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Teorien, die sie etwa verwirklichen wollten, wussten sie Nichts, die spukten nur in Wilhelms Kopf, welcher sie in unklaren Reden zu verbreiten suchte, aus denen Jeder die Sache nur gerade so verstand, wie sie in seinem Gedankenkram passte. Darin waren sie einig, dass sie Alle E t w a s z u r ä c h e n hatten an dem Fabrikherrn: Hunger, Frost, Blösse, Krankheit, verstümmelte Glieder, Tod oder Elend ihrer Kinder, harte Behandlung und all' die Not und sorge von einem jammervollen Tag zum andern. Ihre leiblichen Bedürfnisse waren es, welche jetzt diesen Wutausbruch hervorgerufenund wie viel er hier unbefriedigt gelassen und doch hätte befriedigen können, wenn er menschlich gewesen, das w u ss t e n sieaber ein unklarer I n s t i n k t drängte sie in gleicher Weise zur Rachejener Instinkt, welcher sie hiess, für Alles, was in ihren und ihrer Kinder Seelen Gutes und Edles und Bildungsfähiges erstickt und todtgeschlagen worden war, durch all' ihr äusseres Elend, sich auch dafür zu rächen und eben gerade dadurch, dass sie ihrer Entsittlichung und Verwilderung in ihrer schlimmsten Art und ohne Zügel verderbensvoll walten liessen.

Der Abend begann schon herein zu dämmernim Haus des Fabrikanten herrschte Todtenstille. Alles war in banger Erwartung des Kommenden, was man tun konnte, war getan. Es blieb nichts Anders übrig, als zu warten. Dieses Warten war fürchterlich!

Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer, die Vorsicht war nicht nötig, da nun das ganze Haus verrammelt war. Aber sie war allein in ihrer stube geblieben, weil sie bei diesem Ereigniss ganz anders dachte und fühlte, als die Andern alle, welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren.

"Das Alles wäre nicht geschehen, wenn mein Vater nicht seine Härte und Unbarmherzigkeit auf's Aeusserste getrieben hätte, es wäre nicht geschehen, wenn seine Geschäftsführer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt hätten! Und das Verbrechen, das jetzt diese armen entehrten, gemisshandelten, gequälten Menschen begingen, was war es denn anders, als ein zweites Verbrechen, um ein erstes zu rächen? Was war es denn anders, als eine zweite schlechte Tat, die eine erste voraussetzte, ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr Geschehen eben voraussetzte? Und selbst diese rohen abscheulichen Töne, welche wie ein tierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamenwas waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen natur, welche zum tierischen Stumpfsinn herabgestossen und entwürdigt wardurch andere Menschen?" So sagte sie zu sichaber sie wollte die grauen Haare ihres Vaters ehren und nicht jetzt, wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr, um sie auszuraufen, seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren, sie wollte nicht zu ihm sprechen: "Vaterich hab' es Dir vorausgesagtwie ein Strafgericht Gottes kommt es nun über unsund wir dürfen in der Stunde der Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Häupter zu ihm aufheben, wir müssen sie in Demut neigen und still Alles dulden." Sie wollte ihm das nicht sagen, denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und sie fühlte es wohl: jetzt richtete Gott durch seine geschändeten, verstümmelten Creaturenaber vielleicht hätte sie doch auf sein Klagen, das mit Beten und Fluchen abwechselte, etwas Hartes erwidertund darum wich sie ihm aus.

Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen Zimmer? Als sie es zum ersten Mal betreten, wo sie kurz vorher die erste Ahnung von dem Elend der Armut empfangen hatte, war sie schon vor der Pracht dieses Zimmers erschrockenes war ihr, als hänge der Jammer von Hunderten daranund nun vollends! Sie schauderte vor diesem Ueberfluss und sie begriff, dass die Armen ein Recht hätten, die Reichen nicht nur zu b e n e i d e n , sondern auch zu v e r a c h t e n .

Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses, um weiter sehen zu können, ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrührer erspähen könneob sie vielleicht Franz gewahre. Ihn sah sie nicht. Aber sie sah, wie die Arbeiter mit den Bauerburschen, Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen, mit den Frauen in dem Schutt eines zertrümmerten Gebäudes Steine zusammensuchtenund schaudernd wendete sich Pauline ab.

Dann lief sie wieder hinunter, fragte, was weiter geschehen sei. Man zuckte die Achseln. – "Die Gefahr und der Pöbel wächst wie eine anschwellende Wasserflutwir können noch Grässliches erleben, ehe die Hilfe kommt."

Dann fasste sie wieder Friedericken, die ihr das einzige fühlende Wesen schien, welches sie verstehen könneaber Friedericke jammerte immer nur über das ganze Unglück und dass Wilhelm auch mit dabei seiund nun könnten sie sich im Leben nicht heiraten!

So dämmerte denn der Abend herein.

Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still.

Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte: "Herr, wie Du willst!"

Da war es plötzlich, als bebte das ganze Haus von einer ungeheuern Erschütterung.

Sie fuhr zusammendurch ihre Seele zuckte eben so plötzlich ein kleiner Gedanke: "Ach, möchte' es zusammenstürzen, dies auf Flüchen erbaute Haus, wenn es nur mich und ihn