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. – Sie haben das freilich nicht nötig, aber leider Gottes gibt es Leute mit sehr viel Ahnen, und doch keiner Aussicht auf ein andres Erbe, als einen Namen, und das gilt jetzt kaum so Viel –" er schnippte mit den Fingern, welche der gelbe Glacéhandschuh bedeckte, in die Luft, und fuhr dann geschwätzig plaudernd fort: "Kommen Sie, wir wollen diese Mädchen begrüssen, wir wollen uns einen Spass mit ihnen machen, man kann dies mit diesen bürgerlichen Püppchen, ohne sie zu erzürnen, sie werden entzückt sein, in der Einsamkeit ihrer Dampfmaschinen und prosaischen Wasserwerke ein Abenteuer mit ein paar Löwen der feinsten Salons zu erleben. Kommen Sie –" und er wollte Jaromir am arme mit fortziehen.

Gewaltsam widerstand dieser und hielt ihn zurück. "Sind Sie bei Sinnenich glaube, Sie wären im stand, sich auch gegen dieses Mädchen einen unziemlichen Scherz zu erlauben," rief er ausser sich.

"Unziemlich oder nicht," sagte Waldow, "darüber liesse sich ein langer Monolog haltenaber ich begreife wahrhaftig nicht, warum heute unpassend sein soll, was unter gleichen Verhältnissen Ihnen selbst sehr amüsant wares kann auch nichts Spasshafteres geben, als das halb verlegene, halb erzürnte Erröten eines niedlichen bürgerlichen Dingelchens."

Die Mädchen waren unterdessen, ohne das Geringste von dem zu ahnen, was man unweit von ihnen über sie verhandelte, und ohne die Sprecher nur zu sehen, einen Pfad herabgegangen, welcher sie von diesen noch weiter entfernte.

Um Alles in der Welt nicht hätte Jaromir das heilig stille geheimnis seines Herzens von seiner Begegnung Elisabets an diesen seichten Salonmenschen verraten, und noch weniger wäre er im stand gewesen, sich ihr mit ihm zugleich zu nähernals Ausfluchtsmittel sah er daher nach der Uhr, und sagte:

"Aber Sie vergessen, dass uns Ihr Onkel um 10 Uhr zum Frühstück erwartet, und dass diess schon vorüber istlassen Sie uns eilen, zurück zu kommen, nicht in allen Fällen ist es guter Ton, auf sich warten zu lassen."

"Besonders wenn man selbst Appetit hat," sagte Waldow, und indem er über der Aussicht auf ein gutes Frühstück die schönen Mädchen vergass, ging er rasch mit Jaromir dem Herrnhause zu, wo sie jetzt Beide als Gäste wohnten.

Wirklich waren sie von dem Paar bereits zum Frühstück erwartet worden, bei dem sie noch einen fremden Gast fanden. Man stellte ihn als Hofrat Wispermann vor. Es war ein langer, hagerer Herr, den man, wenn man diese dünnen Beine und arme, diesen langen Hals, auf welchem ein grosses Haupt mit spärlichen braunen Haaren und einem leichenblassen, abgezehrten Gesicht sich befand, recht wohl für einen riesigen Schatten halten konnte.

Und dieser Schatten war ein Sohn des Aesculap, welchem einer der kleinsten deutschen Fürsten den Titel als Hofrat gegeben. Er hatte mit seinen Curen nirgend grosses Glück machen können. Manche Patienten waren ihm unter den Händen gestorben, gerade in den Augenblicken, als er sich geschmeichelt hatte, dass er durch die starke Dosis einer modernen Arzenei, welche freilich aus giftigen Substanzen bestand, sie auf der Stelle und urplötzlich curiren werde. Wie sich nun die Sachen oft so ganz anders verhielten, als er vorausgesagt hatte, und endlich von allen seiner ehemaligen Freunde und Bekannten nur der Todtengräber und die Leichenfrau ihm treu blieben, erklärte er plötzlich aller modernen Medicin den Krieg, und ward ein Verkündiger des neuen Evangeliums vom wasser.

Er hatte ein ziemlich ansehnliches Kapital zusammengespart, und es jetzt zur Anlegung einer Wasserheilanstalt, und zwar in der Nähe des Schlosses Hohental, benutzt, wo eine kleine Villa zu verkaufen gewesen war, welche er Hohenheim nannte. Eine kleine Anzahl elender Häuser umgaben sie, die meist von Fabrikarbeitern Herrn Felchners bewohnt waren.

Der Wasserdoctor machte nun Herrn von Waldow seine Aufwartung, um ihm die in allen öffentlichen Blättern pomphaft angekündigte Eröffnung seiner Wasserheilanstalt noch besonders mündlich anzuzeigen.

"Nun, das wird Leben und Gesellschaft in unsere Umgegend bringen," sagte der Rittmeister vergnügt. "Gesunde werden die Kranken begleiten, und vielleicht entwickelt sich noch ein ganz comfortables Leben in unsrer Nähe."

"Das wäre sehr schön!" stimmte seine Gemahlin ein. "Man brauchte dann nicht selbst in ein Bad zu reisen, wenn das Bad umgekehrt selbst zu uns kommt. Wie viel haben Sie schon Kurgäste, Herr Hofrat?

Diese naive Frage machte den langen Doctor ein Wenig verlegen, er sah vor sich nieder, scharrte mit dem Fuss, und sagte dann lispelnd: Bis jetzt ist nur ein kranker Herr da –" gleichsam aber als wolle er den für ihn niederschlagenden und beschämenden Eindruck dieser Antwort gänzlich vernichten, setzte er mit Nachdruck und Stolz hinzu: "aber es ist ein Engländer."

Der jüngere Waldow konnte sich des Lachens kaum erwehren, und brach jetzt heraus: "Wahrhaftig, nur ein Engländer ist es im stand, in einem verlassenen deutschen Erdwinkel der einzige Kurgast einer Wasserheilanstalt zu sein."

"Man muss bedenken, wie früh es noch im Jahre ist," sagte der Doctor sehr ernst.

"Und dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht," fiel Waldow ein. "Aber wahrhaftig," fuhr er begütigend fort, "ich versichere Ihnen, mein Herr Hofrat, Ihre Anstalt muss berühmt, von vielen Fremden besucht werdenes soll in der feinen Welt bald zum guten Ton gehören, ein paar Wochen in Hohenheim zu leben. – Alles kommt ganz