auf diese Weise sie zufällig zu sehen, einen Wink, einen Ruf von ihr zu erhalten – lange war es aber vergebens, bis endlich eines Abends eine Rose zu seinen Füssen fiel, an welcher ein Zettel befestigt war. Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen, er drückte es entzückt an seine Lippen und las dann bei'm Schein der nächsten Laterne den Zettel. Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben – es war nicht Bella's zierliche Handschrift – aber in der Eile war es wohl möglich, dass sie so nachlässig geschrieben hatte. Er las verwundert lächelnd: "Wir dürfen uns einander nicht nähern, aber mein Herz bewahrt für Jaromir unverändert dasselbe Gefühl."
Er wusste sich diese Worte nicht recht zu deuten – hatte Bella irgend ein andres verhältnis angeknüpft, dass er sich ihr nicht nähern dürfe? Er musste darüber Gewissheit haben, und eilte am nächsten Morgen zu ihr. Sie empfing ihn mit fröhlicher Ueberraschung. Er wollte endlich Ausschluss über die Rose – das war vergebens, denn sie war nicht von Bella gekommen – diese vermutete endlich, eines ihrer Kammermädchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit machen wollen – man liess die Sache auf sich beruhen, und vergass sie bald in den ersten frohen Tagen zärtlichen Wiedersehens. Aber Wochen waren vergangen, und Jaromir erlag wieder dem Dämon, der ihn unaufhörlich verfolgte, seitdem er in der vornehmen Welt lebte: der Langeweile. Auch Bella war ihm langweilig geworden.
In solcher Stimmung erhielt er Talheims Billet.
Er las den Namen: Amalie – und die Erinnerungen seiner frühen Jugend wachten wieder auf.
Nicht Amaliens Bild war es, was ihn jetzt am Meisten bewegte, denn er hatte längst aufgehört, sie zu lieben – ihn bewegte das Bild dessen, der er selbst in jenen Tagen gewesen war: glücklich und zufrieden bei allen Sorgen, denn er nannte ein Herz sein, für das er sich mühen, und an dem er dann ausruhen konnte – er hatte stolz und selbstbewusst in's Leben schauen können – er hatte markige Jugend- und Geisteskraft in sich gefühlt, die ganze Welt zu erobern, er hatte sich vertrauend in die arme des bewegten Lebens geworfen, und fröhlich auf die eigne Kraft gebaut – er hatte wohl Schmerz und Kümmerniss empfunden – aber nie Langeweile – er hatte nie mit seinen Gefühlen gespielt, nie über das eigne Herz sich lustig gemacht, wie er es jetzt so oft tat.
Und er streckte jetzt sehnend seine arme aus nach dieser Vergangenheit, und er hatte sie für ewig verloren.
Amalie, die erste, die einzige reine und allmächtige Liebe seiner Jugend, war eine Sterbende – und sterbend, wie sie, das fühlte er, war sein besseres, unentweihtes Selbst! Er drückte die hände vor die Stirn und versank wieder in lange, bange Gedanken.
IV. Nr. 18 in der Klosterstrasse
"Die Kette, die die Herzen band,
ist nun zerstückt, zerschellt"
Otto v. Wenkstern.
Die beiden Pensionärinnen, Elisabet von Hohental und Aurelie von Treffurt, waren im Begriff, ihr Vorhaben auszuführen, welches sie in später Nacht beschlossen hatten. Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen, welche mit Talheim in einer Etage wohnte. Elisabet, sonst nicht gewohnt, viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden, machte sie heute mit besondrer Sorgfalt. Sie war ganz in Weiss gekleidet, nichts Farbiges war in ihrem Anzug. Als sie in den Garten trat, wo Aurelie sie erwarten wollte, und die andern Mädchen versammelt waren, blieb Elisabet in der tür stehen, weil sie die Gefährtinnen in Aufregung, wie es schien, in einem Streit gewahrte, und erst von fern sehen und hören wollte, was es gäbe, ehe sie sich in eine Sache mische, für welche sie vielleicht kein Interesse hatte. Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges, die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gestützt, und blieb in lauschender Stellung.
Pauline Felchner stand in der Mitte der andern junhochmütigen, zürnenden Blicken auf sie sahen.
"Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen!"
"Ich habe es immer gesagt, sie taugt besser zu dem Bettelvolk, als zu uns – es ist ja ihres Gleichen."
"Ihr Geld ist ja das einzige, worauf sie stolz sein kann!"
So und ähnlich schallten die Reden von Paulinen's Gefährtinnen. Sie selbst brach endlich in Tränen aus u n d sagte: "Ihr mögt mich schelten, wie Ihr wollt, hättet Ihr nur das arme Mädchen in Frieden gelassen – ich bin es ja schon gewohnt, um Nichts von Euch verachtet zu werden."
"O, sie tut noch hochmütig –" sagte Aurelie, "aber dort steht Elisabet – es ist Schade, dass sie nicht da war – ein Wort von ihr würde Paulinen so imponirt haben, dass sie nicht zu antworten wagte."
"Elisabet ist kalt und stolz, aber sie ist nicht ungerecht, sie hat mich niemals beachtet, aber sie ist nicht fähig, Jemandem absichtlich Unrecht zu tun," sagte Pauline entschieden.
Elisabet trat vor – sie sah Paulinen gross und verwundert an – womit hatte sie es verdient, um Paulinen verdient, dass diese eine so ehrende Meinung von ihr hegte? In diesem Augenblicke, als die stille Pauline ihre grossen blauen Kinderaugen o vertrauend auf Elisabet richtete, als suche sie bei ihr Schutz gegen die Unbilligkeiten der Andern, drang dieser blick so tief in