dass die Not der arbeitenden klasse gross ist, und dass, wenn Einzelne unter ihnen zu Verbrechern herabsinken, nicht sie allein dafür verantwortlich sind, sondern diejenigen, denen es ein Leichtes gewesen wäre, sich ihrer Not zu erbarmen, und welche es doch nicht getan haben. Verzeihen Sie, wenn ich zu laut und zu heftig spreche,' setzte er hinzu, indem er wieder zurücktrat, und seine Augen senkte, 'aber ich kann nicht anders.' Ich suchte ihn darauf deutlich zu machen, wie glücklich es mich selbst machen würde, wenn ich all' dies Elend verschwinden sähe, wie ich aber selbst ganz unbekannt sei mit aller Leitung des Fabrikwesens, und wie es mir nicht zukomme, ich mitin auch nicht im stand sei, andere Einrichtungen zu bewerkstelligen, durch welche die Arbeiter besser gestellt, und die Kinderhände erspart würden – ja dass ich nicht einmal wisse, ob dies wirklich möglich sei, wenigstens sagten mir Alle, welche Fabriken zu leiten hätten, es sei nicht möglich – und das mache mich selbst am Allertraurigsten. Unwillkührlich traten mir, als ich dies Alles sagte, Tränen in die Augen, und ich konnte nicht weiter sprechen. – 'Ja, ich glaube es wohl,' sagte er. 'Diejenigen, welche gern helfen möchten, können es nicht, und Alle die, welche es recht wohl vermöchten und sollten, die wollen nicht helfen.' Ich liess das unbeachtet, und sagte: 'Ich liess Sie rufen, ein Mal, um Sie zu warnen, von Ihren Büchern wo möglich meinem Vater Nichts wissen zu lassen, und dann wollte ich Sie bitten, da, wo Sie eine augenblickliche Not welcher zu helfen ist, in den Familien unsrer Fabrikarbeiter sehen, mich davon zu unterrichten, und da werde ich Alles tun, was ich vermag. Oder haben Sie selbst nicht ausreichenden Verdienst? Nehmen Sie dies Geld für Diejenigen, welche es am Meisten bedürfen.' Er nahm, was ich ihm gab, mit leuchtenden Augen, sagte, er habe für sich schon Erwerb genug, aber er wisse Viele, die es brauchen könnten – und er drückte mir herzlich, mit edler Freimütigkeit die Hand. Darauf fragte ich ihn, ob er ein Bruder des Doctor Talheim in *** sei, und er erzählte mir kurz, was ich Dir bereits mitgeteilt. Ehe jener weiter gereis't war, hatte er Franz hier besucht, da er vorher ein paar Tage auf Waldow's Gut gewesen, und er habe gesagt, wiederholte mir Franz: fräulein Pauline ist ein edles Mädchen, das, wo es kann, sich Eurer Not annehmen wird."
Elisabet umarmte die Freundin, und sagte: "Also war es deshalb, als Talheim Dir das Versprechen abnahm, 'immer, wenn nicht die Schwester, doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein –' es ist sein Befehl, sein Wunsch, darum ist er so heilig."
Während dieses langen Zwiegespräches der Freundinnen war bereits das spärliche Sonnenlicht längst verlöscht, und der frühe Abend begann hereinzudunkeln. Elisabet brach auf. Pauline schlug vor, sie zu begleiten, um sie noch länger sprechen zu können. Beide hüllten sich in ihre warmen Schleierhüte und dichten Pelzmäntel, und gingen.
Es war kalt.
IX. Sonntag-Abend
"Es ist so leicht, die Menschen zu verachten,
Weil sie die Quintessenz des Staubes nur;
Viel grösser ist's, sie liebend zu betrachten,
Und kennen ihre arme Staubnatur!"
Alfred Meissner.
Es war kalt, ach schneidend kalt draussen. Der Himmel schien sich immer höher wölben zu wollen, als mög' er gar Nichts mehr wissen von der armen erstarrten Erde, und die Sterne kamen funkelnd heraus, einer nach dem andern, und es war als wetteiferten sie alle mit einander im hellen Flimmern und Prunken.
Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen. Drinnen in den elenden Wohnungen der Fabrikarbeiter. Auf den meisten Heerden war längst das letzte im wald aufgelesene Reisholz verbrannt, und wo ja noch ein paar Stücklein Kohlenvorrat waren, da glimmten sie in einem alten grossen Ofen, der nur die empfangene Wärme von sich gegeben hätte, wenn ein grosses Feuer ihn hätte zu durchhitzen vermogt. Durch die halb mit Papier verklebten, mit Lumpen verstopften Fenster drang unaufhörlich ein eisiger Luststrom ein. – Auf verfaultem Stroh lagen die halbnackten Kinder, und rieben mit den blauen erstarrten Händen weil Frostschauer, die über die kleinen Gestalten liefen, sie immer wieder aufrissen. Die Mutter lag daneben in einer grossen, weiten Bettstelle – das Weib lag weder auf Stroh, noch auf Federn, sondern auf den Latten des Gestelles, zum Kopf hatte sie die zerrissene Pelzjacke ihres Mannes, zur Decke einen alten wollnen Rock, den sie am Tage trug. Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen. Dem mann war es zu kalt, drum war er fortgegangen in die Schenke. In der Schenke war es warm, da brauchte Niemand zu frieren, und Branntwein hatte der Wirt auch – und der Branntwein wärmte dann noch fort zu haus die wenigen Stunden der Nacht bis die Glocke zur Arbeit geläutet ward. Es war eine grosse von Rauch geschwärzte stube. Einige Talglichter, meist schon herabgebrannte Stümpfchen, erleuchteten sie spärlich. Branntweindunst, der Qualm aus vielen Tabakspfeifen und das Atmen vieler Männer verdichteten die Luft in dieser stube so, dass es den darin Versammelten unmöglich war, einander in grösserer Entfernung, als der von ein paar