bezahlen!" rief er rasch und wie ausser sich – Pauline sah, dass bei diesen Worten seine Augen seltsam glänzten, und eine grosse Träne in sie trat, während ein schmerzliches Zucken seinen Mund bewegte, und doch über sein ganzes Gesicht eine Art von Freudenglanz flog – er eilte hastig von dannen.
Friedericke kam Paulinen an der Treppe entgegen. "Da sind sie ja endlich, mein fräulein! Mein Gott, welche Angst habe ich um Ihretwillen gehabt! Es ist schon acht Uhr vorüber, Sie sind ganz allein gegangen, und wir wussten nicht, wo Sie waren, um Ihnen Jemand entgegen zu schicken."
Während Pauline ablegte, sich in den Lehnstuhl warf und die kleinen erstarrten hände wärmte, erzählte sie: "Ich hatte meine Freundin bis an das kleine Haus begleitet, welches in der Nähe des Parkes steht, und in dem unser Oberfaktor mit seiner Frau wohnt. Da fing es sehr heftig an zu schneien, es schien uns vorübergehend, und da wir die Oberfaktorin allein zu haus sahen, gingen wir Beide hinein, um dort die Schneewolke vorüber zu lassen. So kam es denn, dass wir dort länger blieben, als wir erst gedacht hatten, denn Elisabet schickte einen Knaben nach ihrem Schlitten in's Schloss, und es dauerte ziemlich lange, ehe dieser kam. Dann hatte es aufgehört zu schneien, ich fürchtete mich nicht, da es so sternenhell war, und nahm nur den Knaben auf Zureden als Bedeckung mit, denn weiter war Niemand zu haus. Als ich bei der Schenke vorüber kam –"
"Ach, liebes fräulein, Sie zittern ja am ganzen Körper – es wird Ihnen doch Nichts begegnet sein?" sagte das besorgte Mädchen.
"In der Schenke war ein entsetzlicher Lärm – auf einmal umringte mich ein Trupp Männer und führten gemeine Reden – ich lief stumm fort so schnell ich konnte – da kam mir ein Trunkener von ihnen nach – fasste mich an – und was er sagte, mag ich nicht wiederholen – ich weinte und schrie nach Hilfe – da kam Franz – – er führte mich sicher hierher."
Pauline hatte dies unter immer heftigerem Zittern erzählt, und sank jetzt ohnmächtig in die Kissen des Lehnstuhls zurück. Friedericke war auf's Teilnehmendste um sie beschäftigt, und weinte selbst mit über die doch bereits überstandene Angst ihrer Herrin. Als diese wieder zu sich kam, fragte sie:
"Ist mein Vater schon zurück?"
"Nein."
"Wenn er kommt, so lass ihm sagen, es sei mir nicht ganz wohl, ich habe mich zeitig niedergelegt – sage aber Niemand, was mir begegnet ist – hörst Du, Niemand!"
"Wenn Sie es wollen, so kann ich schweigen, als wäre ich stumm," versprach Friedericke. Pauline liess sich von ihr entkleiden, und legte sich zu Bette.
Sie war so erschöpft, aber doch zugleich so aufgeregt, dass sie lange vergeblich zu schlafen suchte. Endlich gelang es – aber auch durch ihren Traum klangen immer noch die rohen, schreienden Stimmen hindurch, welche sie im Wachen so geängstet hatten, bis denn auch im Traum Franz Talheims Bild wie das eines Schutzengels vor ihr auftauchte, dass sie selbst im Schlafe beruhigt und friedlich lächelte.
Auf Franz wartete man an diesem Abend vergeblich in der Schenke, er ging nicht wieder dahin, obwohl es erst acht Uhr war, und bis gegen zehn Uhr pflegten sie gewöhnlich dort beisammen zu bleiben.
Er ging in seine kleine kammer, er zündete sich nicht erst seine kleine Oellampe an – er hing beim Sternenlicht den Rock, den er auszog, an seinen Nagel, den Shwal über den hölzernen dreibeinigen Schemel, und legte sich auf seinen Strohsack. Es war kalt, aber seine Wangen brannten. Zuweilen aber doch überrieselte ihn ein kalter Schauer – es kam aber nicht nur vom Frost und weil es kalt durch das kleine, in seinen Rahmen klappernde Fenster hereinzog – dieser Schauer kam in den Momenten, wenn er daran dachte, dass Pauline gesagt hatte:
"Helft mir, wenn ich noch unter Menschen bin!"
Und immer wieder musste er daran denken. Sie hatte diese vielen Stimmen gehört, diese Stimmen Derer, welche arme Arbeiter waren, wie er auch – und sie hatte daran gezweifelt, unter Menschen zu sein – ja sie hatte ihn in der Angst ihres Herzens herausgeschrieen diesen ungeheuern Vorwurf! Ach, freilich! Sie hatte diese Trunkenen, diese rohen Schreier gehört, welche sich sogar mir niedrigen Worten an ihr vergangen hatten – an Menschenwürde hatte sie ja da wohl zweifeln müssen! Und ach, das war es ja eben – sie war auch vor ihm geflohen, denn er war ja auch unter diesen armen, unglücklichen Menschen ohne Menschenrechte, an deren Fähigkeit zur edelsten Menschenwürde Niemand glauben will – sie dachte nun es sei Keiner unter ihnen im stand, Recht zu handeln – sie war auch vor ihm geflohen, als er sich ihr genähert.
Aber da leuchtete es wieder hell auf in seinem kummervollen Antlitz, und er sagte sich selbst, wie sich plötzlich besinnend: Nein – vor ihm war sie nicht geflohen – nur vor dem ungekannten Mann. Als er seinen Namen genannt, hatte sie ihm vertrauend die Hand gegeben – sie hatte ihn nicht hinter sich gehen lassen, wie einen Diener, wie er bescheiden gewollt – sie hatte ihm die Hand gegeben, und war neben ihm gegangen, wie neben einem Freund – und dann hatte sie ihm gedankt. Aber