die Sprechenden sich immer weiter entfernten, kein Wort mehr verstehen konnte. über diesem kleinen Vorfalle vergass Aurelie ganz und gar, dass sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabet nicht im besten Vernehmen gewesen war – sie trat zu dieser und berichtete, mit einem "Denke Dir" beginnend, umständlich und patetisch das Erlauschte und stellte in einem langen Wortschwall Tausend Vermutungen auf, die sich daran knüpfen liessen.
Elisabet hörte geduldig zu und sagte dann lächelnd: "Nun Du ein solches Abenteuer erlebt, bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlornen Schlafes?"
Da besann sich Aurelie erst wieder, dass jene ihr vorhin gezürnt und sie sagte weich: "Vorhin wurdest Du mir böse – ich will Dir zugeben, dass mir mit Deinen Worten Recht geschah, und so soll es wieder gehen wie immer – ich bin vorlaut, Du bist stolz – wir gestehen uns dies ein, und ich selbst bin die Erste, welche nachgiebt. So ist denn wieder Alles bei'm Alten und fiel ich Dir vorhin in's Wort, so hast Du nun die Güte, es zu vollenden."
Elisabet drückte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit niedergeschlagenen Augen: "Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten der Gefährtinnen witzeln über mich. Ich bin es nicht, ich will nur den grossen Vorteil nicht unbenutzt lassen, der mir zu teil geworden, indem ein Talheim unser Lehrer ist. Ich würde mich dieses Gefühlsunwert fühlen, wenn ich nicht danach streben wollte, dies auch zu verdienen – – Aber wie kannst Du denken, nur Eitelkeit sei im Spiel, wenn ich darüber klage, dass Talheim nicht gekommen?"
"Nun wirklich," lachte Aurelie pfiffig, "da machst Du ein naives geständnis, so bist Du wohl gar in Talheim verliebt?"
"Welch' einfältiges Wort und welcher noch einfältigerer Gedanke! Siehst Du dort", und Elisabet legte sich mit dem Oberkörper ein wenig vor und deutete mit der Hand nach dem geöffneten Fenster, "siehst Da da oben den kleinen Stern am Himmel, der gerade unter dem Orion steht? Er ist verschwindend klein gegen dies glänzende Sternbild und Niemand, der jenes nennt, nennt und zählt ihn mit – aber deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter. Was wär' es denn weiter, wenn ich jener kleine Stern wäre und Talheim mein Orion? Wenn ich in seiner Bahn ihm nachwandelte, unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein Stern neben dem andern?"
"Was schwärmst Du wieder?"
"Ja, so seid ihr," seufzte Elisabet und wieder den gewöhnlichen Gesprächston annehmend, sagte sie kurz: "Talheim's Gattin ist dem tod nahe, er will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns entschuldigen lassen. Aber das ist nicht Alles. Erst gestern, als ich bei meiner Tante zum Besuch war, habe ich dort zufällig gehört, was mich in's Innerste bewegt hat."
"Nun, das wäre? –"
"Talheim soll so arm sein, dass er sich seiner Frau wegen die grössten Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die grösste Not gestürzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht, jeden Dienst ihr leistet und unter den quälendsten Sorgen ringt. Ach, Aurelie, in diesem Augenblick, wo wir friedlich zusammen sprechen, kniet er vielleicht in Verzweiflung, dass er der sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfüllen kann, an ihrem Schmerzenslager, und eine Hand voll elenden Goldes könnte sie zwar nicht dem Leben erhalten, aber es ihr doch leichter machen, zu sterben, und er wäre doch der niedrigsten aller Sorgen entoben."
"Das tut mir wirklich leid, wenn er so unglücklich ist – Armut muss doch sehr schlimm zu ertragen sein – Aber wie können wir es ändern? Einem Bettler könnte man schon helfen – ihm aber nicht."
"Es ist freilich hier nicht so leicht, aber doch nicht unmöglich. – Das ist es, worüber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe. Ich muss aber vor allen Dingen wissen, ob jenes Gerücht von Talheim's Armut wirklich wahr ist. Ich habe mich heute bei unserm Laufmädchen nach seiner wohnung erkundigt und erfahren, dass eine Blumenmacherin mit ihm in einer Etage wohnt, zu ihr will ich morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft, vielleicht wird es mir auch gar durch diese möglich, ihm helfen zu können, oder der Zufall gibt mir irgend ein andres Mittel an die Hand. Willst Du mich nun morgen zu der Blumenmacherin begleiten? Wir sagen, dass wir zu Deinem Verwandten Obrist Treffurt gehen, schikken an der Haustüre den Bedienten heim, tun dann erst unsern gang und begeben uns dann zu Treffurt's, wo der Bediente uns wieder abholen mag. Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen, den wir längst versprochen."
Aurelie war mit Allem zufrieden, hatte vermutlich aber heute weiter keine Lust, noch mehr von Talheim zu hören, und sagte deshalb der Freundin herzlich, aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe. Sie überliess sich den Gedanken über die am heutigen Abend gehörten Worte, die ihr anmutige heitre Bilder vor die Seele zauberten, bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise fortsetzte. Aber aus Elisabet's Augen schlich leise eine Träne nach der andern und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern, wie sie ihren