sich gegen sie zeigte und zeigen durfte. So war sie siebzehn Jahr alt geworden, als eine Verwandte ihrer Mutter, Baronin von Treffurt, mit ihrer Tochter Aurelie auf einige Zeit nach Hohental zu Besuch kam. Aurelie war zwei Jahr jünger als Elisabet, weniger schön, weniger talentvoll und lernbegierig als diese – aber lebendiger, kindlicher, heitrer. Frau von Treffurt bewohnte ebenfalls ein einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen, die Erziehung ihrer ältesten Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen. Aureliens Abgang dahin war bereits bestimmt, und da sie und Elisabet einander liebgewonnen hatten, so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen, das elterliche Schloss auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen. Gräfin Hohental vernahm dies mit Freuden, denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfühlender Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen, wie sie bis jetzt war.
So kam es, dass Elisabet und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren.
Als Elisabet bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefährtinnen hatte nennen lassen, ward bei jedem derselben ein "Comtesse" – "Baronesse" u.s.w. vorgesetzt, nur eines dieser Mädchen nannte man ihr kurzweg als Pauline Felchner.
Als Elisabet die Genannte befremdet mit kaltem Blicke mass, sagte ein schnippisches fräulein bitter: "Sie werden einander wohl nicht kennen, obwohl Sie eigentlich Nachbarinnen sind, denn Fabrikant Felchner's Dampfmaschinen hört man ja wohl bis in das Schloss des Grafen Hohental lärmen."
"Nein, wir kennen uns nicht," versetzte Elisabet kalt.
"Es wäre auch anders nicht möglich," nahm Pauline errötend und mit bebender stimme das Wort, "denn seit meiner frühesten Kindheit, wo ich mutterlos ward, bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen. Desto mehr," fügte sie hinzu, indem ihre sanften blauen Augen unwillkührlich nass wurden, "sehne ich mich nun dahin zurück."
Ward Pauline als das einzige bürgerliche Mädchen unter so vielen hochgeborenen zurückgesetzt und von diesen selbst geringschätzig behandelt, oder doch wenigstens allen Andern nachgesetzt, so hegte Elisabet noch ein anderes Vorurteil gegen sie; ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn sein, dessen Nachbarschaft mit dem Hohental'schen Schloss für dessen Besitzer schon so unbequem, als widerwärtig war. Zwar verschmähte es Elisabet, die sanfte, bescheidne Pauline gleich den andern Mädchen absichtlich zu kränken und sich fühlbar über sie zu erheben, allein sie hielt sich immer fern von ihr, eine Annäherung schien zwischen Beiden unmöglich und sie waren gegenseitig nicht da für einander. Dies konnte Paulinen von Elisabet aber weniger verletzen, als von jeder Anderen, denn für Elisabet schienen überhaupt nur die Wenigsten da zu sein, nur an Aurelie schloss sie sich mit Wärme an, aber doch immer nur so, dass diese die geistige Ueberlegenheit Jener fühlte, sich ihr freiwillig unterordnete und ihr auch sonst in Allem zu Willen war.
II. Ein geständnis
"Herz ward vom Herzen blutend losgerissen,
Und jetzt auf meinem Sterbelager muss
Ich Deines Anblicks süssen Trost vermissen."
Betty Paoli.
In derselben Nacht, in welcher Elisabet und Aurelie den Namen Talheim flüsterten, wachte der, von dem sie sprachen, einsam und sorgenvoll am Krankenlager der Gattin.
Eine düster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach. Die Fenster waren dicht verhangen. In der Nische des einen hing ein hölzerner Vogelbauer, dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Köpfchen aus der dichten Federhülle hervorsteckte, als wolle er sehen, ob es noch nicht bald tage. Hie und da sang er auch leise unruhige Töne im Schlafe. Eine grosse Stutzuhr, deren prachtvolles Gehäus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen, ja armseligen Meublirung der stube abstach, folgte mit hellem, forttönendem Klange den fliehenden Minuten. Ausser ihr und den einzelnen Lauten des Vögelchens vernahm man Nichts, als die langen, unruhigen Atemzüge der Kranken.
In der dunkelsten Ecke des Gemaches sass der Gatte stützte sich auf eine Seitenlehne des Sessels, so dass die emporgehaltene Hand das müde herabgesenkte Haupt trug.
Talheim mogte einige dreissig Jahre zählen. Die Züge seines Antlitzes waren von männlicher Schönheit und antiker Regelmässigkeit; aber aus den leichten Furchen seiner hohen, breiten Stirn, Furchen, welche nur der Schmerz gezogen haben konnte, war bald zu lesen, dass manch hartes Geschick den Mann getroffen haben mogte, und die Blässe seines Antlitzes, das dunkle Feuer, das in seinen tiefblauen Augen brannte, das schmerzliche Zucken um den Mund, das die Oberlippe emporzog und ihn halb öffnete, so dass man eine Reihe grosser mormorweisser Zähne gewahrte, deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere. Bei All' dem aber konnte Talheim's Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung weniger Mitleid, als Ehrfurcht erwecken. Etwas Unaussprechliches, Unnennbares prägte sich in seiner Gestalt, auf seinem gesicht aus, etwas Heiliges, Unüberwindliches.
Er stand jetzt auf, denn die Kranke, welche er im Schlummer glaubte, hatte sich jetzt plötzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig:
"Johannes!"
Im Augenblick stand er geräuschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand auf die fieberheisse seines Weibes, indem er flüsterte:
"Willst Du etwas, gute Amalie?"
"Sterben!" ächzte sie, indem sie beide hände vor ihre Stirn schlug und das Haupt auf ihre Kniee legte. So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig unter ihren Schmerzen. Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder zurecht, schlang den Arm sanft um ihre Schultern und