an Dich, wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunter kommt, so kann ich nicht ruhig schlafen." Georg hatte die stube verlassen. Sie hing sich schmeichelnd an den Hals des Vaters, mit dem sie jetzt allein war.
"Herzensmädel," sagte er, "ich kann Dir Nichts abschlagen – wenn's nur nicht wider meine Grundsätze ist."
"Nein, das ist's gewiss nicht!" sagte sie zuversichtlich. "Ich bat Dich vorhin, die Lichter auslöschen zu lassen – erlaube mir, sie am Christmorgen wieder anzubrennen für die armen Kinder, die in unsrer Fabrik arbeiten, erlaube mir, diesen armen Kleinen zu bescheeren."
Herr Felchner machte ein sehr böses Gesicht: "Das ist eine einfältige idee, für solche Narrenspossen habe ich kein Geld, das ist wider meine Grundsätze. Geh' zu Bette und träume etwas Bessers, als solches dummes Zeug."
"liebes Väterchen," sagte sie, "das ist nicht Dein Ernst, und wäre es: lass die Christbescheerung für mich nur halb so reich sein, wie voriges Jahr, und gieb mir die Hälfte für die Kinder."
"Nein, mit solchen Narrheiten richtet man bei mir Nichts aus, das lass Dir ein für alle Mal gesagt sein, ich will von solchen Possen Nichts hören, das merke Dir!"
Herr Felchner ging aufgeregt in der stube hin und her, und seine Augen blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten, seine Nase schien noch spitziger zu werden, als sie ohnehin schon war. Er nahm eine Prise, und niesste mehrmals so laut, dass Pauline bei jedem Male zusammenfuhr. Sie sass zitternd in der Sophaecke, und sah stumm vor sich nieder – nach langer Pause sagte sie schnell, und man hörte an ihrer stimme, dass sie weinte:
"Wie wird sich nun die gräfliche herrschaft über uns lustig machen – die Gräfin Elisabet will allen Kindern des Dorfes bescheeren, um damit ihre Ankunft zu feiern, und ich soll nun zurückstehen."
Der Fabrikherr stand horchend still: "Ist das wahr? Auch gewiss?"
"Wie könnt' ich es sonst behaupten? Du wirst es erfahren, man wird die herrschaft rühmen, und uns verhöhnen."
"Freilich, freilich, das ändert Alles – ich werde sie beschämen – unsre Bescheerung soll noch ein Mal so prachtvoll sein, als die ihrige, Du magst Alles besorgen, ich will Dir morgen das Geld dazu geben. Freilich, freilich, es wird mich ärgern, für die nichtsnutzigen Würmer – aber nun kann es einmal nicht anders sein, nun muss ich schon."
"Herzensvater!" rief Pauline, ihn umarmend, und dankte mit liebkosenden Worten Tausend Mal. Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht – sie schämte sich beinah vor sich selbst, dass sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen war, dass sie hinterlistig, wie sie es nannte, ein minder edles Gefühl, als sie gewünscht hätte, in ihres Vaters Innerm hatte wekken müssen – ja, sie schämte sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein – und das tat ihr noch weher. Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm, und klingelte dem Mädchen, welches sie in ihr Schlafzimmer führte.
Ihr Vater hatte Recht gehabt, es war prachtvoll eingerichtet, wie das einer Fürstin, nur zu prachtvoll, es war durch Prunk überladen. Die Tapete war silbergrau mit roten Blumen, die Vorhänge von gelber Seide mit goldnen Quasten, die Fussteppiche ebenfalls gelb mit roten Kanten – es herrschte ein grelles, geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer – das Licht darin war so hell, dass es ihre Augen kaum aushalten konnten. Sie verlöschte es so bald als möglich, und begab sich zur Ruhe.
Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus – und seitdem sie da war, hatte sie noch keine andern, als verwundende Eindrücke empfangen.
Glänzend im Lichtermeer hatte ihr die heimatliche wohnung zuerst wie ein Feenpalast entgegengelacht – da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die Jammerflüche des Elendes und der Not gehört, von diesen Menschen gehört, in deren Mitte sie sich glücklich waltend träumte, von denen sie wähnte, dass ihr Vater auch ihnen Vater sei, und sie ihn kindlich verehrend liebten – und weiter liess sie Alles an sich vorüberziehen, was sie in diesen wenigen Stunden erlebt – und es war Nichts, was sie hätte beruhigen, oder heitrer stimmen können. Sie seufzte. Aber sie war müde von dem taglangen Fahren, der kalten Luft, von all dem Erlebten dieses Tages, dieses Abends, sie schloss die müden Augen, und schlief sanft und fest bis in den spätanbrechenden Tag hinein.
VIII. Ein Fabrikarbeiter
"Aus dem mund des Heloten
Strömen die Rätsel des neuen Bundes."
Alfred Meissner.
Elisabet war bei ihrer Ankunft in dem väterlichem Schloss mit keiner Illumination empfangen worden, aber von einem zärtlichen Mutterherzen und einem glücklich stolzen Vater. Sie fühlte sich stolz und befriedigt, als sie wieder diese alten ehrwürdigen Räume betrat, welche sie seit Jahrhunderten in dem Besitz ihrer Väter wusste. Sie fühlte, dass sie hier Herrin sei, und dies Bewusstsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung.
Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen ihrer einigen Freundschaft gegeben. Nach dem Schloss hinauf zogen die Kinder der ärmeren Landleute und empfingen dort die Gaben, welche Elisabet unter den flimmernden Christbäumen für sie ausgebreitet hatte – und