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derselben ihren Dank zu sagen.

Die Kammerfrau öffnete sogleich die tür, welche in das Zimmer der Sängerin führte.

Amalie trat ein.

Sie warf einen blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem Schrei bewusstlos in sich selbst zusammen.

Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen.

Nur einen blick hat die unglückliche Frau hingeworfen: er hatte ihr gezeigt, wie schön und lebendig Bella warwie geschmackvoll und prächtig Alles, was sie umgab, mit welchem feurigen blick sie zu Jaromir aufsah, wie vertraulich ihre kleine weisse Hand auf seinem Arm ruhte. Mir diesem einen blick sah Amalie, wie Jaromir es gewohnt sein müsse, diesen Platz einzunehmenwie heiter er eben jetzt gescherzt haben mogtesie liebten einander und waren glücklich und heitervielleicht waren sie verlobtes war nur ein Moment, in dem Amalie dies Alles dachte, und in demselben Moment vergingen ihr die Sinne.

"Mein Gott, die arme Frau ist gewiss noch kränker, als sie denkt!" rief Bella, indem sie, aufstehend, die Klingel zog, und die Hingesunkene aufhob.

"kennen Sie diese Frau?" sagte Jaromir, der auch aufgesprungen war, und mit unruhigen Blicken zu Amalien hinstarrte.

"Sie wohnt mit in diesem haus," sagte Bella unbefangen, "es ist die Frau des Doctor Talheim, mit dem Sie neulich das geheime Geschäft abzumachen hatten, wodurch Sie so verstimmt, und deshalb so unhöflich geworden waren. Ach, ich weiss es noch recht gut." Sie drohte dabei lächelnd mit dem Finger, und fuhr dann weiter fort: "Sie kommt das erste Mal zu mir, vielleicht ist es ihr erster gang die Treppe herauf, und das wird sie zu sehr angegriffen haben."

Jaromir verstand die Ursache von Amaliens Zustand besser, er schwieg jetzt, und griff nach seinem Hut, während eine eingetretene Kammerfrau sich um die Ohnmächtige beschäftigte.

"Warum wollen Sie nun plötzlich fort?" fragte Bella.

"Es ist besser, ich gehe jetzt, fragen Sie weiter nicht," antwortete Jaromir in einem sanften Tone, aber mit jenem eigentümlichen entschiedenen Ausdruck der stimme, welcher keinen Widerspruch gestattet. Er warf noch einen blick zurück auf Amalie und ging.

Dieser blick brachte sie wieder zum Bewusstsein. Sie schlug in demselben Moment die Augen auf, als er die seinen eben wegwandte, und hastig das Zimmer verliess.

"Er geht," flüsterte sie leise, dann suchte sie sich zu fassen, und stand auf.

"Ist Ihnen schon besser?" fragte Bella, indem sie sich wieder nach ihr umgewandt hatte.

"Ich bitte um Vergebung, dass ich gestört habeman wiess mich sogleich in dieses Zimmer, es war nicht meine Schuld, dass ich eintratich wusste nicht, dass ich noch so schwach war."

Amalie sagte dies mit zitternder stimme, aber nicht ohne leise Bitterkeit, welche der Sängerin nicht entging. Sie konnte aber eher dazu jeden anderen Grund vermuten, als den wahren, denn wie hätte sie je glauben können, dass Jaromir, um dessen freundliches Lächeln sich so manches schöne Weib umsonst bemühte, er, der in den höchsten Zirkeln lebend, schon von Manchem angewidert ward, was dem anmutigsten und, wenn man so sagen will, ästetischsten Luxus nicht genügte, dass er, der Alles besass, was ein Leben beneidenswert machen kann, Reichtum und Standesvorteil, Ruf und Ruhm, Jugend und Schönheitin irgend einem verhältnis stände zu einer armen, beinah hässlichen Frau, welche jetzt Krankheit und Elend fast zehn Jahre älter erscheinen liessen, als sie wirklich war? – Bella nahm Amaliens Ohnmacht für ein wahres Zeichen einer noch nicht gehobenen Krankheit, und den bittern Ton ihrer stimme schob sie auf Rechnung eines kleinbürgerlichen, philiströsen Sinnes, welcher es unschicklich finde, eine Dame an der Seite eines schönen Mannes allein zu treffenund ob zwar sich Bella gestehen musste, dass durch Jaromirs plötzliches Entfernen es wirklich scheinen konnte, als hätte sie Ursache gehabt, sich nicht gern in seiner Nähe überrascht gesehen zu haben, so verdross sie es doch, dass Amalie, welche gewiss kam, um ihr zu danken, ganz im Gegenteil davon sie mit einer Art von Vorwurf begrüsste.

Bella geriet dadurch selbst unwillkührlich in eine bittere Stimmung gegen Amalien, welche sie gegen diese weniger freundlich erscheinen liess, als sie ausserdem gewesen sein würde.

Amalie begann wieder: "Ich kam nur, um Ihnen zu danken –"

"Lassen Sie das," fiel ihr Bella in's Wort und wollte noch Etwas beifügen, als zum Glück für die ziemlich peinliche Stellung, in welcher sich beide Frauen einander gegenüber befanden, Baron von Füssly gemeldet ward, und auch sogleich eintrat.

Amalie bat um erlaubnis, sich entfernen zu dürfen, um sich von der gehabten Ohnmacht auf ihrem Lager zu erholen.

Bella's Kammerfrau begleitete sie die Treppe hinab.

"Sagen Sie mir doch," begann Amalie mit vertraulichem Tone, obwohl dabei ihre stimme merklich zitterte, "kommt der Graf oft zu Ihrer Dame?"

"Meinen Sie den Grafen Szariny oder den Herrn, welcher eben jetzt kam? Sie wohnen mit uns in einem Haus, und sollten nicht wissen, was die ganze Stadt weiss?" gegenfragte die Kammerfrau.

"Mein Gott, so ist es wohl ihr Verlobter? – Den Graf Szariny mein' ich," sagte Amalie immer aufgeregter.

Die Antworten der Kammerfrau blieben