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er gab später eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt.

Talheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut. Aber wie verändert fanden ihn die Pensionärinnen, als er wieder in ihrer Mitte erschien! Die stille, edle Heiterkeit, welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht war, und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte, war spurlos davon verschwunden. Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu graben. Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft, denn alle Freudigkeit seines Herzens war verschwunden. Amalie hatte ihm gestanden, dass sie ihn hintergangen, dass sie ihn nie geliebt hatte. Der letzte Sonnenblick war mit dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen Leben verschwunden; diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen Lüge geworden; und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen, dessen ganzes Reden und Handeln Wahrheit war? – Amalie war stiller, in sich gekehrter, sie behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und Sanftmut, als früheraber das verhängnissvolle Wort war doch gesprochen worden, es konnte nicht wieder zurückgenommen werden. Talheims Milde gegen sie war unveränderlich, wie früheraber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort, keinem innigen blick mehr, er schlang nie mehr, wie sonst, seinen Arm um sie, er drückte keinen Kuss mehr auf ihre Lippen. Von Jaromir, von jener Stunde war zwischen ihnen niemals mehr die Rede, und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden, und also auch immer zwischen Beiden.

Talheims Entschluss war gefasst. Er hatte ihn lange geprüft und erwogen, nun stand er unerschütterlich fest. – Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für ihre beiden Söhne einen Lehrer, welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen begleiten könne. Er hatte sich dazu gemeldet, und war mit Freuden angenommen worden. Der Gehalt, den man ihm zusicherte, war bedeutender, als sein bisheriger.

Er hatte diesen Schritt getan, weil er fühlte, er könne nicht mehr an der Seite seiner Gattin leben, er musste fort von ihr, andere Luft, andere Menschen um sich haben.

Er liebte seine Gattinauch noch jetzt, wo er wusste, dass dieses Gefühl nie eine ähnliche Erwiderung gefunden. Ihre Fehler und Schwächen, die er nicht zu verkennen vermogt hatte, nahm er nicht für individuelle, er entschuldigte sie mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes. Amalie war sein nach Recht und Gesetz, nach dem Ausspruch und Segen der Kirche, sein durch jahrelange Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens, und er liebte sie als sein trautes Weibaber von jenem Augenblicke an, als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer Gefühle gestanden hatte, ward dieses verhältnis für ihn zu einer ungeheuern Lügeer konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten, und dass er es noch vor den Menschen musste, war ihm peinlich. Deshalb suchte er eine Stelle, welche ihm gelegenheit bot, sich von ihr zu trennen, ohne dass deshalb ihre Umgebung ihr ganzes verhältnis durchschauen konnte.

Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht, der Arzt riet zu einer Reise. Talheim hatte dazu keine Mittel, wenn er nicht diese Reise selbst mit seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnteer ergriff also die gelegenheit, die jungen vornehmen Leute zu begleiten, und kehrte dann neugestärkt zu seiner Gattin zurück. Von diesem Standpunkt aus konnte seine Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten, obwohl nebenbei auch nicht gehindert werden konnte, dass andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen.

Während er nun noch daheim weilte, und Amalie, welche wieder kräftig genug war, in den Zimmern umherzugehen, der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den ersten Besuch gemacht hatte, und bei dieser unverholen klagte über die tägliche häusliche Not, kam die Sängerin Bella auch herab, um für sich selbst einen Blumenschmuck auszuwählen.

Henriette Krauss war geschwätzig und gutmütig zugleich, und erzählte Bella im Nebenzimmer, wie krank Amalie gewesen, und in welche Not sie dadurch gekommen, und bat zugleich um eine Unterstützung für sie. Bella war leicht gerührt und immer überaus wohltätig, sobald ihr dies keine grosse Mühe machte. Ihre Wohltaten erteilte sie immer auf eine einfache, vertrauliche und deshalb ungewöhnliche Weise. Sie schrieb einfach an Amalie:

"Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich verteilt. Indem ich mir einen Abend das Vergnügen mache, öffentlich zu singen, verdiene ich zuweilen Hunderte. – Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht. Ich halte es also für meine Pflicht, wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser Ungleichheiten zu sorgen, und da ich gehört habe, dass Sie minder glücklich sind, als ich, bitte ich, die beifolgende Kleinigkeit von meinem Ueberfluss anzunehmen. Lassen Sie aber von dem, was zwei Frauen unter sich ausmachen, keinen Mann etwas wissen, der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes. Wenn Sie mein Anerbieten nicht annehmen, kommt es in minder gute hände, und das sollte mir leid tun. B e l l a ."

Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine Summe in Geld, welche durch die ungezwungene Art, mit der sie geboten ward, ihr doppelt willkommen war. Sie erfüllte den Wunsch der Geberin, sprach mit ihrem Gatten nicht darüber, und befriedigte davon einige Bedürfnisse, deren notwendigkeit dem Männerauge entgangen war.

Nach einigen Tagen, als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte, ging sie zu Bella, um