vielleicht hat er auch keine Leidenschaften, vielleicht auch kein Herz."
"Es kann sein, dass man mir das Herz ertödtet hat," sagte er dumpf, "erkältet wenigstens hat man es gewiss. – Nach jenem Abend sahen wir uns einige Tage nicht – ich war mit mir zufrieden. Ich prüfte mein Herz – ich fragte mich, ob uns Beide die Ehe beglücken könnte. – Sie lächeln?"
"Ich werde mich nie vermählen," sagte Bella. "Sie wissen es, eine verheiratete Schauspielerin ist eine Art Amphibie – sie muss dem verwässerten Element der Ehe angehören, und doch zugleich auf dem Land der Bühne leben – sie wird weder vom Gatten, noch vom Publikum vernachlässigt sein wollen – und vielleicht wird sie es gerade von Beiden sein. Nein, nein! Niemand kann zweien Herren dienen, ich wäre eine sehr schlechte Gattin, und hätte dabei vielleicht auch die Aussicht, eine schlechte Sängerin zu werden," fügte sie mit munterm Ton hinzu.
"Jetzt endlich sind Sie wieder Sie selbst," rief Jaromir, "und legen die Sentimentalität ab, mit welcher Sie mich vorher empfingen, und die mir an Ihnen so fremd ist. – Was Sie da von sich selbst gestehen, dachte' ich auch, und noch mehr: wenn ich mir sagte, dass sie keine hingebende Gattin, und als solche auch nicht glücklich sein würden, so sagte ich mir auch noch, dass ich als Gatte vielleicht der unerträglichste, bestimmt aber der unglückseligste aller Menschen sein würde."
"Das ist ein sehr naives geständnis!" sagte Bella.
"Gewiss," fuhr Jaromir lebhaft fort, "ich sagte mir, dass ich nicht einmal einige armselige Tage in der Ehe würde glücklich verträumen können, wie es doch die Andern im stand sind, eben weil ich mir mitten in jedem leidenschaftlichen Rausch sagen konnte: morgen wirst Du nüchtern und ermüdet sein. Ich fühlte, dass Ihr Besitz mit einem elenden, gefesselten Leben zu teuer erkauft sei – und weil ich dies fühlte, erkannte ich, Sie nicht wahrhaft zu lieben, denn der Liebe ist kein Preis zu teuer! Und dazu, Bella, liebte ich Sie eben zu sehr – oder, wenn das deutlicher ist: Sie waren mir zu wert, ich stellte Sie zu hoch,