Schritten, zu erkennen. An zwei Tischen sassen Einige dieser Männer in zerlumpten Kleidern mit teils bleichen, teils vom Trunk glühenden Gesichtern, und spielten mit beschmuzten Karten, auf denen man kaum noch die Figuren unterscheiden konnte, Schafkopf und Solo. In ihren Augen las man teils ängstliche Spannung, teils verzweifelnde Gleichgültigkeit, teils den Ausdruck tierischen Abgestumpftseins gegen Alles, teils endlich eine halb wahnwitzige Lustigkeit, welche in ihren lärmenden Aeusserungen selbst auf die meisten Andern der Anwesenden einen widerwärtigen Eindruck machte. Die Aeltesten unter diesen Spielern waren die rohesten, so auch unter denen, welche trinkend, fluchend und schimpfend den übrigen Raum füllten.
Nur wenige der jüngern Fabrikarbeiter befanden sich unter dieser Gesellschaft, aber diesen Wenigen sah man es an, dass sie zu den Verworfensten und Liederlichsten gehörten.
Die Meisten der jungen Fabrikarbeiter waren in einer andern stube versammelt, deren Anblick in der Tat nicht im Entferntesten den widerlichen Eindruck machte, wie jene.
Diese jungen Leute trugen zwar auch wenig bessere Kleidungsstücke, als die alten, aber sie waren meist reinlicher, und zum Wenigsten alle mit einiger Sorgfalt angelegt. Ihr Haar war glatt gekämmt und unverwildert.
Vor ihnen standen Gläser mit Vier, daneben lagen die kleinen Pfeifen, welche wenigstens jetzt nicht brannten. Kein Glas Branntwein, keine Karte war in dieser stube zu sehen.
Sie sassen Alle an einer langen Tafel auf hölzernen Bänken sich gegenüber, und sangen.
Franz Talheim und Wilhelm Bürger sassen obenan – sie waren Vorsänger.
Diese beiden jungen Arbeiter waren innige Freunde und hatten gemeinsam endlich die Einrichtung zu stand gebracht, von welcher wir jetzt Zeuge sind.
Sie hatten die sämmtlichen unverheirateten Arbeiter aufgefordert, mit ihnen zu einem Verein zusammen zu treten, dessen hauptsächlichste Regeln waren:
Keine Karten anzurühren.
Keinen Branntwein zu trinken.
Keine Schulden in der Schenke zu machen.
Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn voraus bezahlen zu lassen.
Dies war der negative Zweck dieses Vereins. Er hatte aber auch einen positiven.
Die Arbeiter hatten eine gemeinschaftliche Kasse, in welche jedes Mitglied wöchentlich eine Kleinigkeit beisteuerte. Aus dieser Kasse bezahlte man an den Schenkwirt, bei dem man Sonntags und Mittwochs Abends zusammenkam, das Bier gemeinschaftlich. Auch bezahlte man davon die Noten-, Sing- und Lesebücher, welche sich der Verein anschasste, um gemeinschaftlich zu singen und zu lesen. In dieser Kasse hielt man immer auf einen kleinen Fonds, von welchem man auch, wenn eines der Mitglieder krank ward, dasselbe unterstützen konnte.
Diese Einrichtung war nicht ohne die heilsamsten Folgen für die Linderung der äussern Not, und die Erhebung und Veredlung des inneren für Alle, welche ihr angehörten, deshalb war ihr nicht einmal der Fabrikherr entgegen, obwohl es ihm ziemlich einerlei war, wie es um die Moral seiner Arbeiter stand, und wiewohl ihm die Bedingung: "Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn vorausbezahlen zu lassen" ziemlich verdriesslich war, denn wenn dies die Arbeiter taten, konnte er dann ihre Arbeit leicht zu einem geringen Preis erhalten, und hatte dadurch die Leute ganz in seiner Gewalt. Dies eben hatten die Arbeiter nur zu oft schon erfahren müssen, und suchten daher, eh' sie noch ferner zu diesem äussersten Mittel griffen, lieber, wenn sich ein Mitglied durch irgend einen Unglücksfall in dringender Not befand, durch die gemeinschaftliche Kasse zu helfen, und wenn es auch oft nur in der Art eines Darlehns geschehen konnte.
Zum Kassirer war Wilhelm Bürger erwählt worden. Er sass jetzt obenan. Es war ein junger Mann, der einige Jahr über zwanzig zählen mogte. Seine Figur war klein und gedrungen, von kräftigem Gliederbau. Er hatte krausses, schwarzes Haar, dunkle Augen und eine frische, gesunde Gesichtsfarbe. Er trug eine Art Blouse von grau und schwarz melirter Wolle, eben solche Beinkleider, und ein rot und gelb gewürfeltes Tuch um den Hals geknüpft, dass zwei ziemlich lange Enden davon herabhingen.
"Ich dächte, drüben in der grossen Wirtsstube ginge es recht laut zu? Da sind wohl schon wieder Einige trunken?" sagte Wilhelm, als der Gesang, welchen man soeben gesungen hatte, zu Ende war, und eine augenblickliche Stille herrschte, in welche plötzlich lautes Geschrei, wie von rohem Gezänk vieler Stimmen, herein schallte.
"Viele sind ja den ganzen Sonntag betrunken," erwiderte einer der andern jungen Arbeiter. "Da kann es wohl bald zu einer Prügelei kommen."
"Ich höre August's stimme," sagte wieder ein Andrer. "Der Junge sollte sich schämen, lässt sich da mit verführen von den Alten – nun die alten Arbeiter sind einmal von Jugend an den Branntwein gewohnt, können einmal nicht anders leben, Vielen tut er gar Nichts mehr – da mag es schon sein, aber der August sollte sich doch schämen."
"Ja, er lacht uns nur immer aus," versetzte ein Dritter. "Mich sollt's aber freuen, wenn ihn die alten Kerle drinnen einmal recht durchhieben."
"Hätte es wohl verdient," sagte Franz Talheim, "aber dass eine grosse Prügelei wird, wollen wir doch nicht wünschen, da heisst es dann gleich in der Fabrik, es sei grosses Unrecht geschehen und ein Excess verübt worden, dass dabei die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müssen."
Der Lärm, der hereinschallte, ward immer grösser.
"Nun, wenn's was Ernstliches gibt, muss ich auch mit dabei sein!" riefen Einige der jungen Arbeiter, und sprangen hinaus.
"Mengt Euch