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" Und der Vater schob sie in die grosse stube im Erdgeschoss, wo der Tisch gedeckt war. Warum sie so zitterte, und so blass aussah, konnte' er freilich nicht wissen.

Die grosse stube war einfach eingerichtet, besonders trugen die Dielen Spuren von vielen schmuzigen Stiefeln. An der Oeffnung, aus welcher der heisse Luftstrahl der Dampfheizung hereinströmte, stand Georg, Paulinens ältrer Bruder, und liess sich den heissen Strom an den rücken wehen. Sie lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er erwiderte den Gruss kalt, und als sie freundlich zu ihm sagte: "Nun, wie geht es, lieber Bruder? Wir haben uns lange nicht gesehen!" antwortete er finster:

"Wie soll's gehen? Es sind schlechte zeiten, da weiss man wohl wie's gehen kann!"

"Was meinst Du?"

"Nichts als Aerger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack, das bald von der Arbeit laufen, bald höhern Lohn verlangen will, und noch Gesichter schneidet, wenn man ihm viel Geld oder gute Waaren auszahlt für Pfuscherarbeit."

Pauline wandte sich an den Vater, der sich schon an die Tafel gesetzt und sie neben sich gewinkt hatte: "Lieber Vater, lass doch die vielen Lichter auslöschenes blendet so, ich bin ja nun da."

"Sie können immerhin noch ein Weilchen brennen, damit die Leute sehen, wie ich mein Kind empfange," sagte Felchner schmunzelnd.

"Und brennen sie mir zu Ehren," fiel ihm die Tochter wieder in's Wort, "so wollen wir sie heute auslöschen, und noch an einem andern Tage für mich anzünden."

"Nun, meinetwegen, lass sie brennen oder auslöschen, aber jetzt wird gegessen."

Georg setzte sich neben Felchner, Pauline stand noch ein Mal auf und rief zur tür hinaus: "Wer die Lichter angezündet hat, soll sie wieder auslöschen, die Illumination ist vorbei." Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz. In demselben Augenblick läutete draussen die Glocke, es war sieben Uhr, und damit ward das Zeichen zum Abendessen gegeben. Der Tisch war noch für acht Personen gedecktes waren die unverheirateten Factoren und Buchhalter Felchners, welche bei ihm den Tisch hatten. Sie traten rasch und geräuschvoll ein, mit einer stummen Verbeugung vor Paulinen, und nahmen stumm ihre Plätze ein. Pauline sah sie verstohlen der Reihe nach an, wie sie hastig zulangten, und unbeschreiblich schnell assen, mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch klirrend. Es waren noch einige junge Leute unter ihnenaber alle hatten mürrische, halbvertrocknete, teilnahmlose Gesichter, in deren Falten es war, als ob lauter Zahlen verzeichnet stünden. Dieses stumme Essen, wobei Keines auf das Andere Rücksicht nahm, Keines dem Andern irgend einen tischnachbarlichen Dienst erwiess, hatte für Paulinen etwas Befremdendes, Widerliches, ja es kam ihr sogar tierisch vordie Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich. Felchner liess jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen, indem er dabei sagte: "Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern."

Das war das einzige Wort, womit er diese den Anwesenden vorstelltediese machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Köpfen, Bewegungen, welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mogten, schenkten sich ein, tranken aus, standen dann auf, schoben geräuschvoll die Stühle zurück, und indem Einer nach dem Andern zur tür hinausging, murmelte Jeder halb unverständlich:

"Ich wünsche wohl zu schlafen!"

Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen halbverschluckten: "Gleichfalls."

Auch Pauline erhob sich, und sagte zu dem Vater: "Kann ich nun nicht mit Dir in Deine stube gehen?"

"In mein Comptoir, Kind? Was wolltest Du dort?"

"Nein in Deine stube, wo Du Dich aufhältst, wenn Du nicht arbeitestoder in die Wohnstube, wo wir noch oft zusammen sitzen und traulich plaudern werden!"

"Nun, wenn ich nicht mehr arbeite, bin ich in dieser stube hier, es ist meine und Deine Wohnstube."

Die Magd räumte eben lärmend abder Kutscher trat ein, und nahm aus einem an der Wand befestigten colossalen Schlüsselschrank ein Bund klirrender Schlüssel, mit dem er wieder hinausging, kurz nachher lief ein Factor stumm durch die stube in das Zimmer neben an, holte da ein Buch heraus, und ging mit demselben unter dem Arm wieder zu derselben tür hinaus, durch welche er gekommen.

Dieses geschäftige, rücksichtslose und stumme, aber doch keineswegs stille Tun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor, und machte darum einen so unfreundlichen, ja verletzenden Eindruck auf sie.

"Das ist meine Wohnstube?" sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater.

"Nun, nun," sagte er, "der glänzenden Stellung, welche Du einnehmen sollst, wird Nichts vergeben, wenn Du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer bist. Du findest oben die schönsten für Dich, und wenn Gäste kommen, wie sie keine Prinzessin schöner haben kann; aber für gewöhnlich ist der Luxus unbequem, und da befinde ich mich in dieser stube ganz gut. Willst Du hinauf, so mag Dich Deine Rieke hinaufführen, wenn Du etwa auspacken und Dich oben umsehen willst, Du wirst auch müde sein von der Reise."

"Ja, sehr müde und erschöpft," sagte sie. "Aber erst hätte ich eine Bitte