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Andere rümpften die Nasen, und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen über die neue Freundschaftnur Aurelie, die immer mutwillig, und in ungezähmter heitrer Laune war, sagte: "Ach, ich bitte Euch, welche sentimentale Scene! Ich glaubte eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort, als hier, zu erleben, und niemals hätte ich mir träumen lassen, dass Du, Elisabet, über eine Kinderei unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen könntest! Ich warte schon lange auf Dich, und wir müssen sehr eilen, wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben hast. –"

"Ja, wir haben Eile," sagte Elisabet, "aber auch Du, Aurelie, konntest? –"

"O, ich war nicht im Geringsten besser, als die Andern. – Wenn ich aber eine zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhören soll, so muss ich mir dabei ein Liedchen singen." Und indem sie dies gesagt hatte, fing Aurelie an eine Tyrolienne zu jodeln.

Elisabet antwortete nicht, nahm Aureliens Arm, und so gingen sie, von dem längst harrenden Diener gefolgt, schweigend durch die Strassen. Im haus von Obrist Treffurt, als sie den Diener fortgeschickt hatten, sagte Elisabet; "Es ist zu spät geworden, als dass wir Beide zu der Blumenmacherin gehen könnten, geh' Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten, hier durch den Garten ist es nicht weit, und ich komme bald zurück."

Aurelie sah sie erstaunt an: "Du willst uns Alle hofmeistern, und dies soll die Strafe sein, die Du für mich ausgesonnen hast," sagte sie erbittert, "aber Du bist in meiner Hand, sobald ich Alles sage. – –"

"Du bist mutwillig, aber Du bist nicht hinterlistigDu wirst mich also nicht verratenund wenn Du es tun könntest, so scheue ich auch das Unangenehme nicht, was mich allein trifft."

Elisabet schlüpfte schnell durch den Garten, und hatte dann nur wenig Schritte zu gehen, so stand sie in der Klosterstrasse vor dem haus Nr. 18.

Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten, hohen Treppen hinauf. Sie hatte sich ausser Atem gelaufen, und musste ein Wenig ausruhen, als sie in der 2. Etage anlangte. An der tür links, die nach dem Hinterteile des Hauses zu führen schien, stand der Name: Doctor Talheim. Unwillkührlich lief Elisabet nach der entgegengesetzten tür, und zog hastig an der Klingel: Wenn er jetzt käme! dachte sie ängstlich. An dieser tür war ein grosses, rotes Schild befestigt, worauf mit goldnen, stattlichen Buchstaben zu lesen war: "Blumenfabrik von Henriette Krauss."

Ein Dienstmädchen kam heraus, bat Elisabet, einzutreten, indem sie ihr auch eine zweite tür öffnete.

Es war ein grosses, helles Zimmer, ringsum mit Glasschränken, in welchen die von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen künstlich geschaffenen Blumen in den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten. Aus einer Nebenstube schallte helles Gelächter vieler weiblicher Stimmen. Es war das Arbeitslocalaus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschäftes, Henriette Krauss, ein Mädchen von ungefähr dreissig Jahren, eine verblühte Schönheit, welche derselben durch etwas auffälligen, dabei nachlässigen Putz nachzuhelfen suchte. Ein Kind von etwa drei Jahren, mit einem braunen Lockenköpfchen und wunderbar grossen, tiefblauen Augen drängte sich ihr nach.

"Womit kann ich dem fräulein dienen?" fragte Henriette mit verbindlichem Knix, und Elisabet verlangte ein Hutbouquet. Während sich nun das Gespräch um die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabet, dabei verlegen nachsinnend, wie sie wohl das Gespräch auf Talheim bringen könnte, eine Anzahl blauer Blumen in der Hand hielt, sagte das Kind, sie gross ansehend:

"Blau gefällt dem Papa am Bestennicht wahr blau? Und ich gehe auch blau," fügte es, auf sein blaues Kleidchen deutend, hinzu.

"Geh hinein, Annchen," sagte die Verkäuferin, "Du sollst nicht immer mit heraus kommen, wenn Damen da sind."

"Ich habe aber die schönen Damen lieb," versetzte die Kleine.

Elisabet neigte sich zu ihr: "Mich auch?" fragte sie. "Kennst Du mich denn?"

"Nein," antwortete Annchen kleinlaut, und fing an mit der goldnen Kette zu spielen, welche an Elisabets Halse herabhing. Diese fragte:

"Wie heisst Du denn weiter, Anna?"

"Es ist das einzige Kind vom Doctor Talheim, der mit mir in einer Etage wohnt," antwortete Henriette für das Kind. – "Die arme Mutter ist so krank, überhaupt immer so hässlich gegen das liebe Kind, dass ich es seit mehreren Wochen ganz mit zu mir herüber genommen habe."

Da war nun auf einmal Elisabet der Erreichung ihres Zweckes so nahe!

"Ist die Doctor Talheim ohne Aussicht auf Rettung krank?" fragte sie.

"Es wäre ihr wohl eine baldige Erlösung zu wünschen, freilich mehr noch für Mann und Kind, denn sie ist die grilligste Kranke, die mir vorgekommen, und dadurch ist die Not auf's Höchste bei ihnen gestiegenman sieht es dem Doctor an, wie viel er leidet, obwohl er es Allen zu verbergen strebter ist der edelste Mann, den ich kenne."

Während die Blumenfabrikantin so sprach, spielte das Kind noch immer mit Elisabets Fingern unter dem seidnen Handschuh, und diese sagte jetzt zu jener leise