doch lieber nicht hinein, und bleibt!" riefen Andre. Aber es war schon zu spät, Viele waren trotz der Warnung hinausgeeilt.
"Pass Du doch auf, dass sie keine dummen Streiche machen," sagten Einige zu Franz. "Du hast ja schon manchmal gewusst, sie von Prügeleien und unvorsichtigem Gelärm zurückzuhalten."
Franz trat in den Hausflur. Die tür, welche derjenigen gerade entgegengesetzt war, aus welcher er kam, führte in die grosse Wirtsstube, in welcher die älteren Fabrikarbeiter zechten und spielten. Diese tür war jetzt weit aufgerissen, und Viele Derer, welche vorhin in dieser stube sassen, hatten sich dazwischen gedrängt.
Im Hausflur wand sich ein junger Bursche – es war der vorerwähnte August – unter den derben Fäusten von einigen der älteren Arbeiter, deren Kräfte durch die Wut verdoppelt erschienen, und deren Wut durch die Trunkenheit verdreifacht war. Die entsetzlichsten Flüche und Schimpfworte sandte man von allen Seiten auf ihn.
"Was hat denn der August getan?" fragte Franz die Umstehenden.
"Falsch gespielt! – Er hat dem alten Böttcher den letzten Dreier auch noch abgewonnen. Er hat uns Alle um's Geld betrogen – uns, wo zu haus Frau und Kinder fast erfrieren und verhungern – uns hat er das Letzte abgewonnen – ist erst zwanzig Jahr, und doch so ein Gauner!" So riefen viele Stimmen zugleich, und grobe Schimpfreden hallten immer dazwischen.
"Nun aber die Prügelei hilft Euch doch zu Nichts – spielt nicht wieder mit ihm, seht ihn nicht mehr an, da wird er schon bestraft sein," redete Franz zur Sühne.
"Können wir uns jetzt anders rächen, als wenn wir ihn zu Schanden treten?" rief Einer der Wütendsten. "Sollen wir ihn etwa verklagen und einstecken lassen, dass wir dann wochenlang umsonst arbeiten können, weil man uns die Gerichtskosten vom Lohne abziehen würde?"
"Franz, Franz!" schrie der unglückliche August, welchen eine starke Faust an den Haaren gefasst hielt und zur Erde auf die Steintafeln drückte, während ein Anderer einen Fuss, den ein schwerer mit Nägeln beschlagener Stiefel bekleidete, auf seinen rücken setzte. – "Franz, ich habe schon Alles wieder herausgegeben – Du bist ja sonst menschlich und gerecht! Lass es nicht zu, dass sie mich todtschlagen!"
"Wir wollen ihn hinauswerfen," sagte Franz. "Da seid Ihr ihn los, und Euer Aerger hat ein Ende, denn er kommt gewiss nicht wieder – das Geld hat er Euch doch herausgegeben?"
"Ja, das haben sie ihm alles wieder abgenommen, und sein eigenes dazu," schrieen Einige, welche gemässigte Zuschauer abgegeben hatten.
"Nun," sagte Franz, "so wollen wir ihn hinauswerfen," und mit Riesenkraft schob er den Fuss des Einen von Augusts Schultern, und unwillkührlich liess der Andere, welcher sein Haar gefasst hielt, los, und Franz schleppte nun mit einem raschen Griff den Geschlagenen vor die Haustüre und rief: "Nun lauf, wenn Du noch laufen kannst!"
August lief wirklich. Einige der Arbeiter sprangen ihm nach, Andere schimpften wenigstens hinter ihm her.
In diesem Augenblicke hörte Franz eine zarte, schluchzende stimme rufen:
"Helft mir! Erbarmen, wenn ich noch unter Menschen bin!"
Franz kannte diese stimme, er kannte auch diese Worte, welche er voll desselben entsetzlichen Vorwurfes schon einmal vernommen hatte. Wie ein zweischneidiger Dolch drangen sie wieder in sein Herz, aber wie ein Dolch, welchen eine reine Kinderhand führt, ohne zu ahnen, wie schwer sie verwunden kann.
Er kannte diese stimme, und sprang in demselben Moment dahin, woher er sie kommen hörte.
Es war dunkel.
Er sah nur eine kleine weibliche, zitternde Gestalt neben einem taumelnden Mann, welcher ihren Schleier mit der einen Hand wegzog, und mit der andern ihren Arm hielt – dabei lachte er, und führte unanständige Reden.
Aber mit starkem Arm schleuderte ihn Franz auf die Seite, dass er taumelnd zu Boden fiel.
Pauline atmete auf – aber sie fürchtete auch den Befreier, und begann zu laufen.
"Gehen Sie lieber langsam," sagte Franz. "Ich bin es, Franz Talheim, ich werde Sie sicher bis in Ihr Haus begleiten, gehen Sie nicht schneller, als gewöhnlich, ich folge Ihnen, Sie haben Nichts zu fürchten."
Er sagte dies mit so schmerzlich bewegter stimme, weil es ihm weh tat, dass nun Pauline vor jedem Fabrikarbeiter fliehen werde, da sich Einer erlaubt hatte, ihr roh zu begegnen – und Pauline erriet an dieser wehmütigen stimme, was in ihm vorging, und noch an allen Gliedern zitternd, blieb sie stehen, gab ihm ihre Hand, und sagte unendlich mild:
"Ich danke Ihnen, ich bin so erschrocken, dass ich kaum weiss, wie ich noch das kleine Stück bis nach haus gehen soll – und Ihnen meinen Dank ganz auszudrücken, vermag ich jetzt auch noch nicht."
Sie liess diese kleine Hand mit dem weichen, gefütterten Handschuh in seiner groben Hand, welche nur leise ihre Fingerspitzen zu fassen wagte, und so liess sie sich von ihm führen. Bald waren sie an dem Wohnhause angelangt – die Laternen davor brannten schon hell.
"Ich danke Ihnen nochmals," sagte sie freundlich, "und wenn ich wüsste, womit ich Ihnen diesen grossen Dienst besser als mit Worten vergelten könnte –"
"Nein, dafür dürfen Sie mich nicht