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Im ganzen Haus kein Stückchen Brod!
Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen –"
Ferdinand Freiligrat.
Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht. Elisabets sehnlichster Wunsch war, aus dem Institut, in dem ihr der Aufentalt, nachdem es Talheim verlassen, unerträglich schien, sobald als möglich zu scheiden. Ihre Eltern hatten diesen Wunsch erfüllt. Sie verliess die Residenz zu Weihnachten mit Paulinen zugleich.
Aber sie reis'ten in verschiednen Wagen, und zu verschiedenen Stunden ab. "Vielleicht," sagte Pauline bei'm Scheiden, "vermögen wir uns in der ersten Zelt nicht wiederzusehen; wir wollen uns aber ein grosses Zeichen unsres Einverständnisses geben, ein Zeichen, das unsere ganze Umgebung sehen soll: wir wollen am Christmorgen den armen Kindern bescheeren, Du denen des Dorfes, ich denen unsrer Fabrik. Willigst Du ein?"
"Von ganzem Herzen – es würde Talheim freuen, wenn er unsern Entschluss ahnen könnte – aber wir werden uns bald wiedersehen, wir werden einander Freundinnen fielen einander noch ein Mal in die arme, und Pauline fuhr zuerst davon; bald folgte auch Elisabet.
Pauline atmete frei und leicht auf, als sie die Residenz hinter sich hatte. Sie hatte dort ausser Elisabets Freundschaft, welche ihr doch auch erst in der letzten Zeit zu teil ward, Nichts als Kränkungen erfahren, sie hatte sich überall zurückgesetzt gesehen – nur weil sie aus bürgerlichem stand war. Nun war sie geschützt gegen all' die bittern Wirkungen dieser festsitzenden Vorurteile, denn das traute Vaterhaus erwartete sie. Wie sehnte sie sich nach dem heitern Frieden dieses ländlichen Lebens, wie freute sie sich, in die arme ihres teuern Vaters zu fliegen, den sie so lange nicht gesehen hatte. Mit welcher Zärtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wünschen nachzukommen, wie wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern! – Seit ihren Kinderjahren war sie nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen, wenn auch dieser selbst sie hier und da besucht hatte. Sie besass ein grosses Bild von dieser Fabrik. Wie schön erschien darauf das von Bäumen umgebene palastartige Wohnhaus – daneben die nicht minder grossen Gebäude mir den vielen hohen hellen Fenstern, hinter denen viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten! Wie malerisch nahmen sich auf diesem Bilde die Hütten aus, welche die Arbeiter bewohnten – und in der Mitte des hofartigen Platzes der kleine Turm mit der Uhr, welche man weitin sehen konnte, und der grossen, freischwebenden Glocke. Auch ein prachtvoller Garten mit Terrassen blühender Blumen und seltner Bäume fehlte nicht. "Und dieser reizende Aufentalt," dachte Pauline, "wird mein bleibender Aufentalt sein, ist meine Heimat! Wie glücklich werde ich sein! –" Jetzt freilich war es Winter, wie sie ankam. Sie reis'te allein, ihr Vater und ihr ältester Bruder hatten nicht Zeit gehabt, sie abzuholen – ihr jüngerer Bruder wurde selbst erst später erwartet. Es tat ihr doch leid, dass der Vater keine Zeit hatte für sein Kind, das er so lange nicht gesehen – doch sie dachte, es müsse wohl einmal so sein, und beruhigte sich dabei. – Sie hatte einen Tag lang zu fahren. Es war Abend geworden, als sie auf der Höhe ankam, von welcher aus sie die Fabrik zuerst konnte liegen sehen.
"Da," sagte der Kutscher, und zeigte auf die seitwärts liegende Ebene, in welche sie jetzt einen blick tun konnten.
"Dort ist das Haus des Vaters!" rief Pauline jubelnd, klopfte fröhlich in die kleinen hände, und eine Träne der Rührung und Freude fiel aus ihren Augen. "Aber was ist denn das?" sagte sie nach einem Weilchen, als sie genauer hingesehen hatte, "so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein? Und sogar draussen die Terrassen schimmern hell, und am Himmel breitet sich ein lichter Schein über das Ganze aus."
"Ei, ja doch," sagte der Kutscher, "der Herr Vater hat Ihretwegen illuminiren lassen. Das nimmt sich ganz schön aus!"
"Der gute, liebe Vater, wie lieb er mich haben muss!" sagte Pauline immer fröhlicher und gerührter.
"Ja, er hat es sich Etwas kosten lassen, Sie recht grossartig zu empfangen," versetzte der Kutscher wieder.
Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren – dann fuhren sie an den ersten Häusern vorbei, welche von Fabrikanten bewohnt waren.
"Da kommt sie!" rief eine Schaar versammelter Kinder, und näherte sich mit Hallogeschrei dem Wagen.
"Macht keinen solchen Lärm!" sagte eine barsche Männerstimme.
"Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spass," sagte Pauline zu dem Wagen heraus, der jetzt langsam fuhr, damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich nicht scheuen mögten. "Lassen Sie die Kinder, ich freue mich, wenn sie mich mit solchem jubel empfangen."
Ein grobes, bittres Gelächter antwortete diesen Worten, es klang Paulinen so unheimlich und widerwärtig, dass sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke zurückzog. – "Halt's Maul, Canaillen!" antwortete der Kutscher auf dies Gelächter und knallte drohend mit der Peitsche.
Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten eben so sehr, wie vor dem Gelächter, und wünschte um Alles bald vor dem Wohnhaus zu halten. Bis dahin war aber immer noch ein gutes Stück zu fahren.
Ein paar zerlumpte Frauen, die Eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem Arm,