sassen auf einem Stein, an dem der Wagen nahe vorbei kam. Eine Rakete stieg als Zeichen der Ankunft vor dem Turme auf, und die Glocke wurde gelauten.
"Gar noch Feuerwerk!" sagte die Eine der Frauen. "Machen's denn die Lichter nicht hell genug, unser Elend zu beleuchten?"
"Das ist doch wahrer Spott," versetzte die Andre, "lässt sein sündhaft erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen, als dass er sich unsrer Not erbarmte."
"Lasst's nur gut sein, Else," sagte ein zerlumpter Mensch, der hinzutrat, "der Feuerstrahl schreit für uns um Rache zum Himmel auf – und mag sich der Himmel nicht erbarmen, nun zum Teufel auch, wir haben ja Fäuste! Sind schwielig von der Arbeit geworden, werden schon gut dreinschlagen können" – und er schwang die arme drohend in der Luft. Weiter fuhr er fort: "das sag' ich, Else, wenn Dir der Wurm auch noch verhungert an der Brust, wie die Andern, die auf dem Kirchhof liegen – da sehe' ich nicht mehr mit ruhig zu."
Pauline hörte das Alles mit Grausen – Schrecken und Angst erfasste sie – sie riss hastig den Geldbeutel aus ihrer tasche, nahm das Geld, was sich darm befand, heraus, ein paar Taler in kleiner Münze, und warf es zum Wagen heraus:
"Nehmt, nehmt, wenn Ihr wirklich so arm seid, und seid nicht böse, wenn es nicht mehr ist!" rief sie hinaus mit ihrer kindlichen, von noch nie empfundnem Schauer bebenden stimme.
Sie hörte nur noch, wie die Leute mit einem tierischen Freudengeschrei sich nach dem Gelde bückten, dann darum schlugen und zankten. Sie drückte den Sammtut fester an ihre Ohren, um nur diese rohen Stimmen nicht länger zu vernehmen. "Sind wir denn noch nicht vor dem Haus?" rief sie vor Angst ungeduldig dem Kutscher zu. "Wir wellen doch schneller fahren."
Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied. – "Fahr zu, Kutscher!" rief Pauline ausser sich.
"Nun, was ist's denn weiter?" sagte der Kutscher kopfschüttelnd. "Das Fabrikvolk ist einmal nicht anders, so hört man's alle Tage, das werden Sie schon noch gewohnt werden."
Endlich war das überstanden – der Wagen hielt.
Zwischen der Haustüre stand der Vater der Ankommenden. Herr Felchner war ein kleines, mumienartig zusammengetrocknetes Männchen. Seine Gesichtsfarbe war gelb, die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen, die Nase war ungemein spitzig, und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer Einschnitt. Die Augen lagen dicht bei einander, sie waren klein, grau und stechend, und konnten, ohne gerade schielend genannt zu werden, nach beiden Seiten verschiedene Blicke auf verschiedene Gegenstände werfen. Die Augenlider zeigten in diesem fahlen Gesicht die einzige Spur von Rot auf, besonders in den Winkeln. Die Augenbrauen trafen über der Nase fast zusammen, und waren buschig und grau, die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinüber, waren nur sehr spärlich und dünn, ebenso der Backenbart, den man eigentlich nur einen Versuch dazu nennen konnte, denn in der Nähe des Ohrläppchens erschien er wie förmlich ausgerissen – oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber einige Haarpartieen, die jedoch mehr einzelnen Stachelbüschen glichen, als einem Bart. – Herr Felchner trug einen grauen, abgetragenen Ueberrock, auf dem die Nähte weiss schimmerten, und die Aermelaufschläge von langem Gebrauch spiegelhaft glänzten, jeder seiner Knöpfe war gewissenhaft zugeknöpft vom obersten bis zum untersten Knopf, den dritten ausgenommen, weil das zu diesem gehörige Knopfloch ausgerissen war. Ein beschmuztes, bis zur Schmalheit eines Strickes zusammengedrehtes Halstuch von weisser Leinwand befand sich unter dem spitzen Kinn, die dürren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider, welche nur bis zum Knöchel reichten, grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh, an derem einen sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem bunten Zeug getrennt hatte, so dass er noch wie eine zweite verschobene oder zu breite Sohle erschien – dies war das vollständige Bild eines Mannes, dessen Vermögen man nicht mehr nach Tausenden, sondern nach Millionen zählte, welcher neben dieser Fabrik, die er selbst bewohnte und verwaltete, noch im Ausland grosse Fabriken besass, und dessen Reichtum Tausende von Menschen, denen er Arbeit und Elend zugleich gab, zu weissen Sklaven erniedrigte. Das war der Mann, welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit, einem so heitern Vertrauen für die Menschen und das Leben erfüllte, mit einer so warm für alle Menschen, für all' ihr Glück und ihre Not schlagendem Herzen begabte Tochter besass, wie Pauline.
"Guten Abend, mein Kind!" sagte er munter und zärtlich, als Pauline rasch aus dem Wagen in die Hausflur sprang, und sich in die arme des harrenden Vaters warf. "Guten Abend, mein liebes Kind! – Aber Du siehst mir ja ganz erfroren und blass aus, bist Du nicht warm angezogen? 's ist ja eben für eine Decembernacht gar nicht kalt. Nun komm nur herein in die stube, da wird Dir schon warm werden, oder willst Du, ehe wir essen, erst oben in Deinen Stuben ablegen, mein Püppchen?"
"Nein, das ist nicht nötig," sagte Pauline.
"Nun, so komm nur herein, Kind, Du zitterst ja am ganzen leib!