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, dass in diesen Worten eine grosse Wahrheit lag, ja, ich empfand auch zugleich, dass ich ihm eine Abbitte, und für seine Klage ein tröstliches Wort schuldig war, und ich erwiderte: 'Mich jammert jede Not, und was ich tun kann, um ihr abzuhelfen, will ich versuchen.' Er lächelte kummervoll bei diesen Worten, und statt der Antwort gab er mir eine dünne Broschüre. 'Ich bitte Sie, das zu lesen, wenn Sie einmal ein Wenig Zeit haben für diese Unglücklichen alle, welche Sie hier umgeben.' Dann trat er ehrerbietig mit einem Grusse zurück und sprach mit einer Frau, welche zwei kleine Kinder auf den Armen hatte. Diese kam dann auf mich zu und dankte mir, ihrem Beispiel folgten dann noch viele der Leute; Manche taten es unmutig und förmlich. Andere herzlich und mit Tränen, ich glaube, es geschah nur auf Franz Talheims Aufforderung, dass sie mir danktenich hätte es ihnen gerne erspart, obwohl ich mir dabei sagte, dass es auch Hochmut sei, ihren Dank nicht annehmen zu wollen, so gut als es Hochmut sei, ihn zu fordern, – denn was mir bei diesem Dank unwillkührlich lästig war, waren die vielen unreinen, derben und schwieligen hände, welche die meinen drückten, und die Annäherung dieser schmuzigen Lumpen, welche sie trugen."

Pauline stand auf, und holte aus ihrem Bücherschrank eine Broschüre, welche sie an Elisabet gab. Diese las den Titel.

"Aus dem armen volk. Erzählungen von Franz Talheim, allen Menschenfreunden gewidmet." Auf das leere Blatt hinter dem Titel hatte der Verfasser geschrieben: "Dem fräulein Pauline Felchner mit besondrer Hochachtung gewidmet." – "Wie ein Engel in der Christnacht sind Sie unter uns, den armen Sclaven Ihres Vaters, erschienen. Sie wollen die Herzen dieser armen Kinder erfreuen, welche niemals eine Ahnung von dem gehabt haben, was man Glück der Kindheit nennt. Wir Alle segnen Sie dafür! Aber wir mögten Ihnen auch zurufen: vergessen Sie über den Segen, welchen Ihre Milde über diese unglücklichen Kleinen bringt, niemals, dass eben diese Kinder einem Elend entgegengehen, von welchem Sie gewiss keinen Begriff haben, Frost und Hunger ist noch das Geringste, das ihrer wartetihr Geist erstarrt ohne die Nahrung des Schulunterrichts, und ihr Herz vertrocknet mit ihrem kleinen Körper unter der anhaltenden Arbeit, zu welcher man sie benutzt, Ihre Sitten werden verderbt, alle ihre edleren Gefühle erstickt, weil man sie gänzlicher Verwilderung Preis gibt. Bei diesem Frevel an der menschlichen Würde rufe ich Ihnen zu: mögten Sie diesen Verstossenen auch als ein Engel erschienen sein, welcher sie aus dem Abgrund emporhebt, in dem sie täglich immer tiefer versinken. – Vergeben Sie, wenn diese Worte zu kühn sind für einen armen Fabrikarbeiter, wie der Verfasser."

"Ja," rief Elisabet erschüttert, als sie noch eine Weile in diesem buch geblättert hatte, "das ist ein unabsehbares Elend, von dem ich bis jetzt Nichts gewusst habe," und ihre Haut überlief ein leiser Schauer.

"Wie ich Alles gelesen," sagte Pauline, "versuchte ich, meinem Vater Vorstellungen zu machen, ob er, wenn einmal Kinder arbeiten müssten, ihre Zahl nicht noch vermehren könnte, aber so, dass sie, einander ablösend, nur wenig Stunden des Tages arbeiteten, und Schulunterricht haben könnten. – Er antwortete mir: den hätten sie, und ob ich denn den Lehrer noch nicht kenne? Wie ich aber weiter sprechen wollte, ward er so böse, wie ich ihn noch niemals gesehen, und verbot mir bei seinem höchsten Zorn, jemals wieder über solche Dinge zu sprechen, welche ich nicht verständeja er lachte mich geradezu aus, und schloss endlich damit, dass ein längeres Leben hier mich wohl überzeugen würde, wie seine Arbeiter ganz glücklich wären, und auch alle Ursache dazu hätten, während nur Einige über Elend jammerten, weil ihre unverschämten Forderungen nicht erfüllt würden. Nach Allem, was er sagte, fühlte ich, dass ich gegen meinen Vater schweigen müsse." Sie seufzte, und fuhr dann weiter fort: "Ich sagte ihm Nichts von Franz Talheims buch, ich verbarg es unter meinen andern Büchern. Ich schickte aber nach Talheim, als eines Sonntags Nachmittags mein Vater in die Stadt im Schlitten gefahren war. Franz kam, ich will ihn nun so nennen, damit wir nicht immer an unsern Lehrer denken, oder ihn doch mit diesem verwechseln, denn auch die Fabrikarbeiter nennen ihn nur bei seinem Taufnamen. Franz trat leise ein, und blieb bescheiden mit der Mütze in der Hand an der tür stehen, aber er war nicht verlegen, wie ich gedacht hatte; wenn Jemand von uns Beiden verlegen war, so glaube ich eher, ich bin es gewesen. Ich hatte mich auf sein Kommen vorbereitet, und nun wusste ich eigentlich nicht, was ich ihm sagen sollte. Ich danke Ihnen für Ihr Buch, begann ich endlich, aber ich würde Ihnen raten, damit vorsichtiger zu sein, wenn es in die Hand meines Vaters, Bruders oder irgend eines Factors unserer Fabrik käme, so könnten Sie wohl einen schweren Stand bekommen. – Franz erwiderte: 'Kann man die Wahrheit schonender sagen, als ich es getan? Ich habe ja auch in diesem Buch gar nicht von den Einrichtungen dieser Fabrik gesprochen, sondern was ich versucht habe, ist weiter Nichts, als darauf aufmerksam zu machen,